Mittwoch, 15. April 2026

Grigory Sokolov, Klavierrezital Alte Oper Frankfurt, 14.04.2026 (eine Veranstaltung von PRO ARTE)

Grigory Sokolov (Foto: Mary Slepkoval/Deutsche Grammophon)

Spiel auf den Tasten – eine Lebensform

Wie schrieb der Musikjournalist Tobias Stosiek so treffend in seiner ausgezeichneten Laudatio im BR-Klassik Rundfunk am 18.04.2025 zu Grigory Sokolovs 75. Geburtstag: „Und was da von ihm kommt, das ist so erstaunlich, so jenseits all dessen, was man von anderen Pianisten gewohnt ist, dass der eigene journalistische Vokabelkasten plötzlich schrecklich mager erscheint. Tatsächlich ist für Sokolov das Spielen auf den Tasten keine Beschäftigung, sondern eine Lebensform, seine Lebensform.

Fragte man ihn einmal, wie oft und wie lange er täglich übe, antwortete er lapidar: „24“. Denn Üben meine nicht das Praktizieren am Gerät, sondern das, was im Kopf ist.


Ein Weltphänomen

Tatsächlich ist Grigory Sokolov (*1950), wie sein Gönner in seiner Jugendzeit, Emil Gilels (1916-1985, er hat ihn gefördert und maßgeblich zu seinem 1. Preis im Tschaikowski Wettbewerb im Jahre 1966 beigetragen), ein Weltphänomen. Nicht allein wegen seiner außergewöhnlichen Interpretationen nahezu aller Werke vom Barock bis zur Neuen Musik, sondern vor allem auch wegen seiner nahezu unglaublichen Aktivitäten: So gibt er pro Spielzeit mindestens 70 Klavierrezitale mit jeweils neuem, aber inhaltlich zusammenhängendem Programmen. 

Immer aber entscheidet er sich spontan, und man weiß als Besucher seiner Konzerte nie im Vorhinein, was er für den Konzertabend vorgesehen hat. (Sokolov, das sei an dieser Stelle noch vermerkt, ist zwar mit den größten und bekanntesten Orchestern der Welt aufgetreten, hat sich aber frühzeitig entschieden, wohl nach 1989, nur noch solistisch aufzutreten.)

Grigory Sokolov (picture-alliance/dpa)

Den Weg zur Romantik geöffnet

Am gestrigen Abend im gut besuchten großen Saal der Alten Oper Frankfurt, hatte er für den ersten Teil des Rezitals die Klaviersonate op. 7 Es-Dur (1796/97) sowie sechs Bagatellen op.126 (1824/25) von Ludwig van Beethoven (1770-1827) dabei, sowie für den zweiten Teile des Konzertabends die Klaviersonate B-Dur D 960 (1828) von Franz Schubert (1797-1828).

Sokolov wäre nicht Sokolov, wenn er nicht, das Publikum ignorierend, an den Flügel hastete und unversehens auf die Tastatur einwirke. Das aber auf ungewöhnliche Weise. Ein pochender Beginn, vorwärtstreibend, nicht allzu schnell, dafür aber von größter Klangkraft und orchestralem Impetus. Tatsächlich hat Beethoven mit dieser Klaviersonate in Es-Dur op. 7 den Weg in die Romantik geöffnet.

Sie ist die bis dahin seine längste. Viersätzig und mit seiner Hammerklaviersonate vergleichbar, dazu von sehr passionierter Stimmung. Beethoven war zu dieser Zeit in seine Schülerin Babette, korrekterweise Gräfin Anna-Luisa Keglevich, verliebt, und komponierte diese Sonate auf dem Schloss der Gräfin.

Sie trägt bereits deutlich seine eigene Handschrift, weitab von seinen Vorbildern Mozart und Haydn, ist nicht allein von ausgedehnter Länge von über 30 Minuten, sondern auch von symphonischem Anspruch (vor allem im ersten Satz Allegro molto con brio, voller dynamischer Kontraste und für Beethoven typische dramatische Entwicklungen).


Tiefstes appassionato

Das Largo con gran espressione des zweiten Satzes wiederum gehört zu seinen tiefgründigsten langsamen Sätzen überhaupt. Gesanglich, dramatisch, fast schon opernhaft mit reichen Verzierungen. Sokolov schwelgt hier bereits im tiefsten appassionato, jeder Ton eine Poesie, jede Phrase ein Gedicht, der ganze Satz eine Welt der Emotionen.

