Montag, 13. April 2026

Become Ocean, Ballett von Chen-Wei Lee und Zoltán Vakulya, nach der gleichnamigen Musik von John Luther Adams, Staatstheater Wiesbaden, 12.04.2026 (Premiere am 02.04.2026)

Hessisches Staatsballett (Foto: Andreas Etter)

Preisgekrönte Musik

Große Erwartungshaltungshaltung im vollbesetzten Großen Haus des Wiesbadener Staatstheaters. 

Become Ocean ist im eigentlichen Sinne eine gut 45-minütige preisgekrönte Orchesterkomposition des wohl bekanntesten amerikanischen Minimal Komponisten John Luther Adams (*1953), die er im Jahre 2013 mit seinem Hausorchester, dem Seattle Symphony Orchestra, zur Uraufführung brachte und dafür sogar ein Jahr später den begehrten Pulitzer-Preis für Musik erhielt. Warum das?

Das Werk gehört zu den Ausnahmekompositionen der Minimal Musik, ist stark orientiert an John Cages und Morton Feldmans musikalischem Verständnis von Raum-, und Klanggestaltung, und hat zudem eine direkte Beziehung zu Adams Aufenthaltsort in Alaska, und den es umgebenden Meeren von Arktischen Ozean, dem Nordpazifik und dem Beringmeer. 

Auch bezieht sich der Komponist auf ein Zitat seines Freundes John Cage: „Listening to it, we become Ocean“, frei übersetzt: Beim Zuhören werden wir selber zum Ozean.


vorne: Michael Antony Pucci, Hess. Staatsballett (Foto: Andreas Etter)

Beim Zuhören selber zum Ozean werden

Tatsächlich ist das einsätzige Werk sehr groß besetzt (mindestens 80 Musiker), mit drei bis vierfachen Bläsern, dazu Marimba, Vibraphon, Crotales, Harfen, Klavier, Celesta, großem Schlagwerk, Bassdrums, Tamtams und Streichern.

Dazu hat der Komponist das Orchester in drei große Gruppen aufgeteilt, die räumlich getrennt positioniert sind. All das macht diese Komposition schon allein zu einem Hingucker.

Musikalisch fängt Adams die Kraft der Alaska umgebenden Meere ein, was er mit langen, langsam fließenden Klangsequenzen zu realisieren versucht. Dazu gehören Arpeggien vor allem von der Harfe und den Vibraphonen zu hören, Akkorde und Klangkaskaden der Blasinstrumente, die insgesamt dreimal einen harmonischen, tonalen, wenn auch extremen Höhepunkt erreichen, sowie wellenförmige Effekte vom Klavier, den Becken, der Perkussion und vor allem der Celesta ausgehend. Nicht zu vergessen die langen Tremoli und Tonlinien der Streicher.

Hessisches Staatsballett (Foto: Andreas Etter)

Schönste Apokalypse der Musikgeschichte“

Diese Musik umfasst in farbiger Weise alle Facetten des Meeresrauschen. Zwar wollte der Komponist ursprünglich die einzelnen Phrasen mit unterschiedlichen Lichteffekten versehen wissen, wovon man aber aus technischen wie ästhetischen Gründen sehr bald absah.

Nichtsdestotrotz wurde das gewaltige ozeanische Werk nicht auf Anhieb akzeptiert. Man behauptete, es habe bereits nach zwanzig Minuten seine musikalische Ideen erschöpft. Man hätte es hier getrost abbrechen können. Andere wiederum, wie unter anderen der New Yorker Musikkritiker, Alex Ross, waren „völlig überwältigt“ und bezeichneten es als die „schönste Apokalypse der Musikgeschichte“ (A. Ross, 03.05.2014).


Neukreation von Become Ocean

Was liegt dem näher, als der Musik eine tänzerische Attitüde zu verleihen, was mit dem choreographischen Duo Chen-Wei Lee und Zoltán Vakulya (keine Unbekannten im Rhein Main Gebiet) nicht zum ersten Mal geschah. Schon andere Choreographen wie Justin Peck für das New Yorker Ballet (2018) haben sich daran gemacht.

Kommen wir aber zur Inszenierung im Wiesbadener Staatstheater. Diese sogenannte Neukreation von Become Ocean hatte sich besondere Effekte der Performance ausgedacht. Das taiwanesisch ungarische Choreo-Duo, sie arbeiten seit 2016 zusammen, liebt das Fließende wie das Physische bei der Herangehensweise an der thematischen Umsetzung von Musik auf den Tanz.

John Adams´ Musik erfüllt ihrer Auffassung nach dabei sowohl das Räumliche, das Klangliche, das Körperliche wie das Technische bei der choreographischen Umsetzung in Bewegung, Bühnenbild, Kostüme und Dramaturgie.

Ramon John, Sayaka Kado (Foto: Andreas Etter)

Klang- und Tanzreise

Zunächst scheint es Licht und elektronische Probleme zu geben. Die Performance beginnt eine Viertel Stunde verspätet.

Es ist absolut dunkel und ein Prolog von Fanny Thollet, ein elektronisches Gemisch aus Meeresrauschen, Gewitter und Donner mit pulsierendem Herzschlag, soll das Publikum auf die Klang- und Tanzreise einstimmen. Über den Sinn lässt sich bereits streiten.

Dann versammeln sich alle zwölf Tänzerinnen und Tänzer (sechs Frauen und sechs Männer) auf der Bühne in sehr langsamem Gang, der sukzessive ins Gehen wechselt und schließlich im weichen Laufen seinen ersten Höhepunkt erfährt.

Auch das Hessische Staatsorchester Wiesbaden wird im Hintergrund sichtbar, groß und die gesamte hintere Bühne ausfüllend - der Dirigent Alejandro Jassán ist zunächst im künstlichen Nebel kaum zu erkennen - nicht wirklich in drei getrennten Gruppen, aber doch die gesamte Bühnenbreite ausfüllend.


Gelungene Optik

Über allem schwebt ein seltsames Objekt, das zwischen kristalliner Schüssel, Meeresurtier und Qualle changiert. Immer in veränderlicher Bewegung und verschieden angeleuchtet, sodass auch an ein glitzernder Schmuckstein gedacht werden könnte. Die Tiefe des Raums wird durch geschickte Lichteffekte verstärkt und das im Hintergrund agierende Orchester ist ein wunderbarer optischer Ersatz für das doch weitgehende monoton fließende Geschehen auf der Tanzfläche (Licht: Joanne Shyue, Bühne: Yoko Seyama).

Benjamin Wilson, Sayaka Kado (Foto: Andreas Etter)

Wenig Kontakt zur Musik

Ja die Choreographie: Sie besteht weitgehend aus autonomen Elementen, die zwar durch die Musik eine tragende Fläche bekommt, aber dem Anspruch des Pulsierenden, der Ur-Kraft des Meeres, der Wirkung des ewigen Fluss des Wassers auf den Menschen nur in Ansätzen gerecht werden kann. 

Man war indes an viel Vergangenes des Hessischen Staatsballetts erinnert (z. B. Burnt, aber auch Cantos). Die typischen Soli der einzelnen Tänzer im Wechsel von Kollektiv und Individualität, Nähe und Entfernung der Körper, Gruppenbildungen und Lösungen. All das ist sattsam bekannt, aber mit der Musik von John Adams nur indirekt in Verbindung zu bringen.

Lang sind die Sequenzen, meditativ viele Szenen. Die beweglichen Elemente wie Pas de Deux, Dreier- und Vierergruppen sind durchaus ansehnlich, bestehen sie doch im Wesentlichen aus Halten, Schützen und Ziehen, doch spannender sind allemal die musikalischen Flächen aus dem Hintergrund und die Bewegung des fliegenden gewaltigen Objekts, das, unterschiedlich beleuchtet und in ständiger Metamorphose, einen Ablenkungs- wie Erholungsmodus bietet.

Schlussapplaus (Foto: H.boscaiolo)

Ideen – Zeit – Kreativität

Sicher sind die Akteure in ihren archaischen Kostümen (Damuz Huang) – man ist an einen mittelalterlichen Markt erinnert – unglaublich gefordert, doch kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass auch den Choreographen nach einer gewissen Zeit die Ideen ausgegangenen sind. 

Das Prinzip der Wiederkehr des immer Gleichen, ein Prinzip des Minimal, muss nicht bedeuten, dass man es auch tänzerisch fortsetzt. Die Soli einzelner Tänzer wie auch die Gruppenformationen hat man schon oftmals so gesehen und man wurde den Eindruck nicht los, dass man einfach mal die Zeit damit überbrücken wollte. Hier sei an die musikalische Kritik erinnert, die meint, nach zwanzig Minuten seien ihm die Ideen ausgegangen.

Schlussapplaus: Hess. Staatsorchester Wiesbaden (Foto: H.boscaiolo)

Wasser zu Wasser – Staub zu Staub

Das Stück ist in drei Teile gegliedert mit zwei Höhepunkten. Der eine bestand aus einem langen statischen Präsentieren am Rand der Bühne bei fließender Musik zwischen mezzoforte und forte. Der zweite nach einem hektischen Wechsel von Soli und Gruppentanz, ohne wirkliche Bezugnahme zum Become Ocean.

Der Schluss wiederum rekurrierte auf den Anfang. Man reduzierte sich aufs Gehen und verließ dann langsam, in langen Abständen die Bühne. Die Musik wechselte ins pianissimo, um dann endgültig zu  ersterben. Alles ist wieder Wasser. Alles wie zu Anfang der Schöpfungsgeschichte. 

Wie heißt es   doch auf Beerdigungen aus Mose 3.19: „Denn Staub bist du, und zum Staub kehrst du zurück.“ Dazwischen noch lautes Handygebrüll, und die Meditation wie die tiefe Andacht waren dahin.

Der Beifall war herzlich, aber ungewöhnlich distanziert. Kein frenetisches Geschreie und keine Bravo Rufe. Warum auch.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen