Ensemble Modern, musikalische Leitung: Michael Wendeberg und Julian Prégardien (Tenor), mit Hans Zenders Bearbeitung von Schuberts "Winterreise", Alte Oper Frankfurt, 18.03.2026 (5. Abonnementkonzert in Memoriam an Uwe Dierksen (1959-2026)
| Uwe Dierksen (Foto: Ensemble Modern / Website) |
Kommentierende Neudeutung
Auf dem Programm stand Hans Zenders (1936-2019) „kompositorische Interpretation“ von Franz Schuberts (1797-1828) Winterreise (1827), die er in einer kommentierten Neudeutung am 21. September 1993 am gleichen Ort (damals allerdings mit dem Tenor Hans-Peter Blochwitz und selbst verständlich einer völlig anderen Besetzung des Ensemble Modern) unter seiner persönlichen Leitung zur Uraufführung brachte.
Ein voller Erfolg, wie sich alsbald herausstellte, denn neben dem ursprünglichen Schubertschen Zyklus, gehört seine klangfarbenreiche, historisch wiederbelebende Komposition zu den meistgespielten Interpretationen der „Winterreise“.
| Ensemble Modern (Foto: Website) |
Zyklus schauerlicher Lieder
Bekanntlich sprach Schubert selbst von einem „Zyklus schauerlicher Lieder“ und schien seine Freunde regelrecht geschockt zu haben, als er ihnen die 24 Lieder höchstselbst bei einem Kneipenaufenthalt vortrug. So erinnerte sich Joseph von Spaun (1788-1865), einer seiner Freunde und Anwesenden, er habe nach dem bewegten Vortrag Schuberts eine „düstere Stimmung“ geschaffen und „seine Freunde ratlos zurückgelassen“. Lediglich der „Lindenbaum“, das fünfte Lied, konnte gefallen.
Tatsächlich war Wilhelm Müller (1794-1827), der Textdichter, bereits früh verstorben und konnte die Schubertsche Lied Fassung nicht mehr erleben, und der bereits schwer erkrankte Komponist starb bekanntlich zehn Monate später. Diese persönlichen Schicksalsverschränkungen erklären womöglich die künstlerische Gestaltung der Todessehnsucht in diesem Zyklus, aber auch den Mythos, der sich seitdem um ihn rankt.
| Julian Prégardien (Foto: Peter Rigaud) |
Winterreise extra fürs Ensemble Modern
Hans Zender, übrigens Mitbegründer und zeitlebens Förderer des Ensemble Modern, arbeitete nicht nur jahrzehntelang mit ihm und ließ viele seiner Kompositionen von ihm aufführen. Nein, Viel mehr. Er komponierte seine „Winterreise“ speziell für dieses Ensemble (ohne allerdings, und das sei festzuhalten, das Ausgangsmaterial anzutasten).
So hat er zum Beispiel das sechste Lied „Wasserflut“ extra für den Posaunisten Uwe Dierksen konzipiert, schwierigste Sprünge in höchste Höhen, die zunächst nur von ihm zu bewältigen waren. Uwe Dierksen war ein Revolutionär auf seinem Instrument und wagte sich an Ton- und Klangstrukturen heran, die bisher niemand nur zu erahnen wagte. Hierbei verhalf ihm Hans Zender zu neuesten Innovationen.
| Vorne v. l.: Julian Prégardien, Michael Wendeberg, Ensemble Modern (Foto: H.boscaiolo) |
Aber auch sonst sorgte sich Hans Zender um diverse Neuerungen in der Zusammensetzung des Ensembles. So ergänzte er es mit folkloristischen Instrumenten wie Gitarre, Zither, Akkordeon, oder auch Melodika, sowie außergewöhnlichem Schlagwerk (Holzplanken, Klangstäbe, Eisenstäbe, Bleche verschiedener Art, Xylophon, Windmaschine, Militärtrommel, Snare usw.), um die Farbenvielfalt und Stimmung des Wanderers auf dem Weg ohne Ziel (denn der Weg ist das Ziel) klanglich und atmosphärisch und zum Ausdruck zu bringen.
Fremd bin ich – Fremd bleib ich
So beginnt beispielsweise der Zyklus mit „Gute Nacht“, ein traumatischer Einstieg in das Geschehen: „Fremd bin in eingezogen, Fremd zieh´ ich wieder aus ...“. Hier wird die Tragödie vorweggenommen. Zender lässt hier minutenlang den Wanderschritt von Trommel, Flöte, Gitarre imitieren, um dann langsam Oboe, Klarinette, Bassklarinette, Horn und Trompete in den Raum treten zu lassen. Bis dahin nur rudimentäre, angedeutete Melodie.
Dann erst, nach vielen Minuten setzt der Gesang ein. Ein dramatischer Beginn, der sich nahezu bruchlos durch alle Lieder zieht. Bereits genannt ist die Wasserflut, das sechste Lied, speziell für die Posaune konzipiert.
Zu nennen aber auch die Rast, das zehnte Lied, mit Xylophon, Akkordeon und Streichern unterlegt und extremen rhythmischen Verschiebungen sowie langen, fast erschreckend schrillen Glissandi zum Text: „So wild und so verwegen, fühlst in der Still erst deinen Wurm, mit heißem Stich sich regen.“
| Vorne v. l.: Julian Prégardien, Michael Wendeberg, Ensemble Modern Foto: H.boscaiolo |
Auch das zwölfte Lied Einsamkeit, mit viel Holzbegleitung und ohne klares Metrum, gehört in diese Reihe: „Als noch die Stürme tobten, war ich so elend nicht.“
Der Stürmische Morgen (Nr.18) wiederum wurde von Windmaschine, Snare, diversen Blechen und perkussiven Elementen aller Instrumente dominiert. (leider war hier die Abstimmung unvollkommen und der Sänger verschwand zeitweise im Nichts).
