Lazarus, ein Musical von David Bowie und Enda Walsh, nach dem Roman „The Man who fell to Earth“ von Walter Tevis, Premiere 24.04.2026 im Staatstheater Darmstadt.
| v. l. : Sarah Steinemer, Hubert Schlemmer, Victoria Isabel Pfitzner, Statisterie alle Fotos von: Nils Heck |
Jukebox-Musical
Lazarus, das sei vorweggenommen, ist kein klassisches Musical, sondern eher ein poetisches, fragmentarisches Kammerspiel über Einsamkeit, Erinnerung und Tod ohne klare lineare Handlung.
Kurz: es ist ein Jukebox-Musical mit der ausschließlichen Musik von David Bowie (1947-2016) und einem Skript von Enda Walsh (*1967), das sich im großen und ganzen auf den Roman „Der Mann, der vom Himmel fiel“ (1963) von Walter Tevis (1928-1984) wie auch auf den gleichnamigen Science-Fiction-Fantasy Film aus dem Jahre 1976 von Nicolas Roeg (1928-2018) bezieht.
| Sebastian Graf (Newton), Lightning Bolt |
Absurd – atemberaubend
Ein Film, in dem David Bowie, damals unter Drogen und in einem labilen Zustand, den Außerirdischen Thomas Jerome Newton spielt, und das offensichtlich in genialer Weise. Die Kritiken waren gemischt, und changierten zwischen "absurd", "voller logischer Lücken" bis zu "atemberaubend", was aber den heutigen Kultstatus eher erklärt als infrage stellt.
Realität zwischen Traum und Erinnerung
Die Handlung lässt sich knapp so zusammenfassen: Newton alias David Bowie, notlandet auf der Erde auf der Suche nach Wasser für seinen Herkunftsplaneten. Dabei gerät er in die Fänge menschlicher Laster und Korruption. Er sitzt auf der Erde fest, kann aus vielerlei Gründen nicht zurück, kann aber auch nicht sterben, da er unsterblich ist.
Sein Dasein ist aussichtslos und sein persönlicher Zustand ebenfalls. Er sehnt sich nach dem Tod, was ihm nicht vergönnt ist, seine Realität zerfällt – Traum, Erinnerung und Gegenwart vermischen sich zu einem unauflöslichen Gewirr. Und eben das ist das Thema des Jukebox-Musicals, auf dem Off-Broadway am New Yorker Workshop am 18.11.2015 uraufgeführt, wenige Tage vor dem Ableben Bowies.
| Sebastian Graf (Newton), Statisterie |
Lazarus gilt als das künstlerische Testament Bowies, sein Wissen um den eigenen Tod (er ist unheilbar an Krebs erkrankt), sein selbstbestimmtes Ableben und vor allem die Selbstinszenierung seines Sterbens. Bowie fühlt sich als Fremder in dieser Welt, ist berühmt, aber existentiell allein, und gefangen in seinem Mythos.
In der Rolle des Lazarus erfährt er seine letzte Transformation, wozu seine Kunst, insgesamt sind es 17 seiner Songs (entstanden zwischen 1970 und 2015) zum Zentrum des Handelns werden.
Erinnerungs(t)raum
Was aber macht das Regieteam des Staatstheaters Darmstadt daraus. Sascha Hawemann (Regie), Wolf Gutjahr (Bühne), Iris Burisch (Kostüme) Konrad Kästner (Video) sowie Alexander Kohlmann (Dramaturgie) versuchen eine Neuinterpretation des Musicals und sprechen von einem zeitlosen Stoff, der unverkennbar autobiographische Züge trägt.
Und weiter: „In unserer Inszenierung wiederum fügen sich die Geschichte vom gestrandeten Außerirdischen und Erinnerungen aus dem Leben eines gestrandeten Jahrhundertkünstlers zu einem mehrere Jahrzehnte verbindenden Erinnerungs(t)raum zusammen.“ (Programm S. 3)
| Sebastian Graf |
„Parlament der Dinge“
Dazu gehört auch die Bühnenidee von Wolf Gutjahr, der sich an Bruno Latours (1947-2022) „Parlament der Dinge“ orientiert, womit gemeint ist, dass alle Dinge des Bühnengeschehens wie Tiere, Gegenstände, Technik oder Klima gleichberechtigte Teilnehmer eines Versammlungsprozesses sein sollten, also untrennbar mit den menschlichen Netzwerken verbunden sind.
Das realisiert das Team, indem eine riesige karge Bühne vor allem durch Videos und Hebebühne in ständiger Veränderung immer wieder neue Szenen erzeugt und der Handlung dadurch einen gewissen Fortgang ermöglicht. Mal wird eine Küche simuliert, mal ein Waschraum, auch die Berliner Untergrundbahn ist mit der Haltestelle Kleistpark vertreten. Natürlich darf ein Mercedes Benz nicht fehlen.
