Mittwoch, 18. März 2026

Hommage an Mikis Theodorakis, Benefizkonzert zu seinem 100sten Geburtstag, Alte Oper Frankfurt, 17.03.2026

Mikis Theodorakis (Foto: Louisa Gouliamaki)

Jahrhundertikone

Mikis Theodorakis (1925-2021) ist eine Jahrhundertikone. Er hat musikalisch wie menschlich eine ganze Epoche geprägt, hat sich als ganzer Mensch in die geschichtlichen Vorgänge eingemischt und durch sein musikalisches Schaffen bis heute die Gemüter in Kultur und Politik erhitzt, berührt und zum Nachdenken aufgefordert.

Arthur Miller schrieb einmal über ihn und seine Musik: „Mikis Theodorakis in ein unglaublicher Mann, der in Griechenland einen lebenslangen Kampf für die Musik geführt hat und zugleich für die Freiheit, die evidenterweise die Musik begleiten muss. Ich bezweifle, ob es ein anderes Leben gegeben hat, das so stark die Zusammenhänge zwischen revolutionärer Kunst und politischer Freiheit aufzeigt.“ Dem gibt es nichts hinzuzufügen.


Manolis Mitsias (Foto: Website)

Benefizveranstaltung

Das Konzert in der Alten Oper Frankfurt hat die Erinnerung an ihn wieder lebendig werden lassen. Es stand im Zeichen einer Benefizveranstaltung für die Kinderschutzambulanz der Universitätsklinik Frankfurt im Rahmen der Stiftung Griechisches Haus – „Elliniko Spiti“ (gegründet 2019 in Frankfurt am Main, Vorstandsvorsitzende: Dr. Kyriaki Archavlis), eine Einrichtung, die sich zur Aufgabe gestellt hat, die kulturelle Identität Griechenlands zu bewahren und in diesem Sinne Individuen und Einrichtungen zu fördern. An diesem Konzert- und Liederabend galt es, Geld für die besagte Frankfurter Kinderschutzambulanz (Vorstand: Prof. Dr. Matthias Kieslich) zu sammeln.


Alexandra Gravas (Foto: Antonis Kyrou)

Vier ausgesuchte Künstler

Kommen wir zu den Gestaltern des wirklich beeindruckenden Liederevents im voll besetzten Mozartsaal der Alten Oper Frankfurt. Vier Künstler, die allesamt mit Mikis Theodorakis arbeiteten, darunter der legendäre Begleiter und Sänger Manolis Mitsias (*1946), ein lyrischer Bariton mit Stimmgewalt, die Altistin und Begleiterin von Mikis Theodorakis, Alexandra Gravas (keine Geburtsdaten bekannt), in Offenbach am Main geboren und zur zweiten Generation der griechischen Auswanderer gehörend, mit einer Stimme wie für die Lieder von Mikis Theodorakis geschaffen. 

Dann noch zwei Musiker: Der Pianist, Arrangeur und Leiter des Abends, Achilles Wastor sowie Iraklis Zakkas an der Bouzouki (eine griechische Laute). Beide echte Griechen und Meister ihrer Instrumente.


Liederzyklen – Filmmusiken

Alexandra Gravas, keine Unbekannte in Frankfurt und bereits in der Alten Oper auf mehreren Benefizkonzerten präsent, drückte mit ihrem Charme und ihrer Lebensfreude diesem Konzert und Liederabend durchaus ihren Stempel auf.

Mit insgesamt 29 Liedern, überwiegend aus den Lieder-Zyklen Epitaphios (1958), Romiosini (1966), Ta Lyrika (Vertonungen bedeutender griechischer Lyrik) und Axion Esti (1960), aber auch Songs der Filmmusiken wie Les Amants de Teruel (1962) und natürlich Alexis Sorbas (1964), sangen beide abwechselnd oder im Duett ihre Favorites.

v. l.: Achilles Wastor, Alexandra Gravas, Manolis Mitsias, Iraklis Zakkas
Foto: H.boscaiolo

Lieder eines Teenies

Gleich zu Beginn stiegen sie mit einem Duett ein: „Mit dem Licht der Sterne ging ich hinaus in den Himmel“, drei Lieder aus dem Epitaphios Zyklus.

Dann ein Highlight aus der Frühzeit des kompositorischen Schaffens des Meisters: Lieder aus der Jugendzeit. Theodorakis hatte sich bereits als 17-jähriger Teenie einen Namen als begnadeter Künstler gemacht und schloss sich gleichzeitig auch dem Widerstand gegen die deutsche, italienische und bulgarische Besatzung auf der Peloponnes an.

Drei davon sang Alexandra Gravas aus der Zeit um 1942. Zusammengefasst in Der Herbst mit Texten seines Bruders Janis. Tieftraurige Liebeslieder mit klassischer Begleitung am Klavier, so gar nicht der griechischen Folklore folgend, aber mit großer Verve vorgetragen. Die beeindruckende Frühreife des Künstlers war hier bereits manifest geworden.

v. l.: Achilles Wastor, Alexandra Gravas, Manolis Mitsias, Iraklis Zakkas
Foto: H.boscaiolo

Ein Event fürs Publikum

Dann ging es leichter weiter, obwohl Theodorakis sämtliche seiner Lieder in Moll vertonte, einer weichen, allgemein als melancholische Tonartenfolge empfunden, mit der sich dennoch blendend improvisieren lässt. Songs aus dem Film Alexis Sorbas mit Texten wiederum seines Bruders Janis: „Mein Liebster, mein Stern, wir werden zu Vögeln …“. Der ganze Saal sang jetzt begeistert mit. Jeder schien Text und Szene zu kennen, man klatschte und ließ der Sängerin kaum Raum zur eigenen Selbstentfaltung, aber das machte gar nichts.

Mit April aus dem Epitaphios Zyklus, hier mit Texten von Yannis Ritsos (1909-1990) und weitere seiner poetischen Texturen wie Cepheus (?) endete der erste Teil des Liederabends.


Oratorische Elemente

Der zweite Teil gehörte dann überwiegend Manolis Mitsias. Zunächst sang er ein langes Epos aus dem Axion Esti Zyklus, der von ihm bevorzugten Liedsammlung mit oratorischen Elementen. Sein Gesang ist stark lyrisch geprägt, in der Bariton Lage. 

Man spürt seinen Bezug zur kunstmusikalischen Gestaltung, auch wenn seine Lieder, vor allem September, von großer folkloristischer Kraft sind und ebenfalls mit Begeisterung mitgesungen werden.

v. l.: Alexandra Gravas, Manolis Mitsias, Iraklis Zakkas
Foto: H.boscaiolo

Ein Volksfest

Erst das sechste Lied, ein Liebeslied von schwerem Herzblut aus dem Romiosini Zyklus sowie: „Einzig ist die Schwalbe“ mit der Textur von Jannis Ritsos ließ wieder Schwermut aufkommen, aber voll Liebe, Verlangen und Herzschmerz.

Höhepunkt des zweiten Teils war die Filmmusik aus Les Amants de Teruel (1962), weltberühmt durch den Gesang von Edith Piaf geworden. Alexandra Gravas konnte hier ebenfalls voll überzeugen, sang doch das Publikum frenetisch mit, sodass sie sogar mehrere Pausen einlegen konnte, weil man sie einfach übersang.

Programm des zweiten Teils
Foto: H.boscaiolo

Spontaner Chorabend

Die Ballade von „Die Alte Straße, die ich unendlich liebte …“ ließ noch einmal nachdenkliche Stimmung aufkommen. Hohe Dichtung aus den Händen von Yannis Ritsos, die dann von Alexis Sorbas mit dem berühmten Sirtaki fortgesetzt wurde.

Mittlerweile standen alle in den Sitzreihen, viele tanzten an der Seite und der Gesang war überwältigend. Noch einmal konnte Manolis Mitsias mit: „Oh geistige Sonne der Gerechtigkeit“ aus dem Axion Esti Zyklus Aufmerksamkeit gewinnen.

Keine Erschöpfung weit und breit zu spüren, obwohl mit diesem Lied der Schluss des wirklich imposanten Liederabends, man könnte auch von Chorabend sprechen, eingeleitet war.

Dann brachen alle Dämme. Das Quartett musste den berühmten Sirtaki aus Alexis Sorbas auspacken und das Publikum sang und tanzte auf den Rängen wie im Parkett. Niemand hielt es mehr auf ihren Sitzplätzen.

v. l.: Achilles Wastor, Alexandra Gravas, Manolis Mitsias, Iraklis Zakkas
Foto: H.boscaiolo

Unikat: Griechische Folklore – westliche Klassik

Tatsächlich ein ganz besonders Erlebnis für einen Nicht Griechen im Mozart Saal der Alten Oper Frankfurt. So viel Begeisterung, so gute Kenntnisse der Musik bzw. Lieder von Mikis Theodorakis, so gutes Wissen über die Poesie und Folklore ihrer Heimat. Das habe ich so noch nie erlebt. 

In Deutschland ist das Volkslied bereits ausgestorben, aber auch die Liedkunst eines Schubert, Schumann, Brahms oder Mendelssohn kann so wenig mit Mikis Theodorakis´ Liedkunst verglichen werden, wie auch die der modernen Liedermacher wie Hannes Wader, Reinhard Mey, Wolf Biermann, oder Konstantin Wecker.

Achilles Wastor (Klavier), Alexandra Gravas (verdeckt),
feierndes Publikum (Foto: H.boscaiolo)

Multitalent zum Abarbeiten

Mikis Theodorakis war nicht allein Vielschreiber – so hat er neben seinen Zyklen von mehr als tausend Liedern, mindestens 24 Filmmusiken, über 20 Theaterstücke, fünf Opern, mindesten acht Ballette, sieben Sinfonien und insgesamt 17 kammermusikalische Werke geschrieben –, sondern auch Entertainer, Dirigent und Politiker. 

Er verband seine Kunst grundsätzlich mit seinem politische Engagement, was ihm neben Freunden auch viele Feinde verschaffte. Er war zeitlebens eine Figur zum Abarbeiten, aber genau das macht ihn zur Jahrhundertikone.

Achilles Wastor (Klavier), Alexandra Gravas, feierndes Publikum
Foto: H.boscaiolo

Geister, die man braucht

Die vier Künstler, Manolis Mitsias, Alexandra Gravas, Achilles Wastor und Iraklis Zakkas haben ihren Meister und Landsmann bestens vertreten und wieder einmal demonstriert, dass Musik nicht allein verbindet, sondern auch die Geister anzuregen und aufzuregen vermag. 

Dazu zwei Meinungen: „Die Kulturrevolution in Europa hat ein Gesicht, das von Mikis Theodorakis (Roger Garaudy, französischer Philosoph, 1972). Und: „Ja, er ist ein bedeutender Mensch, ja, ich liebe dieses eitle Arschloch – anders ist es auch gar nicht auszuhalten.“ (Wolf Biermann, 1985)

Lieber Leser dieser Meinungen: Machen Sie etwas daraus.

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