Ergreifend – scheußlich – depressiv
Ergreifend dann das Schlussquartett mit Das Wirtshaus (Nr. 21), Mut (Nr. 22), Nebensonnen (Nr. 23) und Der Leiermann (Nr. 24). Hier dominiert die Trauer und Verzweiflung. So wird Das Wirtshaus zum Totenacker mit Trauermarsch und knallhartem Dröhnen der Trommeln und Bleche, Mut dagegen wird von Windmaschine und Tamburin gesteuert, bei unglaublich perkussivem Schluss mit Text: „Will kein Gott auf Erden sein, Sind wir selber Götter.“
Großartig gelungen Die Nebensonnen bei durchgehendem Flageolett der Streicher mit Gebirgsatmosphäre durch Harfe, Akkordeon und Melodika. Nie hat man hier das Gefühl von Klarheit, alles bleibt in nebulöser Ungewissheit mit Text: „Nun sind hinab die besten zwei, Ging nur die dritt erst hinterher, Im Dunkeln wird mir wohler sein.“
Der Leiermann schließlich, dominiert von Fagott und Kontrafagott, dazu Oboe und Piccolo Flöte, wird wie ein Bordun durch die Gitarre und Geige untermalt. Drehleier pur möchte man meinen.
Der Leiermann ist Außenseiter, ungeliebt und abgewiesen. Er wird vom Gevatter Tod befragt: „Willst du mit mir gehen? Willst zu meinen Liedern Deine Leier drehn?
Wahrlich ein scheußlich depressives Finale, allerdings begleitet von extrem dissonantem Tutti, vertikalem Gewitterdonner gleichsam wie eine Mahnung aus tiefsten Tiefen.
Dennoch kann auch Zender nicht umhin, dem Ganzen ein versöhnliches Ende zu bereiten. So lässt er ein langgezogenes Decrescendo folgen, das mit einem schier endlosen Kontrabass Ton in einem quasi Morendo abschließt.
| Ensemble Modern (Foto: H.boscaiolo) |
Julian Prégardien, der Sänger des Abends, gehört unzweifelhaft zu den besten seiner Zunft, vor allem was sein lyrisches und gestalterisches Talent betrifft. Als Tenor war er von 2009 bis 2013 Ensemblemitglied der Oper Frankfurt, sang bereits viele Opernpartien, darunter den Tamino aus der Zauberflöte, oder den Oronte aus Händels Alcina.
Bekannt ist er auch durch sein Projekt Liedstadt, ein Versuch, klassische Liedkunst in einer Art Flashmob oder auch Pop-Up-Choirs populär zu machen.
Schlanke Stimme – feine Abstufungen
Seine schlanke Stimme nutzte er zu feinsten Abstufungen zwischen Singen, Sprechen, Flüstern und sogar Schreien. So deklamiert er in Frühlingstraum (Nr.11) bei Geigenmelodie und Harfenbegleitung. Aber schon in Gute Nacht (Nr.1) verfällt er in verzweifeltes Geschrei: „Lass irre Hunde heulen vor ihren Herren Haus …“, und flüstert seiner fiktiven Geliebten zu: „Fein Leibchen gute Nacht, will dich im Traum nicht stören.“
Auch in Wasserflut (Nr. 6) und Täuschung (Nr.19) finden Wechsel zwischen Gesang, Sprechgesang und prosaisches Sprechen statt, eine Art Theatralik, die den Handlungsspielraum dramatisch erweitert.
| Vorne v. l.: Julian Prégardien, Michael Wendeberg, Ensemble Modern Foto: H.boscaiolo |
Vor allem im Stürmischer Morgen (Nr.18) erfährt dies seinen Höhepunkt. Leider muss an dieser Stelle festgehalten werden, dass nicht alle Einsätze stimmten, das Orchester zwischenzeitlich nicht nur zu laut, sondern auch etwas desorientiert wirkte.
Lag es am Dirigat (Michael Wendeberg), oder auch daran, dass sich das Ensemble Modern in einem Umbruch befindet - das heißt viele neue Gesichter im 25-köpfigen Orchester, die möglicherweise auch zum ersten Mal Zenders Winterreise aufführen durften?
Jedenfalls ist der Stürmische Morgen ziemlich misslungen. Aber auch bei der Post (Nr. 13) wie auch beim Lindenbaum (Nr.5) waren Orchester und Gesang nicht immer von der gewohnt technischen und musikalischen Qualität.
| Vorne v. l.: Julian Prégardien, Michael Wendeberg, Ensemble Modern (Foto: H.boscaiolo) |
Existentielle Kühle – frenetischer Beifall
Gleichwohl, Julian Prégardien sang in bester Artikulation, nie emotional, eher distanziert, aber durchaus im Charakter moderner existentieller Kühle. So gar nicht tief romantisch mit Herzschmerz, sondern eher ganz im Sinne Hans Zenders, ohne persönliche Erschütterung, in zeitgenössischer Abgeklärtheit, was der Komposition absolut gerecht wurde.
Der Beifall des vollbesetzten Mozart Saales der Alten Oper Frankfurt war frenetisch und wollte kein Ende nehmen. Man lud noch zu einem Umtrunk ein, einmal zum Gedenken an Uwe Dierksen und zum anderen als Austausch zwischen Künstler und Publikum. Ein gute Idee.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen