Der Chronoplan, Oper in drei Akten von Julia Kerr, Libretto: Albert Kerr, musikalischer Ergänzung: Norbert Biermann, Zwischenspiel und Toneinspielung: Paul-Johannes Kirschner, Staatstheater Mainz, 06.03.2026 (Uraufführung und Premiere 24.01.2026)
| Chronoplan Tim-Lukas Reuter (Einstein) bei der Vorstellung seiner Zeitmaschine alle Fotos: Andreas J. Etter |
Viele Namen um Julia Kerr
So viele Namen bereits in der Ankündigung und noch viel mehr. Man stellt sich gleich die Frage, was hat es mit dieser Oper auf sich? Wer ist überhaupt Julia Kerr? Warum wurde an dieser Oper so viel herumgedoktert, damit eine Abendfüllende von mehr als Zwei-dreiviertel-Stunde daraus wird?
Ja, Julia Kerr (1898-1965) schrieb diese Oper – es war ihre zweite nach Die schöne Lau (1928) – in den Jahren 1930 bis 1933 und verfolgte darin die Absicht einer Zeitreise in die Vergangenheit. Ihr Mann, Alfred Kerr (1867-1948) , Musikjournalist und anerkannter Theaterkritiker, schrieb ihr das Libretto und bestückte es mit den damals bekannten und einflussreichen Persönlichkeiten wie Albert Einstein, Richard Strauss, George Bernard Shaw, Max Liebermann, Gerhard Hauptmann und last but not least Lord George Gordon Byron (1788-1824).
| vorne v. l.: C.A. Schöning (Richard Strauss), Christian Wendel (Liebermann), Tim-Lukas Reuter (Einstein), Maurice Avitabile (Bernard Shaw), Statisterie |
Historiendrama um Moderne vs. Romantik
Ein scheinbar historisch angelegtes Drama mit starkem psychologischem Habitus entpuppt sich allerdings als grundsätzliche Auseinandersetzung der Moderne mit der Romantik. Die bekannten Persönlichkeiten sind dabei mehr Staffage als historische Realitäten.
Denn eigentlich geht es um die Zeitmaschine von Albert Einstein, die er bei einem pompösen Dinner in einer Art Hotel Lounge vorstellt und gleichzeitig die Herrschaften auffordert, mit ihm gemeinsam in die Vergangenheit aufzubrechen, um beispielsweise Kleopatra, Gaius Julius Caesar, oder auch die Heilige Johanna (möglicherweise die Jeanne d´Arc ?) wieder zutreffen.
Zeitmaschine
Ein Unternehmen, das die aufgewühlte, etwas dekadente Gesellschaft in Ansicht der Zeitmaschine, die in Form eines schwarzen Kubus mit etlichen Formeln versehen, unter einer künstlerischen Darstellung des Atoms thront, zwar durchaus zu schätzen weiß. Aber mit diesem Ungetüm in die Vergangenheit zu reisen, dann wohl doch nicht beabsichtigen.
So spielt Strauss lieber Skat mit seinen Kumpels, Hauptmann hat keinerlei Interesse an der Vergangenheit und Liebermann hat es nicht mit der Wissenschaft, warum auch. Einzig Bernard Shaw (Maurice Avitabile, Tenor) sagt spontan zu – weil er Jeanne d´Arc treffen möchte – und zwei weitere Gestalten. Es sind ein Kritiker (im eigentlichen Sinne Alfred Kerr selbst, hier verkörpert durch Alexander Spemann, Tenor) sowie eine Boulevard Journalistin (Margarita Vilsone, Mezzo) als sein Gegenpol.
So weit so gut. Die Vier fahren los, im Zeit-Zickzack zwar, mal in die Zukunft, aber dann doch in die Vergangenheit, und landen im Jahre 1805, weil ihnen buchstäblich der Sprit, das „Benzotempin“, auszugehen droht. Es reicht lediglich noch zur Rückkehr.
| Chronoplan: Zeitreise |
Byron als Unter – Ich
Sie treffen, ein Kunstgriff der Inszenierung, dort nicht etwa Lord Byron höchstselbst (er war übrigens 1805 gerade einmal 17 Jahre alt), sondern sein Unter – Ich, nach einer gewagten Formel aus Siegmund Freuds Strukturmodell der Psyche. Im Klartext: Lord Byron als Echse, Lurch oder was auch immer.
