Samstag, 28. März 2026

Hohe Messe in h-Moll (BWV 232), Johann Sebastian Bach (1685-1750), Gaechinger Cantorey unter der Leitung von Hans-Christoph Rademann, Alte Oper Frankfurt, 27.03.2026 (eine Veranstaltung der Frankfurter Bachkonzerte e. V. in Kooperation mit der Alten Oper Frankfurt)

Gaechinger Cantorey (Foto: Martin Foerster)

Exzellenter Griff

Selten wird dieses Opus Magnum von Johann Sebastian Bach in Frankfurt aufgeführt, letztmals vor drei und davor vor vier Jahren, aber immer ist es ein Fest der barocken Kunst mit all ihren gesanglichen und instrumentalen Facetten. In diesem Jahr hat der Verein Frankfurter Bachkonzerte e. V. die Gaechinger Cantorey mit ihrem Leiter Hans-Christoph Rademann eingeladen und wieder einmal einen exzellenten Griff bewiesen.


Hohes Niveau

Im Jahre 1954 von Helmut Rilling (1933-2026) unter dem Namen Gächinger Kantorei gegründet, hat sich dieses Ensemble zu einem der weltweit besten Barockorchester mit angeschlossenem Chor entwickelt. Hans-Christoph Rademann (*1965) übernahm im Jahre 2013 die Nachfolge Helmut Rillings, sorgte für die Neugründung und Umbenennung in Gaechinger Cantorey im Jahre 2016, in der Absicht, das Barockorchester und den handverlesenen Chor in einer Art Projektorientierung noch einmal auf ein höheres Niveau zu heben.


Hans-Christoph Rademann (Foto: Roberto Bulgrin)

Eindrucksvollstes Zeugnis der Geschichte

Am gestrigen Abend – der große Saal der alten Oper war sehr gut gefüllt – trat er mit einem 28-köpfigen Ensemble, einem 20-köpfigen Chor einschließlich fünf Gesangssolisten (darunter die Sopranisten Miriam Feuersinger und Magdalena Harer, die Altistin Marie Henriette Reinhold, der Tenor Patrick Grahl und der Bariton Felix Schwandke, der allerdings auch die einzige Basspartie der Messe sang) auf die Bühne.

Bach Missa tota, sein über ein Vierteljahrhundert gewachsenes umfangreichstes lateinisches Kirchenwerk (1724-1749) besteht aus 26 einzelnen Sätzen (mit der Wiederholung des Hosianna im Schlussteil sind es 27), darunter 18 Chören und neun Arien, aufgeteilt in Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus und Benedictus mit abschließendem Agnus Dei und Dona nobis pacem, das der Musikwissenschaftler und Bachspezialist Friedrich Blume (1893-1975) zu recht „für eines der eindrucksvollsten Zeugnisse (hielt), das die Geschichte kennt, für jenen überkonfessionellen und gesamteuropäischen Geist, der die Musik am Ausgang des Barockzeitalters durchdrungen hat“.

Hans-Christoph Rademann, Gaechinger Cantorey
Foto: H.boscaiolo

Musikalisches Vermächtnis“

Bekanntlich hat Bach die gut zweistündige Messe aus vielerlei eigenem und fremdem Material zusammengestellt, aber trotz der Unterschiedlichkeit des Materials, die lange Entstehungszeit und die praktizierte Vielfalt archaischer, traditioneller sowie moderner Formen und Stilmittel, ein in sich geschlossenes Vokal- und Instrumentalwerk von hoher Aussagekraft geschaffen. 

Insofern kann es durchaus auch als sein Opus ultimum, oder als sein „musikalisches Vermächtnis“ bezeichnet werden.

Selbst gehört hat er es nie. Erstmals wurde es vollständig wohl 1835 in Zürich unter der Initiative des Komponisten, Musikverlegers und Bach Entdeckers Hans Georg Nägeli (nicht gesichert), aber nachweislich erst 1856 in Frankfurt am Main vom Cäcilienchor (gegr.1818) aufgeführt.