Eine siebenköpfige Band mit E-Gitarren, E-Klavier, Schlagzeug, Tenorsaxophon und Posaune befindet sich im klassischen Orchestergraben und koordiniert Songs und Handlung über den musikalischen Leiter Xell.
| Laura Eichten (Mädchen ohne Name), Sebastian Graf |
Konservativ und einfallsarm
Alles eigentlich ziemlich konservativ, um nicht zu sagen, reichlich einfallsarm, denn die Videos waren oft zusammenhangslos, maximal überfrachtet, und wirkten ähnlich wie die angesagten Lightning Bolts, Blitzgewitter ohne Ende, eher verwirrend als erklärend.
Immerhin fand in den über zwei Stunden der Vorführung ein ständiger Bühnenwechsel statt, ohne allerdings den erwarteten Bezug zu Bowies alias Newtons Leiden und schlussendlichen Tod dramaturgisch herzustellen.
| v. l.: Stefan Schuster, auf dem Mercedes Hubert Schlemmer, Statisterie |
Wenig emotionaler Zugang
Kommen wir zu den Akteuren. Newton, gesungen und gespielt von Sebastian Graf, war weder ein ausgesuchter Sänger, noch ein überzeugender Schauspieler (Vieles passte einfach nicht zu seinem Phänotyp). Seine Songs und seine Verzweiflung ließen kaum einen emotionalen Zugang zu.
Auch die übrigen Sänger und Tänzer, wie das Mädchen ohne Namen (zum Schluss outete sie sich als Marilyn), Laura Eichten, oder auch die imaginären Personen wie Valentine (Stefan Schuster), Michael bzw. Zach (Thorsten Loeb), Ben (Hubert Schlemmer) sowie Sarah Steinmeier als Maemi alias Mary Lou (die wirklich Geliebte von Newton), konnten weder stimmlich noch schauspielerisch wirklich überzeugen.
Man vermisste die wandelbare bis ins Falsett reichende Stimme eines Bariton, den Bowie perfekt besaß. Sicher gaben die Statisten und drei Tänzerinnen alles was sie konnten. Aber dem Geschehen auf der Bühne half das wenig weiter.
| Thorsten Loeb (Zach/Michael), Aleksandra Kienitz (Elli) |
Musik einer Schulcombo
Einzig das wirklich freche und fordernde Mezzo der Aleksandra Kienitz alias Elli konnte in dem gesanglichen Einerlei einen gewissen Akzent setzen.
Das alles konterkarierte die Musik ebenfalls nicht. Denn auch die Band spielte auffallend zurückhaltend, ja tastend, um nicht zu sagen ziemlich unprofessionell.
Man spielte alles nach Noten (!). Kein Rock, kein Funk, kein Soul, keine wirkliche Elektronik. Alles wirkte wie die Musik einer Schulcombo der Oberstufe eines Gymnasiums mit Schwerpunkt Musik. Allerdings selbst von Schülern schon mitreißendere Bowie-Songs gehört.
Viel Theorie – schlechte Praxis
Kurz und knapp. Die Premiere wurde frenetisch gefeiert mit Standing Ovations des ausverkauften Hauses. Der Schreiber dieser Zeilen aber war eher enttäuscht. Viel Text (was soll das artifizielle Geschwurbel von einmaliger Bühnenidee, Stichwort: „Parlament der Dinge“) viel Absicht (Neuinterpretation, wozu?) und wenig davon erfüllt. Leider.
| Aleksandra Kienitz, Sebastian Graf |
Stehende Ovationen – Nichts für Bowie Fans
Vielleicht wäre eine kürzere Zeit von in der Regel 1.50 Stunden und die Orientierung an bereits erfolgreiche Aufführungen, besser gewesen, statt der gut zwei Stunden und 10 Minuten. Denn die Langeweile setzte schon früh ein (spätestens nach dem 9. Song: Absolute Beginners).
Möglicherweise der Grund, warum das Publikum – getragen vom Song: Heroes, mit rollendem Dark Star (?), schwarzem Engel in der Figur des Valentine alias Stefan Schuster auf dem Mercedes Coupé und "Bowie" alias Ben in der Person von Hubert Schlemmer (im Bowie Look), den Song schmetternd mit klassischem Bariton, aber ohne jeglichen Touch von Bowie – unmittelbar nach dem letzten Ton aufstand und Beifall zollte.
Sei´s drum! Ein enttäuschter David Bowie Fan blieb zurück.
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