Dann folgt der dritte Satz, ein Scherzo, humorvoll ebenso wie düster grummelnd im Trio. Ein Spiel voller Erwartungen und plötzlichen Wendungen.

Der Schlusssatz, ein raffiniertes Rondo Finale im Allegretto e grazioso, schwelgt zwischen ausgelassenem Tanz und tiefer Nachdenklichkeit. Herrliche Übergänge, harmonische Rückungen und kontrastreiche Wechsel lassen erste heroische Anklänge erahnen, die beim späteren Beethoven Usus werden.

Grigory Sokolov (Foto: H.boscaiolo)

Zyklische Kleinigkeiten“

Sokolov lässt das Werk allerdings nicht heroisch enden, sondern geht quasi attacca zu seinen sechs Bagatellen über. Wer nicht aufpasste, merkte es kaum, denn die erste Bagatelle im Andante con moto G-Dur passte noch ausgezeichnet in die Sonate, war sie doch im Sinne Beethovens traditionell konzipiert.

Zu den Bagatellen muss allerdings voran gesetzt werden, dass sie quasi Beethovens Schlussapotheose bedeuteten. Er bot sie bereits 1824 dem Schott Verlag an mit der Bemerkung, das sie das Beste seien, was er jemals geschrieben habe.

Sicher sind sie parallel zu seinen Sonaten op.109-111 zu sehen, wie auch zu seinen letzten Streichquarten op.133-135, aber die Besonderheit dieser „zyklischen Kleinigkeiten“ liegt vor allem in der Tonartbeziehung (G-Dur, g-Moll, Es-Dur, h-Moll, G-Dur und Es Dur), in ihrem Kontrastreichtum und dramatischen Spannungsbogen. 

Sie sind extrem fragmentiert, voller harmonischer Kühnheit und gedanklicher Verdichtungen. Man könnte auch von einer abschließenden 19-Minuten dauernden Charakterstudie eines der größten Komponisten seiner Zeit sprechen.


Epilog – Apotheose

So ist die zweite Bagatelle charakterisiert durch scharfe nervöse Akzentuierungen, die dritte in Es-Dur durch kantable aber fragmentierte Gedankenspiele. Die vierte wiederum, ein Presto in h-Moll, eruptiv, von extremer Dynamik und Energie, aber von Sokolov eher majestätisch und kraftvoll interpretiert. 

Lyrisch wiederum wird es in der Fünften und das Presto in der sechsten Bagatelle in Es-Dur reduziert sich auf den Anfang und den Schluss, um im langen Mittelteil, in Andante amabile e con moto, doch eher versöhnlich und voller Innigkeit gehört zu werden.

Die letzten sechs Takte im gewaltigen Presto lassen noch einmal die Ungezähmtheit und Kühnheit wie einen Epilog, oder gar eine Apotheose, wirken. Ein Finale, dass das Publikum bereits vor der Pause von den Stühlen hebt.

Der Applaus will keine Ende nehmen. Aber, wie gesagt, Sokolov wäre nicht Sokolov, wenn er sich feiern ließe. Nein, er kommt nicht mehr auf die Bühne.

Grigory Sokolov (Foto: H.boscaiolo)

Kompositorisches Vermächtnis

Der zweite Teil des Rezitals, das sei vorweggenommen, lässt tatsächlich, wie anfangs bereits angedeutet, die journalistische Sprache verstummen. Kommen wir zunächst zu Schubert selbst. Er vollendete seine letzten drei Klaviersonaten in seinem Todesjahr 1828. 

Er war bereits bekannt und die Verlage – wie auch der Mainzer Schott Verlag – rissen sich um seine Kompositionen, die Rezensionen waren voller Begeisterung und er hatte tatsächlich eine erfolgreiche Karriere in Aussicht. Wenn, ja wenn nicht das Schicksal eingegriffen hätte.

Seine B-Dur Klaviersonate, die letzte der Trias, gehört zu seinem kompositorischen Vermächtnis, zu seiner Krönung der lebenslangen Auseinandersetzung mit der Gattung Klaviersonate. Nicht von ungefähr wurde sie als „Schwanengesang“ bezeichnet und gilt als „die Krone von Schuberts Klavierschaffen“. Die Schönste gar, die nach Beethovens Sonaten geschrieben wurde.


Tiefgründig – rätselhaft – Todesahnung

Sei´s drum. Diese Sonate gehört zweifellos zu seinen tiefgründigsten und rätselhaftesten Werken überhaupt. Viersätzig angelegt dauert sie gut eine dreiviertel Stunde (sinfonische Dimensionen) und beschreibt in ruhiger und ausgedehnter Zeit quasi ein ganzes Leben.

Lange Wiederholungen, kaum dramatische Entwicklungen charakterisieren beispielsweise den ersten Satz in Sonatenhauptsatzform, aber in einer Ausdehnung von fast zwanzig Minuten. Herausragend hier, die immer wiederkehrenden Basstriller, ein Störgeräusch, das man auch als Todesahnung interpretieren könnte. Von Sokolov unglaublich eindrücklich zelebriert.

Der zweite Satz, ein Andante Sostenuto in cis-Moll wirkt mit seinen ostinaten rhythmischen Figuren wie der Versuch, Zeit und Raum aufzuheben. Der Mittelteil in A-Dur dagegen wirkt wie das ferne Erinnern an bessere Zeiten, denn insgesamt ist er ein trostloser dunkler Teil der Sonate.

Dann der der dritte Satz, ein Scherzo und lebhafter Kontrast zu den beiden vorherigen Sätzen. Man ist mitunter an Carl Maria von Webers Freischütz erinnert, den Schubert abgöttisch verehrte, und dessen Musik er schätzte. Kontrapunktisch dazu das Trio in b-Moll, kurz und spritzig, wie ein groteskes Clowns-Spiel von Sokolov verstanden. Perfekt.

Grigory Sokolov (Foto: H.boscaiolo)

Dramatisches Schauspiel

Der Schlusssatz, ein Allegro ma non troppo, beginnt zunächst auf G-Dur, wechselte in ein penetrantes Tanzthema in c-Moll, um dann endlich in die Ursprungstonart B-Dur überzugehen. Ein Satz, der es in sich hat. Nicht allein die 500 Takte sind es, die in Rondoform das ausgedehnte Finale dimensioniert, sondern die kontrastierenden Wechsel zwischen typischer Schubertscher Wanderlied Atmosphäre, verbissen mitunter und aufbrausend, und tiefer Melancholie in Anlehnung an die ersten beiden Sätze.

Absolut vielgestaltig, changierend zwischen langen ausgedehnten in Sechszehntel arpeggierten Melodiepassagen, die ihren Höhepunkt, nach einer Pause von zwei Takten, in einem Akkordgewitter, abfallend vom Berggipfel in die tiefsten Abgründe, findet, um dann im nächsten melodischen Fluss wieder aufgefangen zu werden.


Rückblick auf ein unvollendetes Leben

Ein Finale, das Sokolov zu einem dramatischen Schauspiel eines Menschen verwandelt, der zurück blickt auf sein Leben mit allen Facetten von Höhen und Tiefen, von Freude und Leid, von Traum und Schmerz. Ein Spiegelbild des Lebens schlechthin, das er in einem eigenständig Kosmos lebendig werden lässt. Ein Finale mit einem abschließenden Presto, das wohl zum Besten gehört, was diese Komposition so besonders macht. Sokolov reiht sich hier ein in die großen Interpreten dieser Sonate wie Wilhelm Kempff, Alfred Brendel und Mauricio Pollini.

Er übertreibt es nie mit dem Tempo, hält doch lyrischen Abstand, ist klar in der Struktur wie Mauricio Pollini und was ihn besonders auszeichnet: Er macht aus dieser Sonate einen dramatischen Rückblick auf ein unvollständiges Leben, ein Leben, das um sein Ende weiß, aber noch einmal alles rekapituliert, was möglich ist, ein existentielles Resümee von außerordentlichem Tiefgang.

Grigory Sokolov (Foto: H.boscaiolo)

Das Aktive, das kommt von mir“

Grigory Sokolov gab natürlich seine obligatorischen Zugaben. Zunächst eine Mazurka op. 30/2 von Frédéric Chopin, kurz und knackig, dann die zweite Rhapsodie in g-Moll op.79 von Johannes Brahms , und möglicherweise noch vier weitere Zugaben. 

Der Autor dieser Zeilen musste leider zur S-Bahn, die seit Monaten in Frankfurt und Umgebung nur zeitlich äußerst beschränkt fährt. Ein Klavierrezital, das wieder einmal die besondere Klasse Sokolov bewies. Lassen Sie mich mit der Aussage Sokolovs enden: „Das Aktive, das kommt von mir.“ Damit ist wohl alles gesagt.


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