Opulente Besetzung – konzertanter Stil

Gehen wir ins Detail: Vorab ist zu bemerken, dass Ensemble und Chor sowohl klanglich als auch harmonisch bestens abgestimmt waren.

Gleich zu Beginn das gewaltige dreiteilige Kyrie, opulent besetzt mit barocken Instrumenten (darunter auch Gottfried Silbermann Nachbauten einer Truhenorgel und eines Cembalos) und fünfstimmigem Chor. 

Hier herrschen große Spannungsbögen vor, wobei das Duett zwischen Miriam Feuersinger und Magdalena Harer im deutlich konzertanten Stil von großer Wärme und pastoraler Stimmung geprägt war. Ein Wechsel von kollektiver Klage und fast schon liebevollem Dialog.

Nebenbei bemerkt dirigierte Hans-Christoph Rademann das gesamte Werk ohne Partitur Vorlage. Leider gestaltete er die Schlüsse jeweils mit lang anhaltendem Ritardando, was zumindest den Rezensenten ziemlich störte.

Gaechinger Cantorey
vorne v. l.: Patrick Grahl, Felix Schwandke, Hans-Christoph Rademann, 
Marie Henriette Reinhold, Magdalena Harer, Miriam Feuersinger

Foto: H.boscaiolo

Dramatischer Kantatensatz

Bereits das Gloria klingt wie ein dramatischer Kantatensatz. Aufgeteilt in neun Abschnitte, darunter drei Soloarien (Alt zweimal und Bass) und ein Duett für Sopran und Tenor, beginnt es in einem strahlenden D-Dur mit Pauken und Trompeten. Man ist an ein Concerto grosso erinnert.

Dazu im starken Kontrast das Et in Terra Pax, charakterisiert durch lange Melodiebögen und dichte Polyfonie.

Laudamus te wird von Magdalena Harer in juchzender Ausführung gesungen und von der ersten Geige, Mayumi Hirasaki, tänzerisch perfekt begleitet. Ein brillantes Accompagnato, darunter auch Klänge der „Silbermann“ Orgel und des „Silbermann“ Cembalo.


Pastoral – melancholisch – kraftvoll – triumphal

Das folgende Duett Domine Deus mit Miriam Feuersinger und Patrick Grahl gehörte zu den ersten Höhepunkten der Messe. Es hat pastoralen Charakter, wird mit Traversflöte begleitet und ist von außerordentlicher Transparenz und Intimität geprägt, was beide Akteure in bester Manier realisieren.

Auch Marie Henriette Reinhold kann in Qui sedes ad dexteram patris mit ihrer warmen Stimme, prächtig unterlegt von der Oboe D´Amore, Daniel Lanthier, glänzen und die Melancholie des Satzes zur Geltung bringen.

Dagegen ist die sogenannte Bassarie Quoniam tu solus sanctus, von Felix Schwandke gesungen, und mit Horn und Fagott unterlegt, zwar feierlich und kraftvoll gedacht, von der Indisponiertheit des Corno da caccia (vermutlich die trockene Luft), Gustav Borggrefe, und der unpassenden Stimme des Sängers beeinflusst. Felix Schwandke ist ein astreiner Bariton und kann die Tiefen nicht, die in dieser feierlichen, ja archaischen Sequenz gefordert sind.

Mit flottem, ja sehr flottem Tempo endet dieser Teil, ein Cum sancto spiritu, eine energetische, triumphierende große Schlussfuge von außerordentlicher Eindrücklichkeit. Leider mit einem viel zu langen finalen Ritardando, was so gar nicht dazu passte.

Gaechinger Cantorey
vorne v. l.: Patrick Grahl, Felix Schwandke, Hans-Christoph Rademann, 
Marie Henriette Reinhold, Magdalena Harer, Miriam Feuersinger

Foto: H.boscaiolo

Kernstück der Messe

Das Credo, nach einer langen Erholungspause, ist das Kernstück dieser Messe. 

