Freitag, 13. März 2026

Buena Vista Social Club, Wim Wenders im Gespräch, Film und Anschlusskonzert mit

The Sarahbanda, Sara Willis (Horn), Alte Oper Frankfurt, 12.03 2026

Foto: H.boscaiolo

Wim Wenders in Frankfurt

Ein gigantomanischer Konzert-, Film- und Gesprächsabend sollte es im bestens besuchten großen Saal der Alten Oper Frankfurt werden, mit keinem Geringeren als Wim Wenders (*1945), Regisseur, Filmemacher, Fotograf und „im Hauptberuf Reisender, der sich im Landkarten-Lesen gern verliert“, wie er selbst im Gespräch mit der FAZ-Journalistin Eva-Maria Magel gesteht. 

Eine Woche besucht er Frankfurt, stellt eigene Filme vor und lässt sich in Diskussionen mit diversen Freunden und Kritikern ein.

Eva-Maria Magel und Wim Wenders im Gespräch
Foto: Wonge Bergmann

Ein Film von ihm und über ihn

Wim Wenders spricht an diesem Abend vor allem über die Entstehung des Dokumentarfilms Buena Vista Social Club (1999), einer, der auch eine Menge über ihn selbst erzählt. Bekanntlich hat der Film, betitelt nach dem gleichnamigen Label des Gitarristen und Freundes, Ry Cooder (*1947), aus dem Jahre 1997 mit mehr als acht Millionen verkauften Tonträgern, in der gesamten westlichen Welt Furore gemacht und neben der Salsa-Bewegung eine touristische Flut in das noch junge sozialistische Land mit all seinen ideologischen und emotionalen Folgen gespült.

Auch Wim Wenders gehörte zu dieser Klientel, erzählte er doch sehr eindrücklich, wie er erstmals diese Musik hörte, sofort Feuer fing und im Jahre 1998 eine dreiwöchige Reise mit Ry Cooder nach Havanna unternahm, um neben dem geplanten neuen BVSC-Album (Ry Cooders Plattenlabel) Dokumentarfilmaufnahmen zu produzieren.


Spontan – brillant – natürlich – elegant

Alles kam anders als er dachte. Mit völlig falschen Vorstellungen traf er auf alte Künstler, viele hatten die 80 Lebensjahre bereits überschritten. Dazu war die Zeit seiner Crew, bestehend aus zwei Leuten (Toningenieur Martin Müller und Kameramann Jörg Widmer) äußerst knapp bemessen und sein Filmmaterial, bestehend aus einer Sony Digi-Beta Steadicam und einer winzigen Sony Mini-DIV-Kamera - rein digital und damals revolutionär - im Gebrauch dürftig und völlig neu. 

Heraus kam ein spontan gedrehter kompletter Digitalfilm, der sich mit Ergänzungen (Stichworte: Amsterdam und New York) zum wohl ersten und erfolgreichsten Musikfilm mauserte und bis heute an Brillanz, Eleganz und Natürlichkeit nichts eingebüßt hat.


Ibraim Ferrer und Omara Portuondo (aus dem Film Buona Vista Social Club
1999 Road Movie Wim-Wenders-Stiftung, Alte Oper Frankfurt)

Puls des kubanischen Son

Hier kommt der Charakter des Regisseurs voll zum Tragen, wenn er davon spricht, wie er die Spontaneität liebt, die vorauseilenden Absichten für ein Verderben hält und diesen Film zu seinen freiesten und erfindungsreichsten zählt. Zitieren wir ihn kurz dazu: „Vom Stativ zu drehen wäre mir zu steif gewesen, aus der Hand zu nervös.“ 

Die spontane Art des Filmens habe den Puls des kubanischen Son (eigener kubanischer Musikstil kombiniert aus afrikanischer Rhythmik und spanischer Liedtradition) voll zu Geltung bringen und die Hauptdarsteller ungezwungen und natürlich auftreten lassen.

Wim Wenders und Ulrich Felsberg (Mit-Produzent und Freund)
Foto: H.boscaiolo

"Machen bedeutet erfinden"

Wim Wenders kritisiert unverhohlen die modernen „Gremienfilme“, Filme in die sich die diversen Filmförderer bis ins Detail einmischen und entsprechend ihre Gelder verteilen (sinngemäß: heute muss man ein Drehbuch schreiben bis ins kleinste Myon. Das standardisiert die Inhalte und es kommt nicht selten vor, dass man dokumentarisch erst das Ende filmt, um dann an den Anfang zu gehen. Ein Widersinn, der jedes Dokumentieren unmöglich macht).

Er selbst verfolge die Maxime: Machen bedeutet Erfinden. Das Abenteuer liege im ungewissen Ausgang. So habe er den Großteil seiner Filme organisiert und erwähnt dabei seinen Dokumentarfilm Das Rauschender Zeit (2023), mit dem Maler Anselm Kiefer gedreht, oder auch die Toilettenreinigungsszene aus seinem Film Perfect Days (2023), die ohne Spontaneität und Sinn fürs Ungewisse nichts geworden wären.


Geld – Zeit – Sinn

Auf die Frage der Gesprächspartnerin, warum er so gelassen und selbstzufrieden wirke, antwortet er mit einer Anekdote aus seinen 1980er Hollywood Zeiten. Immer habe dort Ungewissheit über das Geld, die Zeit und den Sinn der Produktion geherrscht. Seine Lebenslehre daraus lautete deshalb: Alles hängt ab vom Geldfluss, von der Zeit und der daraus resultierenden Machbarkeit der Produktion. Diese Maxime habe ihn bis heute geleitet.

Wenn diese Faktoren stimmen, was aber große Eigeninitiative und Entscheidungswille voraussetzt, dann funktioniert auch das Filmemachen. Bezogen auf Buena Vista Social Club heißt das: kurze Zeit, geringes Budget und Liebe zur Arbeit. Zwinker-Smiley. Was will man mehr.

Herausgekommen jedenfalls ist einer der besten Musik-Dokumentarfilme aller Zeiten.

Buena Vista social Club (aus: Trailer zum Film 1999)

Freude – Nähe – Charaktere

Gut einhundert Minuten auf großer Leinwand und bei bester Tonqualität folgen. Damals von ARTE und ICAIC (kubanisches Gegenstück) gefördert. 

Man spürt die Freude und die Nähe zu den namentlich genannten neun Künstlern. Darunter der Gitarrist Combay Segundo, die Sänger Ibrahim Ferrer und Pio Leyva (damals schon 90 Jahre alt), die Sängerin Omara Portuondo (*1930) sowie Eliades Ochoa, Tres-Spieler (eine sechssaitige Laute mit afrikanischem Ursprung), oder auch Rubén Conzáles am Klavier: Allesamt eigenwillige aber liebenswerte Charaktere, in einfachsten Verhältnissen aufgewachsen.


Phantasmagorie

Oftmals hatten sie bereits ihre künstlerische Karriere beendet und plötzlich, wie ein Blitz aus heiterem Himmel, werden sie weltberühmt. Ein Märchen, wie es fantastischer kaum sein kann. All das beschreibt der Film in eindrücklichen Bildern, wunderbaren Geschichten der Protagonisten, immer im Wechsel mit Szenen aus Havanna, dem Buona Vista Social Club (ursprünglicher Name: Sociedad de Recreo Buona Vista), Besuche in den ärmlichsten Wohnungen, und die gigantomanischen Auftritte im Amsterdamer Koninklijk Theater Carré (Amstel Theater) sowie der Carnegy Hall, mit vollbesetzten Rängen und ausgelassenster Stimmung.

Selbst das Aufrollen der Kubanische Fahne im Kuba feindlichen New York ließ die Beifallsstürme nicht verebben.

Dazu Szenen aus der City mit Ferrer, Segundo und Portuondo, die einem das Herze brechen. Die wundersame Welt des Reichtums und ihre Fülle bricht über die vom Leben gezeichneten und ihrer Son Cubana verhafteten Menschen herein wie eine Urgewalt. Eine Welt, die sie überwältigt und wie ein Geschenk des Himmels erscheint.


Wim Wenders (Foto: Deutsche Filmakademie)

Tanz für die Köpfe

Aus heutiger Sicht irgendwie bedrückend, weiß man doch, wie sich die USA vor der Revolution gegenüber Kuba versündigten und nach der Revolution bis heute ein Embargo über diese Insel verhängen, die das Land niemals zur Blüte kommen lässt. Selbst aktuell spricht man vom Regime Change und lässt das Land am ausgestreckten Arm verhungern.

Ein Film, der heute noch tief beeindruckt, beschreibt er doch neben bester Son Cubana (nach der Revolution in Vergessenheit geraten und nur von den genannten Protagonisten noch gekannt und gekonnt), wie Musik die Menschen zusammenfinden lässt und wie Mambo, Bolero, Cha-Cha-Cha und nicht zuletzt Salsa (alles Ergebnisse des Son Cubana) nicht allein in die Beine, sondern auch in Köpfe der Menschen gehen sollte.

Kuba ist bis heute für viele links orientierte Menschen ein Zufluchtsort der Gefühle, der geheimen Wünsche und der ausgelassenen Musik. Tatsächlich ist Kuba bitter arm und doch so reich an Menschlichkeit und Humanismus. Daran konnte auch ein Che Guevara, ein Fidel Castro wie auch der jetzige Präsident Miguel Diaz-Canel nichts ändern, geschweige denn die USA.


CD-Cover von Sarahbanda 

In der ganzen Welt zuhause

Warum nach dieser bereits zweieinhalbstündigen Vorstellung noch Sarahbanda eine Auftrittsmöglichkeit erhielt, weiß nur der Veranstalter.

Bekanntlich ist der Bandleader keine Geringere als die Hornistin Sarah Willis (*1968), die als gebürtige US-Amerikanerin, ähnlich wie Wim Wenders, in der ganzen Welt zuhause ist, und offen ihre Kubaphilie bekennt. Seit 2020 hat das Mitglied der Berliner Philharmoniker eine Dependance in Havanna aufgebaut und ist zunächst mit dem Havana Lyceum Orchestra (gegründet 2016) aufgetreten. 

Mit diesem hat sie drei Alben unter dem eingängigen Sammel Titel: Mozart y Mambo veröffentlicht, womit sie eine Verbindung von kubanischer Musik und westlicher Klassik herzustellen beabsichtigt und damit auch Erfolg hat. Ihr Auftritt im August 2023 im Rahmen des Rheingau Musik Festival spricht dafür Bände.


Sarahbanda in der Alten Oper Frankfurt
dritter von links: Carlos Calunga
Foto: H.boscaiolo

Sarahbanda modernes Buena Vista?

Die umtriebige Allrounderin hat sich diesen Erfolg zunutze gemacht und eine eigene Band unter dem Namen Sarahbanda gegründet, ein Oktett (dazu sie selbst) aus kubanischen Musikern, darunter Yuniet Lombida, Saxophon, Harold Madrigal, Trompete, Aylin Pino, Violine, Edgar Olivero, Klavier, Carlos Garcia, Kontrabass, Alejandro Aguiar und Adel Gonzáles, Perkussion. 

Nicht zu vergessen der Sänger mit kräftiger Tenorstimme, Carlos Calunga, der sich dem Oktett zur Verfügung stellte

Sehr junge Musiker, die bekannte kubanische Songs, wie beispielsweise das berühmte Chan Chan von Combay Segundo, Klassik mit Kuba verknüpfen, darunter Mozart (Mozart y Mambo), Bach und Tschaikowsky, aber auch alten Son Cubana wiederbeleben, wie Songs von Moisé Simon, oder Marcelino Guerra.

Sarahbanda
v. l.: Sarah Willis, Carlos Calunga, Carlos Garcia, Harold Madrigal Frias
Foto: Wonge Bergmann

Crossover für den kubanischen Salsa

Eine Crossover Gruppe möchte man meinen, mit für den kubanischen Salsa ungewöhnlicher Klangfarbe eines Horns gemischt. Gerade in der Klassik Szene macht sich diese Band einen Namen und kam mit ihrer Performance ebenso auf der großen Bühne der Frankfurter Alten Oper sehr gut an.

Sarah Willis ist eine exzellente Entertainerin, die ihre Bandmitglieder bestens präsentiert und im eigentlichen Sinne eine Stimmungsmaschine verkörpert. Ihre Musik ist weit entfernt von dem wunderbaren Son Cubana, dafür aber professionell gekonnt arrangiert und für Tanzevents und Festivals absolut empfehlenswert.


Buena Vista bleibt Buena Vista

Dennoch bleibt eine gewisse Eintrübung des Filmmusik- und Gesprächsabends, denn die Seele des Son Cubana war entschwunden, hatte sich aufgelöst. 

Ihr Chan Chan-Versuch, die bekannteste Erkennungsmelodie der Buena Vista, blieb doch weit hinter dem Gesang und dem Feeling von Ibrahim Ferrer, Pio Leyva und Omara Portuondo zurück. Sie sind nicht ersetzbar, auch nicht neu zu intonieren.

Sarahbanda
Mitte mit Horn: Gründerin Sarah Willis
Foto: Website
2001 – „Triumph der kubanischen Greise“

Sarah Willis stellte in ihren kurzen Erläuterungen immer wieder Bezüge zu Buena Vista ... her, aber dabei blieb es auch. Eine kurze Episode, die vielleicht erheiterte, aber die musikalische Tiefe des wunderbaren Films und den sinnreichen Dialog zwischen Wim Wenders mit der angenehm zurückgenommenen Eva-Maria Magel, eher banalisierte als ergänzte.

Schade. Sarahbanda einmal Solo wäre absolut okay, aber nicht in diesem Kontext. Ansonsten ein großartiger Abend mit vielen Erinnerungen an den legendären Auftritt von Buena Vista Social Club in der Frankfurter Alten Oper im Jahre 2001. 

Der Spiegel erlaubte sich damals folgenden Titel seines Kommentars: „Triumph der kubanische Greise … zwar müssen Rubén Conzáles und Ibrahim Ferrer mittlerweile schon auf die Bühne geführt werden, doch bringen die beiden Kubaner mit ihrer 16-köpfigen Band das Publikum noch immer zum Toben.“

Der Film gab ein nachhaltiges Erinnern daran und der Beifall des Publikums war bemerkenswert.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen