Freitag, 20. März 2026

Isidore String Quartet mit Werken von Joseph Haydn, Billy Childs und Antonin Dvořák, Alte Oper Frankfurt, 19.03.2026 (7. Kammerkonzert der Frankfurter Museumsgesellschaft e. V.)

Isidore String Quartet
v. l.: Adrian Steele,  Joshua McClendon, Devin Moore, Phoenix Avalon,
Foto: Website 

Freudvoll – zugänglich – erlebnisreich

Jung ist das Streichquartett, erst 2019 gegründet und schon mit etlichen renommierten Preisen ausgestattet, und jung sind auch die vier Musiker, die als Absolventen der New Yorker Juilliard School und stark vom legendären Juilliard Quartet beeinflusst (ihr Name bezieht sich denn auch auf den Gründer und ersten Geiger, Isidore Cohen, 1922-2005), die Welt, wie sie in ihrer Bewerbungs-Website schreiben, mit freudvoller, zugänglicher und erlebnisreicher Musik beglücken wollen.

Es sind dies: Phoenix Avalon und Adrian Steele (beide im Wechsel der 1. oder 2. Geige) sowie Devin Moore an der Bratsche und Joshua McClendon am Violoncello.


Im Namen Gottes

Ihr Debüt im gut besetzten Mozart Saal der Alten Oper Frankfurt begannen sie mit Joseph Haydns Streichquartett C-Dur op. 20 Nr. 2 (1772).

Bekanntlich begann der gottesfürchtige Haydn seine Niederschriften der sechs Streichquartett (man hörte das zweite davon) mit: „In nomine Domini“ und beendete sie mit der Schlussformel: „Laus omnipot. Deo“ (Lob dem Allmächtigen Gott). In diesem Sinne verstand er auch seine letzten sechs Streichquartette als Opus, mit dem er seine bisherigen Kompositionen an Kunstfertigkeit, Vielfalt und Dichte in den Schatten zu stellen gedachte.


Isidore String Quartet
v. l.: Adrian Steele,  Joshua McClendon, Phoenix Avalon, Devin Moore,
Foto: Website 


Von antiquiert bis modern

Das zweite Streichquartett gehört selbstverständlich in diese Qualitätssparte, steht es doch noch zwischen Barock und Klassik, führt aber schon in die Welt des modernen Streichquartetts mit vier Sätzen. 

Sätze, die im ersten Allegro Satz noch die traditionelle Formel des Divertimento a quattro verficht, dann aber bereits im zweiten Satz, einem Adagio in c-Moll voller Opera Seria-Pathos steckt, mit ariosen und rezitativen Anteilen, im dritten, einem Menuett und klassischen Scherzo, den Hirtenklang bevorzugt, ein beliebter musikalischer Gassenhauer (heute würde man von Hit sprechen), und abschließend ein kapriziöses Finale anbietet mit einer Quadrupel Fuge; kurz, einer Fuge mit vier Themen, witzig, atemberaubend, und das Ganze mit einer doppelten Coda enden lässt, mal in rasenden Läufen und dann im Unisono aller vier Instrumente.


Wenig Göttlichkeit

Das Isidore String Quartet, das sei zusammengefasst festgehalten, konnte den Anspruch dieser Quartettkomposition nur teilweise erfüllen, fehlte doch das Inspirative, ja man möchte sagen, das Göttliche, das kunstfertige in ihrer Interpretation. 

Gefallen konnte lediglich der Cellist, Joshua McClendon, der tatsächlich sein Instrument derart mit Bravour aus der traditionellen Rolle als Basso continuo befreite, dass selbst Haydn seine Freude daran gehabt hätte.


Isidore String Quartet
v. l.: Phoenix Avalon, Joshua McClendon, Adrian Steele, Devin Moore
Foto: Website 

Selbstreflexiven Zustand schaffen

Das nächste Streichquartett, ein Auftragswerk des Isidore String Quartet an Billy Childs (*1957), einem der aktuell neben Williams, Glass und Adams wohl bekanntesten US-amerikanischen Komponisten, ist erst wenige Wochen alt und führt den Titel Streichquartett Nr. 4 American Mosaic (2026).

Das Publikum im Mozart Saal bekam mit diesem dreiteiligen Programmwerk nicht allein Musik, sondern vor allem auch Gesinnung geliefert (Die ausführliche Erläuterung der Komposition durch den Bratschisten Devon Moore hätte man sich sparen können. Tut der musikalischen Hörerfahrung nicht gut.).