Es besteht wie das Gloria aus neun Sätzen und ist streng symmetrisch angeordnet. Ein Glaubensgebäude im stile antico, das fugenartig mit dem Credo in unum Deo beginnt, und fortgesetzt wird von einer Doppelfuge voller energetischer Motorik, was der Chor in blendender Weise erfüllt.

Zart und lyrisch geht es weiter im Duett mit Miriam Feuersinger und Magdalena Harer, ein kammermusikalischer Hochgenuss und bester Accompagnato Begleitung der Streicher.

Ein ausgedehnter Passus duriusculus mit tiefen Seufzern lässt das Incarnatus erklingen, was sich fortsetzt im Crucifixus, eine Passacaglia von tiefer Expressivität.

Der Auferstehungsjubel folgt auf dem Fuß. Ein Resurrexit mit Pauken und Trompeten. Von großer Farbigkeit und Glanzpunkt der barocken Instrumentation.

Die folgende Baritonarie von Felix Schwandke mit herrlicher Oboen Begleitung von Daniel Lanthier, lässt die Kritik an seiner Arie am Schluss des Gloria vergessen. Hier brillierte er mit warmer Klangfarbe und wunderschönen Höhen.


Kathedraler Klang

Das Sanctus beginnt mit einem festlichen, überwältigenden himmlischen Gesang des Chores. Wohl eines der ältesten Stücke in dieser Messe (von 1724 stammend). Ein sechsstimmiger Chor mit nahezu kathedralem Klang, feierlich schreitend.

Dann ein Umschwung in einen fugierten Satz. Unglaublich tänzerisch und voll innerer Bewegung vorgetragen. Zweimal ertönt dann das Hosianna in der Höhe, voller langgezogener Melismen aus den Chorreihen, dazwischen das Benedictus mit der Tenorarie des Patrick Grahl, begleitet von der Traversflöte (Georges Barthel). Von großer Sanftheit und hellem Licht durchzogen.

Gaechinger Cantorey
vorne v. l.: Patrick Grahl, Felix Schwandke, Hans-Christoph Rademann, 
Marie Henriette Reinhold, Magdalena Harer, Miriam Feuersinger

Foto: H.boscaiolo

Alles schließt sich

Die Schlussarie, eine Da-capo-Arie mit A-B-A Struktur, gehörte noch einmal Marie Henriette Reinhold. 

Reich an Dissonanzen setzt Bach noch einmal auf Demut und Bitte: Lamm Gottes du nimmst hinweg die Sünden der Welt … und geht dann quasi attacca in den Schlusschor über, ins Dona nobis pacem.

Hier rekurriert er auf sein Gratiam agimus tibi, dem dritten Chor des Gloria, wohl um die Geschlossenheit des Werks zu erfüllen. Jetzt ist es eine sich steigernde sechsstimmig Motette aus tiefer Überzeugung, Gutes in dieser Welt hinterlassen zu haben. Der Friede ist eingekehrt. Eines der emotional konzentriertesten Momente der gesamten Messe, möchte man meinen.

Gaechinger Cantorey
vorne v. l.: Patrick Grahl, Felix Schwandke, Hans-Christoph Rademann, 
Marie Henriette Reinhold, Magdalena Harer, Miriam Feuersinger

Foto: H.boscaiolo

Kontrolliert und transparent

Es dauerte auch eine Weile, bis der Rausch des Applaus´ einsetzte. Eine wunderbare, dennoch konservative, aber tief gesattelte Interpretation. 

Kein Oratorium mit Operngestus wie 2023 mit Eliot Gardiner und seinen English Baroque Soloists, keine glanzvolle Pracht wie bei Raphaël Pichon und seinem Ensemble Pygmalion in 2019, dafür aber eine solide und kraftvolle Interpretation mit einem Hans-Christian Rademann und der Gaechinger Cantorey, von nüchternem akademischem Gestus. 

Emotionaler Überschwang ist ihm fremd. Eine kontrollierte, transparente Aufführung, die dem Werk wie der Werkidee absolut gerecht wurde.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen