Happy New Ears, Portrait Iris ter Schiphorst, Werkstattkonzert mit dem Ensemble Modern, musikalische Leitung: Alexander Sinan Binder, Hochschule für Musik und Darstellende Kunst (HfMDK), 08.04.2026
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| Foto: Website |
In allen Genres zuhause
„Iris ter Schiphorst ist“, so meint der Moderator Christian Hommel, Oboist des Ensemble Modern, „in allen Genres zuhause.“ Und tatsächlich scheint ihr Lebensweg keine Grenzen zu kennen. Am 22. Mai 1956 in Hamburg geboren, Tochter eines niederländischen Vaters und einer deutschen Mutter, wird sie früh mit der Kunstszene der 1960er und 1970er Jahre konfrontiert, will Tänzerin werden, was krankheitsbedingt fehlschlägt, möchte dann in die Fußstapfen ihrer Mutter treten und den Beruf einer Pianistin ergreifen.
Aber auch da sind ihr die Hürden zu hoch und die Räume zu eng. Geht dann mit ihrem Vater auf Reisen. Besucht Afrika, Asien und Europa, um sich dann, zurück in Deutschland, diversen Rockgruppen anzuschließen, wo sie als Bassistin, Schlagzeugerin und Keyboarderin erste Karriere macht.
Ihr heller Geist allerdings verlangt mehr. Es zieht sie nach Berlin, in die seit 1991 neu ernannte Hauptstadt Westdeutschlands, studiert dort Philosophie, Theaterwissenschaften und besucht Kompositionskurse unter anderem bei Dieter Schnebel und Luigi Nono, und kommt langsam aber sicher zu ihrer eigentlichen Berufung: Das Komponieren.
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| Ensemble Modern (Foto: Website) |
Renommierteste Komponistin der Jetztzeit
Ihre Kompositionsliste enthält neben vier Opern, diverse Orchester- und Filmmusiken auch Installationen und Hörspiele.
Man könnte endlos weiter fabulieren, denn Iris ter Schiphorst gehört, zumindest was die neue Musik betrifft, zu den wohl renommiertesten Komponistinnen der Jetztzeit im europäischen Raum.
Mitgebracht hatte sie zwei ihrer Werke, die in etwa das Spektrum ihrer kompositorischen Tätigkeit umfassen:
Zunächst Hyper-Dub für Stimme, Ensemble und Sampler (2019/2022). Text von Dirk von Lowtzow (gleichzeitig auch Sprecher des Textes)
Sowie: „ … und Pommerland ist abgebrannt“ (Deutsches Schreiben) (2003).
| Ensemble Modern (Foto: H.boscaiolo) |
Erlebnisse der Berliner Zeit
Beide Werke dauern jeweils etwa 10 bis 12 Minuten, sind aber durchaus sehr unterschiedlich angelegt.
Der Abend im vollbesetzten Großen Saal der HfMDK begann mit Hyper-Dub (schlicht dem gleichnamigen Londoner Plattenlabel von Steve Goodman, alias Kode9 entlehnt)
Dazu meint die Komponistin im sehr lockeren Gespräch mit Christian Hommel, es habe viel mit ihren Erlebnissen während ihrer Berliner Zeit in den späten 1980er Jahren zu tun. Es sei eine Reminiszenz „an die widerständige und experimentelle Atmosphäre, die mich damals an dieser Stadt so faszinierte, dass ich von einem auf den anderen Tag beschloss, dorthin zu ziehen und mich in die experimentelle Rockmusik zu stürzen“.
Dabei erwähnt sie die diversen Hausbesetzungen, die vielen offenen Bereiche, die künstlerisch besetzt wurden – Stichwort: Punkszene, die aufkommende Anti-Atomkraftbewegung, die Neue Deutsche Welle und selbstverständlich auch die Frauenbewegung.
| Ensemble Modern (Foto: H.boscaiolo) |
Gesucht und gefunden
Kommen wir an dieser Stelle zu Dirk von Lowtzow (*1971). Er gehört eigentlich in die Szene der so genannten Hamburger Schule, eine lose Bewegung deutschsprachiger Pop- und Rockmusiker (Stichwort: Tocotronic, Blumfeld, Die Sterne, oder auch Kolossale Jugend). Eine musikalische Richtung, die sich zwar politisch verstand, sich auf Texte von T. W. Adorno , Jacques Derrida oder auch Michel Foucault bezog, aber musikalisch eher reduziert agierte. Sie gehört in die Nachfolge der Neuen Deutschen Welle.
Iris ter Schiphorst und Dirk von Lowtzow wurden, so die Komponistin im Gespräch mit Christian Hommel, von Björn Gottstein (*1957), dem damaligen Leiter der Donaueschinger Musiktage, im Jahre 2018 im wahrsten Sinne „verkuppelt“. Allerdings hätten sich beide unbewusst gesucht und gefunden.
Lowtzows Text (er ist nicht allein Musiker und Frontmann von Tocotronic, sondern auch Schriftsteller) habe sie spontan überzeugt und zu einer Musik inspiriert, die tatsächlich einen engen Bezug zu ihrer Berliner Vergangenheit herzustellen vermag.
| v. l.: Dirk von Lowtzow, Alexander Sinan Binder, Ensemble Modern Foto: H.boscaiolo |
Irritation als Sensibilisierung
Allerdings erinnert der Text eher an die Punkszene oder auch an die städtische Bohème der Berliner politischen wie unpolitischen Jugend, und jenen, die nicht alt werden wollen. Man säuft sich ins Koma, torkelt durch die Nacht nach Hause, wacht stockbesoffenen neben der Waschmaschine, der „Schutzpatronin der Totengräber“, auf, und – eine Stimme ruft: „Komm nach Hause, L.“
Musikalisch in drei Teile gegliedert, spricht Dirk von Lowtzow zunächst gegen das dreizehnköpfige Ensemble mit Synthesizer, E-Gitarre, zwei Schlagzeugern, Harfe, Bassklarinette, Horn, Klavier und Streichern besetzt, an, um dann in der zweiten Wiederholung in einen lyrischen, fast poetischen Part zu wechseln.
Bei der dritten Wiederholung wechselt die Komponistin in ihr bevorzugtes Metier, dem Pop-Rock Style und das gesamte Stück bekommt jetzt ein lockeres, ja fast schon versöhnliches Ambiente. Eigentlich möchte sie eher verstören. So gilt ihr Kunst und Musik als Irritation: „Ich glaube“, so lautet ihr Credo, „dass darin eine Möglichkeit liegt, für Unbekanntes – auch im Selbst – zu sensibilisieren.“ (aus: Iris ter Schiphorst – boosey.com)
Kaum Unbekanntes
Na ja möchte man meinen. Viel Unbekanntes war nicht zu erkennen. Irritiert hat eher der doch sehr dünne Text, weit weg von Adorno oder Foucault, und die Musik, die eher von lauten Grundgeräuschen mit solistischen Einsprengseln der Geige, der Harfe und vor allem der Bassklarinette, lebte, und die erst im dritten Teil durch jazzige Synkopen etwas aufmunterte. Mehr aber auch nicht (Der Text ist im Internet abrufbar).
| v. l.: Dirk von Lowtzow, Alexander Sinan Binder, Ensemble Modern Foto: H.boscaiolo |
Das zweite Werk „…Pommerland ist abgebrannt“ hat sie, eigenen Aussagen zufolge, bereits 2002 beendet. Es sei eine Reaktion auf die unselige Schlussstrichdebatte um den Holocaust.
Sie meint konkret die berühmt berüchtigte und aus heutiger Sicht absolut falsch interpretierte Paulskirchenrede von Martin Walser (1927-2023) zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels im Jahre 1998, wo er den Umgang mit der spezifischen deutschen Vergangenheit als „Moralkeule“ kritisierte.
Iris ter Schiphorst sieht darin die Geburt der „Rechtstendenzen in der BRD“ und wollte mit dieser Musik ein musikalisches Zeichen setzen. Keine Rede vom gleichzeitigen 9/11-Ereignis, der Geburt des globalen Terrorismus und der Rechtfertigung der USA unter George Bush Junior sämtliche „Schurkenstaaten“, darunter Irak, Libyen, Afghanistan oder auch Syrien, in Schutt und Asche zu legen.
Völkerrecht und UNO Charta adé. Nein, ihr gehe es um diese Holocaust Verharmlosung und ihre fatalen Folgen.
| v. l.: Christian Hommel, Daniel Agi, Jaan Bossier Foto: H.boscaiolo |
„Maikäfer flieg ...“
Pommerland ist abgebrannt entstammt dem deutschen Lied Maikäfer flieg aus dem 17. Jahrhundert und thematisiert die furchtbaren Folgen des Dreißig-jährigen Krieges: „Maikäfer flieg, der Vater ist im Krieg, die Mutter ist im Pommerland, Pommerland ist abgebrannt.“
Tatsächlich aber verwendet die Komponistin weder das Material des Liedes noch die Melodie für ihre Komposition. Stattdessen hat sie sich für drei Instrumente entschieden, dem Englisch-Horn, der Bassflöte und der Bassklarinette. Drei Holzinstrumente, die bereits im Mittelalter existierten und vor allem der Volksbelustigung, aber auch der Pastorale, der Hirtenidylle dienten.
Eindringlich – ergriffen
Allerdings ist diese Musik von großer Eindringlichkeit. So besteht sie aus langen fragilen Tönen, untermalt durch brüchige, instabile Klangflächen. Vor allem die Farbigkeit und die heftigen Tempowechsel schaffen eine eigentümliche Atmosphäre.
Die drei Solisten, Christian Hommel am Englisch-Horn, Jaan Bossier an der Bassklarinette und Daniel Agi an der Bassflöte, sind ausgesprochene Meister ihres Faches und schaffen, unterstützt durch Elektronik und Zuspielung des Kinderliedes am Schluss des fast 12-minütigen Werkes – dazwischen singen sie noch in ihre Instrumente – ein Klanggebilde von tiefer Ergriffenheit.
| v. l.: Iris ter Schiphorst, Dirk von Lowtzow, Ensemble Modern Foto: H.boscaiolo |
Die Komponistin möchte mit dieser Reminiszenz an die Gräuel des 30-jährigen Krieges vor allem die Erinnerungskultur der deutschen Geschichte, der Verlust von Heimat, die Folgen der Flucht und vor allem die Verklärung der Romantik musikalisch dekonstruieren. Ein Erinnerungsstück, in dem ein Kinderlied zum kritischen Kommentar wird.
Dieses Werk konnte musikalisch überzeugen, wenngleich der Komponistin doch ihr Hang zur extremen Bedeutungsschwere ihrer Musik nicht sonderlich bekommt. Nicht jedes Werk kann mit politischen Ereignissen behaftet werden. Selbst ihre Vorbilder Luigi Nono und Dieter Schnebel hatten das erkannt und ihre Musik, ohne lange und ausführliche politische Erläuterungen, sprechen lassen, was ihnen durchaus gelang.
| v. l.: Iris ter Schiphorst, Dirk von Lowtzow, Alexander Sinan Binder, Ensemble Modern (Foto: H.boscaiolo) |
Dennoch. Iris ter Schiphorst ist eine typische Vertreterin der Generation der Babyboomer (1955-1969), aufgewachsen im Nachkriegsdeutschland des Wirtschaftswunders, sowohl zäh und resilient, als auch die erste Generation, die den Massenkonsum miterlebte und genoss.
Ebenso die erste Generation, die unbequeme Fragen stellte und erstmals das historische Schweigen durchbrach mit all seinen Reaktionen, von den 1968ern, den Maoisten, dem Baader-Meinhof-Komplex, bis zu den Hippies und der New Wave Punk Bewegung. Alles drin, auch in ihrer Musik. Insofern ein durchaus belebendes Werkstattkonzert mit einer sehr sympathischen und eloquenten Komponistin.


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