So gibt der Titel bereits ein Bild des vielschichtigen Amerika ab, einem Amerika, hier vor allem die USA, in der die problematische Beziehung zwischen Schwarz und Weiß thematisiert wird. 

Dazu der Komponist: „Der Titel des Stücks steht für meine Überzeugung, das Amerika im besten Fall ein Mosaik aus unterschiedlichen Abstammungen und Kulturen sein kann – eine Kombination aus verschiedenen Ethnien, die gemeinsam daran arbeiten, eine integrative, geeinte und vollständige Nation zu bilden.“

Soweit so gut. Seine Komposition, so sein Credo, sei der Versuch, „die enorme Wunde des Rassismus zu heilen“, zumindest einen selbstreflexiven Zustand zu schaffen. Zitat: „Ich hoffe, dass dieses Streichquartett uns als Nation ein kleines Stück näher an das Ziel der Selbstreflexion bringt.“

Isidore String Quartet
v. l.: Phoenix Avalon, Adrian Steele, Joshua McClendon, Devin Moore
Foto: H.boscaiolo

Getrennt – separiert

In diesem Sinne beginnt das gut 30-minütige und dreiteilige Programm mit Separate but Equal. Der Doktrin entsprechend, die sich am Urteil von Plessy v. Ferguson (1896) orientiert, der die Rassentrennung für rechtmäßig erklärt, solange Gleichheit besteht, faktisch aber ein System der Ungleichheit festzurrt, das bis in die 1960er Jahre in den USA Bestand hatte.

Hier spielen die Vier getrennt voneinander (zwei der Spieler, Devin Moore und Joshua McClendon sind von schwarzer Hautfarbe) ihre Parts, unter zwei separierten klanglichen Sphären. Ihr Material ist absolut gegensätzlich und während des gesamten Satzes niemals integriert. Mal spielen die beiden Geigen, mal das Cello und die Bratsche.

Technisch anspruchsvoll und fragmentiert ist der gesamte Teil. Er besteht aus einer latenten bis offenen Unruhe. Politisch könnte man auch von formaler Gleichheit ohne reale Integration sprechen, um auf das Ansinnen des Komponisten einzugehen. Spannend allemal und von den Musikern glänzend in Szene gesetzt.


Fragil – Aggressiv – Nervös

Der zweite Satz – eine lange Pause wird voran gesetzt – nennt sich Coexistence Struggle (Der Kampf und die Koexistenz). 

Dieser Satz besteht aus überlagerten Realitäten. Alle spielen miteinander, aber die eine Stimme ist mal ruhig, fast lyrisch, die andere dagegen nervös zersplittert, die dritte wiederum rhythmisch insistierend. Keine Einheit, dafür konfliktreiche Auseinandersetzung zwischen Fragilität und Aggressivität.

Die Vier zeigen auch hier, dass dieses Werk auf ihren Leib zugeschnitten ist. Von 12-Tönigkeit, langen melodischen Reihen, minimalistischen Elementen bis zu Anklängen an Maurice Ravels Impressionismus sowie George Crumbs Farbenreichtum, oder auch Dimitry Schostakowitschs Expressionismus, alles vertreten. 

Solides Spiel des Quartetts, technisch versiert und von starker Expressivität getragen.

Isidore String Quartet
v. l.: Phoenix Avalon, Adrian Steele, Joshua McClendon, Devin Moore
Foto: H.boscaiolo

Sinfonische Dichtung a Quattro

Der dritte Abschnitt, er nennt sich Lift Every Voice (ganzer Titel: Lift every Voice and sing), nimmt Bezug auf den Song von James Weldon Johnson und John Rosamond Johnson aus dem Jahre 1900, und meint damit, der Würde und Hoffnung eine kollektive Stimme zu geben.

Hier endet das Gegeneinander Agieren. Childs schreibt diesen Schluss wie einen Vokalchor, mit homophonen Passagen und polyphonen Verdichtungen. Man ist an Béla Bartók erinnert, aber auch an Gospels und an den typischen amerikanischen Bluegrass und Country bis hin zum Hymnischen. 

Das Finale ist allerdings alles andere als empathisch, sondern versteht sich eher als Ausblick in die Zukunft. Als Hörer hat man den Eindruck, man schwanke zwischen Triumph und Trauer. Ein langer vertikaler, allerdings dissonanter Schlussakkord beendet diese sinfonische Dichtung a Quattro.

Musikalisch durchaus im Stil expressionistischer wie impressionistischer Harmonik mit klassischer Form aber auch typischen amerikanischen Einflüssen wie Gospels, Minimalismus sowie Jazz und Blues. 

Das Isidore Quartet konnte hier glänzen und bewies vor allem in dieser Interpretation ihre Klasse und Meisterschaft.


Abschied und Willkommen

Antonin Dvořáks letztes Streichquartett in G-Dur op. 106 (1895) war für den zweiten Teil des Konzertabends vorgesehen.

Bekanntlich verließ er im Jahre 1895 nach knapp drei Jahren die USA und freute sich auf seine Heimat Böhmen. Gemeinsam mit seinem op. 105 in As-Dur, bereits in New York begonnen, wurden beide Quartette im Dezember in Prag uraufgeführt. Das op. 105 als Abschiedsgruß oder Lebewohl an die Neue Welt und das op. 106 als Willkommensgruß an die Heimat.

Isidore String Quartet
v. l.: Phoenix Avalon, Adrian Steele, Joshua McClendon, Devin Moore
Foto: H.boscaiolo

Statt überschwänglich – sachlich distanziert

Das viersätzige Werk, beginnend mit dem Kopfsatz im Allegro moderato, ist so böhmisch musikantisch gelagert, dass es nur so eine Freude für das Publikum gewesen sein mochte. Voller Aufregung auf die Heimat und mit freudiger triumphaler Erwartung auf das was kommen möchte.

Das Quartett fängt diese Stimmung zwar ein, aber ganz wie es gelagert ist, mit kühlem Abstand und ganz ohne Pathos. So gar nicht romantisch überschwänglich, wie man es erwarten möchte. 

Aber - man kann es es aus heutiger Sicht auch so sehen: Warum sich im romantischen Fluss verlieren, wenn es auch sachlich und distanziert möglich ist.

Isidore String Quartet
v. l.:  Adrian Steele, Phoenix Avalon, Joshua McClendon, Devin Moore
Foto: H.boscaiolo

Coolness – jugendliche Sachlichkeit

Der zweite Satz, ein ausgedehntes Adagio, ist ein Hymnus an die Wälder Mittelböhmens, in denen Dvořák aufgewachsen war. Er schrieb ihn in wenigen Tagen in seinem Sommerhaus in Vysoká und besteht aus einem wunderbaren Es-Dur Gesang, von allen Instrumenten immer wieder neu beleuchtet, mal singend, mal con sentimento, mal tranquillo, durchweg aber molto espressivo. Auch hier hielten die vier Musiker eher Abstand und bevorzugten ihre Coolness.

Das Molto Vivace des dritten Satzes in h-Moll besteht aus einem Springtanz im 2/4 Takt, der eigentlich Interpreten wie Zuhörer kaum auf den Sitzen zu halten vermag. Es sind im wahrsten Sinne Hexen- und Spukgeschichten, die hier fröhliche Urständ feiern. 

Mit doppelten Trios, die wie eine Berceuse, oder auch wie Spieldosenmusik klingen, verweist der Komponist bereits auf seine Absicht, Programmmusik zu schreiben. Jedenfalls konnte man hier bereits Elemente seiner Oper Rusalka heraushören.


Technische Meisterhaft

Wie sollte es anders sein, das Finale, eingeleitet mit einem Andante sostenuto und alsbald fortgesetzt mit einem Allegro con fuoco (mit Feuer also), ist als echtes böhmisches Fest mit ansteckend guter Laune gedacht. Tanzmelodie folgt auf Tanzmelodie und endet in einer nahezu orgiastischen wirkenden Coda, einer Stretta, die technisch noch einmal alles abverlangt.


Wenig europäische Romantik

Das Isidore Quartet meisterte diese Sätze mit großer technischer Versiertheit, aber, und das bleibt zurück, ihr Zugang zur europäischen Romantik mit all ihren Facetten und Feinheiten ist ihnen doch relativ fremd und könnte noch musikalisch und interpretatorisch ausgebaut werden. Andererseits war ihr Vortrag von Billy Childs American Mosaic von bester Qualität, inspiriert und von einer Spielfreude, die durchaus mitreißen konnte.

Logo des Isidore String Quartet

Große Zukunft in der „neuen“ Musik

Das Quartett ist bereits auf dem Rheingau Musik Festival 2026 angesagt und hat auch dort das American Mosaic auf ihrem Programm.

Ihre Zugabe, ein geistliches Lied von Johannes Brahms, vermutlich eine Bearbeitung aus dessen op. 30 für Chor und Klavier, gehörte in dieselbe Kategorie der kritischen Bewertung ihres romantischen Stils. Alles gut, möchte man meinen, dennoch ein Quartett mit großer Zukunft, vielleicht in der zeitgenössischen Musik.

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