Dienstag, 10. März 2026

Frankfurter Opern- und Museumsorchester unter der Leitung von Thomas Guggeis, Kirill Gerstein (Klavier), Alter Oper Frankfurt, 09.03.2026 (eine Veranstaltung der Frankfurter Museumsgesellschaft e. V.)

Opern- und Museumsorchester Frankfurt (Foto: Sophia Hegewald)

Kontraste in umgekehrter Reihenfolge

Zwei kontrastierende Werke mal in umgekehrter Reihenfolge präsentiert. Zunächst die sehr gefällige und für Ludwig van Beethoven (1770-1827) untypische Sechste Sinfonie F-Dur op. 68 (1809), genannt die Pastoral-Sinfonie und dann von Leonard Bernstein (1918-1990) dessen 2. Sinfonie für Klavier und Orchester „The Age of Anxiety“, deren Titel er Wystan Hugh Audens (1907-1973) gleichnamigem Gedichtband entnommen hat, den dieser 1947 publizierte und dafür ein Jahr später den renommierten Pulitzer-Preis erhielt. 

Zuerst das scheinbar leichte, eingängige, möchte man meinen, und dann das schwierige, anspruchsvolle. Kann das gehen? Man wird sehen.

Thomas Guggeis (Foto: Christian Kleiner)

Die Sechste im Stile der Fünften

Thomas Guggeis (*1993) zeigte sich, wie immer rot bestrumpft, in ausgesprochen guter Form und hatte sein Orchester kongenial auf Beethoven eingestellt. Gleich die ersten Takte ließen erkennen, dass er die Sechste durchaus im Stile der Fünften, die bekanntlich zeitgleich zwischen 1807/08 entstand, zu präsentieren gedachte.

Nein, keine liebliche verträumte Hirten- und Naturidylle, sondern durchaus eine kontrastreiche spannungsgeladene Herangehensweise an die fünf Sätze, die Beethoven zwar mit Satzüberschriften wie Angenehm heitere Empfindungen, welche bei der Ankunft auf dem Lande im Menschen erwachen für den Kopfsatz, allerdings im Allegro Tempo, oder lustiges Zusammensein der Landleute im Scherzo des dritten Satzes und schließlich Hirtengesang. Wohltätige, mit Dank an die Gottheit verbundene Gefühl nach dem Sturm im Allegretto Schlusssatz versieht, aber, wie er selbst betont, keinerlei Programmmusik darunter versteht.

Thomas Guggeis, Frankfurter Opern- und Museumsorchester
Foto: H.boscaiolo

Die schönste unter Beethovens Sinfonien“

Diese Sinfonie hat durchaus ihre Tücken, denn man wird in seiner Erwartungshaltung insofern enttäuscht, als sie sich doch diametral von seiner Fünften unterscheidet. Nicht von ungefähr fand die Uraufführung gemeinsam mit seiner Fünften und dazu noch mit dem 4. Klavierkonzert, der Messe in C-Dur und der Chorfantasie statt, ein fast fünfstündiges Mammutkonzert in eisiger Kälte im Theater an der Wien, wobei die Sechste absolut durchfiel.

Noch Jahre später urteilte zum Beispiel Debussy unter seinem Pseudonym Monsieur Croche über sie: „Sehen sie sich die Szene am Bach an … All das ist sinnlose Nachahmerei oder rein willkürliche Auslegung.“ Er und nicht nur er kritisierte ihre süßliche Lyrik und wirkungslosen Passagen. 

Viele Orchester strichen sie einfach aus ihren Programmen. Erst unter Hector Berlioz (1803-1869), der sie als „die Schönste unter Beethovens Sinfonien“ bezeichnete, scheint sie wieder aus ihrem Schatten getreten zu sein.

Auch heute noch wird sie eher selten aufgeführt und leider plätschert sie immer noch oft so dahin, so geschehen unter Simon Rattle mit seinen Sinfonikern des Bayerischen Rundfunks im März 2024 im Musikverein Wien.


Ein Filmszenario, rau und fetzig

Ganz im Gegensatz dazu die Interpretation am gestrigen Konzertabend. Guggeis machte aus dieser Sinfonie nicht allein ein Erlebnis der besonderen Art (sein Dirigat bekommt ballettöse Züge, durchaus positiv zu betrachten), sondern er verstand es ausgezeichnet, die Kontrastarmut durch bildhafte Wechsel zu überwinden. 

So geriet die Bachszene des zweiten Satzes - tatsächlich langatmig konzipiert - unter seinen Händen zu einem Filmszenario mit herrlichem Vogelgesang und lebendigem Flussleben, sowie das folgende Scherzo zu überschäumenden Festivitäten einer Bauernkirmes, rau, fetzig und bodenständig.

Unversehens gerät die Feiergesellschaft in ein Sommergewitter erster Güte. Es donnert, blitzt, stürmt und regnet aus allen Rohren. Hier und nur hier setzt der Komponist Pauken, Trompeten, Piccoloflöten und allerlei perkussive Elemente ein, was der Dirigent auch erschöpfend auszunutzen versteht. 

Das Wetter beruhigt sich wie auch die Musik im Schlusssatz. Ein Allegretto im Sonatenrondo geschrieben folgt.

Thomas Guggeis, Frankfurter Opern- und Museumsorchester
Foto: H.boscaiolo

Fulminantes Erlebnis

Die Thematik des Kopfsatzes wird wieder aufgenommen und hymnisch gesteigert. Zwiegespräche zwischen Celli, Geigen, Klarinetten, Horn, Flöten und Oboen werden zu einen Choral transformiert. Nein, kein friedliches Ausklingen folgt, sondern zwei laute Schlussakkorde beenden dieses fulminante Erlebnis.

Die beste Interpretation dieser Sinfonie ever, meint der Schreiber dieser Zeilen, die so durchaus der beliebten Fünften standhält, sie sogar durchaus ergänzt. Man sollte beide mal in einem Konzert aufführen. Der Beifall war ausgelassen. Diese Interpretation war bereits ein Highlight des Konzertabends.


Betreutes Denken und Handeln – Nein Danke

Kommen wir zu Bernsteins The Age of Anxiety. Leider, muss man vorausschicken, wurde sie durch einen Vortrag vom Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der Goethe Universität Frankfurt am Main, Prof. Dr. Andreas Reif, mit dem Thema Furcht, Angst, Unsicherheit – Impulse aus der Musik, eingeleitet. 

Mit kleinen (leider fragwürdigen) musikalischen Beispielen aus dem Orchester versuchte er Angst und Furcht begrifflich zu differenzieren und das Publikum mit Ratschlägen der Angstbewältigung zu belehren. 

Er merkte wohl selbst sehr bald, dass betreutes Denken nicht angebracht war und beendete glücklicherweise sehr schnell seine Therapiestunde. Völlig unnötig dieses sogenannte „Zwischenspiel“ (Programm). 


Kirill Gerstein (Foto: Marco Borggreve)

Angst – viel musikalische Subtilität

Jetzt zu The Age of Anxiety. Leonard Bernstein hatte bereits früh ein Faible für W.H. Auden, der in Amerika beliebt und als Librettist sich bereits bei Benjamin Britten, Igor Strawinsky oder auch bei Hans Werner Henze großer Beliebtheit erfreute. Er soll von einem Freund auf den Gedichtband The Age of Anxiety hingewiesen worden sein und meinte nach der Lektüre, es sei „eines der erschütterndsten Beispiele reiner Virtuosität in der Geschichte der englischen Dichtung.“ 

Er entschied sich spontan, diese Dichtung in einem eigenständigen Werk zu verarbeiten, da er in der Idee der Angst „so viel musikalische Subtilität“ verborgen sehe.


Sinn – Identität – modernes Leben

Oberflächlich gesehen handelt es sich in Age of Anxiety um ein Treffen von vier Menschen (drei Männer und eine Frau) nachts in einer New Yorker Bar, in der sie  über Sinn, Identität und Glauben im modernen Leben diskutieren.

Bernstein hält sich in seiner Komposition an das Schema des Gedichts, unterteilt es in sechs Abschnitte und zwei Teile.

So besteht Teil 1 aus eine Prolog/Proloque zum Kennenlernen der Protagonisten und zwei mal sieben Variationen, unterteilt in Die sieben Zeitalter/ Seven Ages (hier sprechen die Protagonisten über sich) und Die sieben Stufen/Seven Stages (bei viel Alkohol bekommt das Gespräch einen philosophischen Charakter)

Teil 2, wiederum dreiteilig, beginnt mit der Totenklage/Dirge (tatsächlich fahren die vier in einem Taxi zur Wohnung der Frau), wird mit Maske/Masque fortgesetzt (ein wilder Tanz mit der Melodie von Bernsteins Ain´t got no tears left gedacht für sein Musical On the Town) und endet mit dem Epilog/Epiloque (man rekurriert auf den vergangenen Abend, tauscht Adressen aus, trennt sich und bleibt fremd wie zuvor).

Kirill Gerstein (Foto: Marco Borggreve)

Das Klavier führt den Diskurs

Vielleicht sei noch vermerkt, dass das Werk 1949 mit dem Boston Symphony Orchestra unter der Leitung von Serge Kussevitzky, dem Ziehvater Bernsteins, und Bernstein selbst am Klavier, mit großem Erfolg uraufgeführt wurde. Auden allerdings meinte dazu: „Sie (die UA) hat nichts mit mir zu tun. Jegliche Verbindung zu meinem Buch sind eher entfernt.“

Kirill Gerstein (*1979) saß heute Abend am Klavier und stieg in kraftvoller Manier erst zu Beginn der vierzehn Variationen ein. Davor stimmten zwei Klarinetten mit einer Flötenergänzung auf das Treffen der vier Personen ein. Sehr elegisch von wunderschönem Klang aber von tiefer Trauer beseelt.

Dann folgen die vierzehn Variationen in zwei Abschnitte unterteilt, aber fließend ineinander übergehend. Keine Variationen im herkömmlichen Sinne, sondern jede von ihnen nutzt das Material des vorherigen und entwickelte daraus ein neues Thema, sodass keine inhaltlichen Zusammenhänge, aber diverse Klanglandschaften entstehen. Dazu ein riesiger Spannungsbogen.

Das Klavier führt den Diskurs, ohne virtuos zu sein. Das Orchester kommentiert und die Charaktere der Personen werden durch Metrik, Rhythmik und Klangfarbe erkennbar.


Dies Irae – innerer Monolog

In den letzten Sieben Stufen wird die Dramatik dichter und man vermeint als inneren Monolog das Thema des Dies Irae herauszuhören. Ihm wieder folgen die typischen absteigenden Tonfolgen der philosophischen Reise der Vier. Enger und enger werden die Themen, sehr amerikanisch mit großem perkussivem Anteil und heftigen Blechbläsereinlagen. 

Das Ganze endet in einem tumultartigen Trommelwirbel bei perkussiver Klavierpassage und Trompeten- und Posaunen-Chor. Lange Fermate und der zweite Teil setzt ein.

Thomas Guggeis, Kirill Gerstein, Frankfurter Opern- und Museumsorchester
Foto: H.boscaiolo


Amerika: Aufbruch – Fortschritt – Lebenslust

Dirge nennt er sich zunächst und beginnt in einer langen 12-Ton-Reihe, von Fagott, Klarinette, Flöte und Piccolo Flöte ausgehend. Die Farbe ist dunkel, eine Mischung aus Atonalität und Tonalität.

Ein Viertonmotiv vom Klavier ausgehend bestimmt den weiteren Verlauf des Grabgesangs, der eigentlich die Taxifahrt in die Wohnung der Frau begleiten soll.

In der Wohnung geht es wild und ausgelassen zu. Maske besteht aus einem Bernstein Song Ain´t got no tears left, der vom Pianisten solistisch dominiert, aber von Harfe, Kontrabass, Schlagzeug und Celesta im Modern Jazz Stil der 1950er Jahre mit viel Ragtime begleitet wird. 

Ein absolut virtuoser Abschnitt, in dem Kirill Gerstein seine pianistische Klasse unter Beweis stellte. Mit russischer Hand und amerikanischem Impetus lässt er Bernstein aufleben wie man ihn in seiner Westside Story, aber auch in seiner Candide, wie auch in Wonderful Town schätzen und lieben gelernt hat. Ein Amerika des Aufbruchs, Fortschritts und der Lebenslust.


Glaubensbekenntnis – Sinnsuche

Abrupt endet das Saufgelage, man schläft ein und erwacht am Morgen mit einem Kater. Bedeutet der Epilog versöhnliche Ruhe oder andauernde Fremdheit? 

Immerhin steigert sich nach anfänglicher Tonsuche des Pianisten, eine liedähnliche Sentenz im One-Finger-Play, in eine Hymne des Orchesters. Glockengeläut allüberall. Man ist an Modest Mussorgskis monumentales Finale Das große Tor von Kiew aus Bilder einer Ausstellung erinnert. Allerdings hat Bernstein noch einmal an den Pianisten gedacht, dem er im Jahre 1965 noch eine Solokadenz einfügte, da man die Zurücknahme des Pianisten im Epilog kritisierte.

Wunderschön, kurz, prägnant und noch einmal die Takte aus dem Prolog hervorzaubernd leitet sie das Finale ein, ein Trommelwirbel mit Klangröhren, Celesta, zweitem Klavier, viel Becken und Orchester Tutti, wo der Pianist mit einem gewaltigen B-Dur Schlussakkord noch einmal eingreifen kann.

Viele (darunter auch der Komponist) interpretieren den Epilog als Glaubensbekenntnis, andere wiederum bestehen auf der Fremdheit der Charaktere, man trennt sich, ohne sich wirklich näher gekommen zu sein.

Dem letzteren scheint auch Auden eher geneigt zu sein, der sich gegen den Kollektivismus und für die individuelle Sinnsuche des Individuums ausspricht. Dazu allerdings braucht man kein „Zwischenspiel“ eines klinischen Psychotherapeuten von der Uni Frankfurt. Auch das scheinbar "Schwierige" als Abschluss wurde vom Publikum blendend verstanden und entsprechend goutiert.


Thomas Guggeis, Kirill Gerstein, Frankfurter Opern- und Museumsorchester
Foto: H.boscaiolo

Weltklasse

Großes Lob an das Frankfurter Opern- und Museumsorchester, das unter dem Dirigat von Thomas Guggeis zur Weltklasse avanciert und natürlich auch an den Pianisten Kyrill Gerstein, der in Frankfurt debütierte und einen wunderbaren Eindruck hinterließ. Man möchte ihn unbedingt in einem Klavierrezital erleben.


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