Er, einverstanden mit der Einladung, sich in die Jetztzeit bzw. in die Zukunft beamen zu lassen, zumal er seine Angebetete Nikoline (Maren Schwier, Sopran, und Daniel Schliewa, Tenor, ein langes Arien Duett geht der Unter- Ich Szene voraus) durch romantisches Buhlen nicht überzeugen kann und vielleicht in der Zukunft eine Lösung möglich sei. Ziemlich banaler Gedanke, oder?
Vorwärts – rückwärts
Allora. In der modernen Welt hat sich viel verändert. Wir befinden uns kurz vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Die Apokalypse bahnt sich ihren Weg. Die Masse ist nicht mehr vom Fortschritt beseelt, sondern hadert mit der Zukunft.
Die Dekadenz wird vom Kapitalisten Basil von Strouve alias Basil Zaharoff (Georg Schießl, Tenor), Lisa Passavant, ein modernes Püppchen, (Katharina Sebastian, Sopran) sowie Nikoline, alias Comtesse Rendsdorff, eine Kurtisane, verkörpert.
Alle drei duellieren sich mit dem romantisch gefärbten Lord Byron, der sich heillos in die Comtesse Rendsdorff, genannt Nikoline verliebt, an ihr scheitert und schlussendlich verzweifelt wieder zurück in seine alte, heile Welt von 1805 möchte.
| Chronoplan Maren Schwier (Nikoline), Daniel Schliewa (Lord Byron) |
Viel Banalitäten
Ein Sujet mit tragischem Ausgang, denn alles scheint in die Luft zu fliegen, mit Donner und Getöse, Nikoline stirbt. Als lebenslustige Kurtisane, die es unverhohlen sowohl mit Strouve als auch mit der Passavant treibt?
Einstein, des Scheiterns seines Experiments durchaus bewusst, ordert ein Ruderbötchen und fährt mit Lord Byron, ganz mit antikem Blick auf Charon, der die Todgeweihten als Fährmann über den Jordan bringt, zurück ins Nirgendwo.
Der Vorhang fällt bei schrecklich donnerndem dissonantem Choral, langsam aber stetig. So immerhin stellt sich die Oper in Mainz dar.
Kein Sinn nach Uraufführung
Diese Oper hat allerdings nie ihre Aufführung erfahren, denn die Familie Kerr musste kurz vor der geplanten Uraufführung in Berlin vor den Schergen des Nationalsozialismus fliehen. Zunächst in die Schweiz, dann nach Paris und später nach London.
Julia Kerr trug ihre Partitur und das Libretto mit sich und konnte, nach ihrer Rückkehr nach Deutschland im Jahre 1947, erst 1952 eine szenische Aufführung im Bayerischen Rundfunk miterleben.
Allerdings wohl extrem gekürzt, denn sie dauerte nur etwa eine Stunde. Ihr Mann, der im Jahre 1948 den Freitod wählte, ließ sie mit ihren Kindern zurück und sie scheint sich um die endgültige Uraufführung ihrer zweiten Oper nicht mehr zu kümmern.
Denn zwischenzeitlich gehen über einhundert Seiten der Partitur verloren, eine Schusseligkeit des Dirigenten bei einer Radioaufführung 1953, und Julia Kerr, mittlerweile Übersetzerin beim Berliner Senat, tut nichts zu ihrer Rekonstruktion. Als sie 1965 an einem Herzinfarkt verstirbt, werden letztmals einige Ausschnitte aus Chronoplan gespielt.
| v. l.: Tim Lukas Reuter, Margarita Vilsone, Daniel Schliewa, Alexander Spemann, Maurice Avitabile, Statisterie |
Wiederbelebung – Rekonstruktion
Erst im Jahre 2019, so beschreibt es Professor Dr. Norbert Biermann (*1968), sei er gemeinsam mit dem Bayerischen Akademie Mitglied der Künste, Robert Martin, nach diversen Recherchen auf Kerrs Chronoplan gestoßen, habe gleich Feuer gefangen, die Einzelteile nach akribischer Recherche zusammengefügt, mit dem Mainzer Staatstheater Kontakt aufgenommen und dort Zuspruch erfahren, sodass sie 2025 fertiggestellt, ergänzt bzw. nachkomponiert, zur endgültigen Uraufführung am 24. Januar 2026 vorbereitet werden konnte.
Zeitdokument deutscher Kulturgeschichte
Der Regisseur Lorenzo Fiorini wie die Chefdramaturgin Sonja Westerbeck sind sich einig: Diese Oper ist die Quintessenz aus Alfred Kerrs Schriften: Die Romantik, eine deutsche Affäre, die beide noch um das Pronomen „verhängnisvoll“ erweitern würden.
Tatsächlich war Kerr, ein Anhänger Heinrich Heines, ein leidenschaftlicher Kritiker der Romantik, die er als Vorläufer des Totalitarismus betrachtete trotz ihrer poetischen und künstlerischen Meisterschaft. Beide sehen in dieser Oper „ein Zeitdokument der deutschen Kulturgeschichte“ und verstehen die Inszenierung auch als solche.
Miserable musikalische Abstimmung
Was aber hat das künstlerische Team um Lorenzo und Westerbeck, zu nennen Gabriel Venzago (musikalische Leitung), Paul Zoller (Bühne und Video) Annette Braun (Kostüme), Ulrich Schneider (Licht) und Fabio Toraldo (Choreographie), aus dieser neuen Vorlage gemacht?
Dazu sei vorab festzuhalten, dass die musikalische Abstimmung miserabel (ein viel zu lautes Orchester bei teilweise sehr dünnen Stimmen der Akteure), das Dirigat oft bei den Einsätzen der Chöre und Solisten versagte (so sang und spielte man nebenher; sehr störend), die Regie das Bühnenbild weitestgehend überfrachtete und die Zwischenszenen wesentlich zu lang gerieten.
Die Oper besteht aus drei Akten. Der erste Akt reduziert sich auf das große Dinner und die Vorstellung der Protagonisten.
Das hätte gut gelingen können, wenn nicht die Sänger unverständlich gesungen hätten (man konnte sich lediglich über das Mitlesen der Texte orientieren, wusste allerdings oftmals nicht wer in diesem riesigen Menschengemenge überhaupt sang).
| Daniel Schliewa (Lord Byron), Maren Schwier (Nikoline) |
Viel Wirrnis
Dann der Reise in die Vergangenheit am Ende des ersten Aktes. Eine Video und Toneinspielung unter der Leitung von Paul-Johannes Kirschner.
Zeitlich ausgedehnt mit elektronischer Orgelmusik im bekannten Stil der Zwischenmusiken bei Eishockeyspielen in Nordamerika, und einer Zeitlinie (was wäre mit einer Zeitleiste gewesen?) im Zickzack, mal bis 1935 gehend dann wieder von 1918 bis 1922, von einer roten Linie in Form einer Blutader begleitend.
Ziemlich wirr, voller zusammenhangloser Bilder und, man vermutet, entweder von wandelnden Protonen, kleinen Robotern oder gar bösen Atomträgern begleitet. Sechs an der Zahl, die durch mimimi und momomo Katzengejammer auffielen. Eine sogenannte Toneinspielung von fast einer halben Stunde.
Byron als Lurch
Die Byron Szene des zweiten Aktes, sie reduzierte sich auf ein sehr ausgedehntes Arien Duett mit Maren Schwier und Daniel Schliewa, und vor allem der von Lorenzo Fiorini hochgelobten Idee des Unter – Ich, das heißt Byron als Echse, als vorsintflutlicher Drache. Egal.
Fiorini dazu: „Nur mit diesem Unter – Ich kann man mit einer Person der Vergangenheit in Verbindung treten“ (aus dem Programm). Ganz im Sinne Freuds habe diese Szene Parallelen zu Orpheus in der Unterwelt, der mit seinem Gesang die Toten zum Leben erwecke.
Dem Schreiber dieser Zeilen hat sich diese Verbindung so nicht erschlossen. Warum dieser Umstand? Hätte sich Byron irgendwann einmal gehäutet, es wäre immerhin nachvollziehbar gewesen. Aber in dieser Figur eine moderne Nikoline zu lieben, sie gar auf der Bühne vernaschen zu wollen, war schon arger Tobak.
| Chronoplan Tennisclub mit Dennis Sörös (Clubpräsident) |
Moderne: Tennisclub – Gymnastiksaal – Betrunkene
Sei´s drum. Die Abfahrt aus der Vergangenheit in die Zukunft, wieder entschieden zu lang und von geringem Einfall, endet schließlich in der Lounge des ersten Aktes. Dieses Mal allerdings in einem Tennisclub voller weiß gekleideter Betrunkener und einem Clubpräsidenten (Dennis Sörös), der 33 neue Mitglieder ansagt und zur morgendlichen Gymnastik aufruft. Viel Symbolik, wenig Inhalt.
Zwischen Bräsig und Transparenz
Davor allerdings die wirklich ersehnte Pause bei freien Getränken und frischen Mainzer Brezeln.
Der dritte Akt unterschied sich doch fundamental von den beiden vorherigen. Die Musik eine andere, weniger platte und laute Revuemusik, mit leitmotivischen Einsprengseln von Walzer und Alpensinfonie bei Richard Strauss, oder Geigen und Cello Melodien bei Einstein, dazu wenig auf den Gesang abgestimmt und absolut zu laut und bräsig.
Jetzt ist sie viel diffiziler, den Gesang unterstützender von transparentem Klang einzelner Instrumentengruppen. Allen voran die Blechbläser und Streicher. Krenek und Weill lassen grüßen.
| Chronoplan Szene 3. Akt: links: Basil von Strouve (Georg Schießl) und Lord Byron (Daniel Schliewa) dazu: Liebermann, Strauss, Shaw und Hauptmann |
Romantik findet nicht zur Moderne
Das Bühnengeschehen ist zunächst gar nicht apokalyptisch und vom Untergang geprägt, sondern eher modern und gar auf die 1950er Jahre bezogen. Man spricht von Reisen ins Ausland, von Rentensicherheit, Abtreibung und vor allem von Geld und Bambule.
Lord Byron mittendrin, als Lurch nur von einem Diener erkannt, der sich halbtot lacht, ein Fremdkörper, der dieser Welt unverständlich gegenübersteht. Als dann die Kurtisane und Tennisschickse Nikoline alias Comtesse Rendsdorff (Maren Schwier) auftritt kommt ihm die Erinnerung an seine Nikoline von 1805 wieder und er verliebt sich stante pede in sie, obwohl beide Welten voneinander trennen: Er von tiefer Romantik beseelt, sie eine moderne Frau, die keine Konventionen mehr kennt sondern nur sich selbst.
Tod und Lummerland
Es folgt eine lange, sehr lange Schlusspassage, die sich leider völlig um die beiden dreht und in einem Desaster endet: Sie stirbt, keiner weiß warum, und er will zurück ins Lummerland von 1805, was ihm der verzweifelte Einstein als personifizierter Charon auch gönnt.
Der Vorhang fällt - viel zu langsam. Noch einmal fast zwei Stunden allein für den dritten Akt. Hier hat sich offensichtlich Norbert Biermann selbst verwirklicht, das zwar musikalisch durchaus respektabel, aber alles andere als im Sinne der Erfinderin.
Umherirren zwischen den Stühlen
Fazit: Man sollte Opern, deren Texte und Partituren verlustig gegangen sind, und davon gibt es einige (zu nennen Turandot von Puccini, oder Wozzeck von Alban Berg) nicht versuchen, neu zu schreiben und zu interpretieren.
Diese Neuproduktion konnte nicht überzeugen, weil sie zwischen den Stühlen umherirrte. Sie war weder Julia Kerr, noch Albert Kerr, noch Norbert Biermann noch Paul-Johannes Kirschner, allein deshalb schon, weil die beiden letztgenannten ihr eigenes Süppchen kochten und der Oper insgesamt nicht gut taten.
| Chronoplan Chor und Statisterie |
Zeitreise als Romantik-und-Moderne-Konflikt
Das ständige Beziehen auf die Nazis (man trug beflissen Judensterne am Revers, wieso?), wie die Verfolgung der Kerrs konnte allen schon deshalb nicht überzeugen, weil die Oper noch vor der Machtergreifung fertiggestellt wurde und Julia Kerr zeitlebens an ihrer Oper nichts veränderte.
Es ging ihrem Mann und wohl auch ihr um den Konflikt Romantik contra Moderne. Das Mittel dazu sollte die Zeitreise wie wohl auch die Musik sein. Hierauf hätte man sich konzentrieren können ja müssen und Text und Musik darauf analysieren sollen, was leider nur unzureichend geschehen ist.,
| Schlussapplaus in der Mitte: Gabriel Venzago (musikalischer Leiter) Foto: H.boscaiolo |
Freundlicher Beifall – ohne Empathie
Das soll genügen, denn es gäbe noch viel zu sagen bzw. zu schreiben. Beispiele: Rolle der Stubenmädchen als Roboter, Bedeutung der Martha Krause aus Hauptmanns Sozialdrama "Vor Sonnenaufgang" (1898), rezitativischer Sprechgesang bei dominanten Acompagnati und die vielen Zitierungen bekannter Filmmusiken etc. pp.
Das Publikum goutierte die Aufführung freundlich, ohne Empathie, eher irritiert. Man ist dem Staatstheater sehr gewogen. Diese Inszenierung allerdings gehört nicht zum Besten ihrer Produktionen. Schade.
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