hr-Sinfonieorchester, musikalische Leitung: Alain Altinoglu, Violine: Sergey Khatchatryan, Alter Oper Frankfurt, 17.04.2026 (Große Reihe / Armenian Soul)
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| Sergey Khatchatryan (Foto: Marco Borggreve/ Alte Oper Frankfurt) |
Armenien zu Gast
Man könnte auch sagen, Armenien zu Gast im vollbesetzten großen Saal der Alten Oper Frankfurt. Denn bekanntlich ist Alain Altinoglu, seit 2021 Chefdirigent des hr-Sinfonieorchesters, ein in Paris geborener Armenier (seine Eltern übersiedelten vier Jahre vor seiner Geburt im Jahre 1975 aus Armenien nach Frankreich).
Auch der Violin-Solist des Abends, Sergey Khachatryan (*1985) ist im armenischen Eriwan geboren und zog mit seiner Familie im Jahre 1993 nach Deutschland. Heute lebt er in Frankfurt Eschborn und ist auch im Rhein Main Gebiet kein Unbekannter, hat er doch bereits im Jahre 2000 sein Debüt mit dem hr-Sinfonieorchester unter Hugh Wolff gegeben und unter allen weiteren drei Chefdirigenten seit dieser Zeit geniale Konzertauftritte bestritten.
Ebenfalls das Abendprogramm gehörte der Armenischen Musik (ausgenommen des Le Sacre du Printemps von Igor Strawinsky). Mit zwei Werken von Aram Chatschaturjan (1903-1978) trat das hr-Sinfonieorchester höchst motiviert auf die Bühne, spielte es doch Werke, die nicht allein Alain Altinoglu wie auf den Leib geschnitten waren, sondern auch den Musikern des Orchesters offensichtlich bestens passten.
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| hr-Sinfonieorchester (Foto: Ben Knabe) |
Gewaltige Ausdrucksstärke
Zunächst aus dem äußerst erfolgreichen Ballett Spartakus (1954/56) das Adagio von Spartakus und Phrygia.
Dazu muss vorangestellt werden, dass dieses Ballett nach dem Libretto von Nikolai Wolkow erst 1956 in Leningrader Kirow Theater uraufgeführt wurde (1954 erhielt es bereits den damals renommierten Leninpreis). Thematisch orientiert es sich an der Geschichte des Sklavenaufstands unter Spartakus gegen Marcus Licinius Crassus im Jahre um das Jahr 71 vor Christus und handelt, knapp beschrieben, vom Widerstand des Spartakus gegen Rom. Es kommt zur Schlacht, in der er und seine wohl 6000 Anhänger besiegt und gekreuzigt werden.
Allerdings ist das Ballett natürlich verwoben mit einer Liebesgeschichte zwischen Spartakus und seiner Ehefrau Phrygia sowie seinem Gegenpart Crassus und seiner Geliebten Aegina. In zunächst vier Akten, dann seit 1968 auf drei Akte reduziert, spielte das hr-Sinfonieorchester aus dem dritten Akt das Pas de Deux Spartakus und Phrygia, eine im Adagio geschriebene fast, neun minütige Szene, die sogar zur Titelmusik der BBC Fernsehserie The Onedin-Line avancierte.
Kein Geringerer als Dmitri Schostakowitsch meinte dazu: „Das Wertvollste in diesem Ballett ist die gewaltige Ausdrucksstärke der Musik, ihre Überzeugungskraft und Bewegtheit.“
| hr-Sinfonieorchester (Foto: Ben Knabe) |
Üppige Orchestrierung – romantische Liedkunst
Tatsächlich wechselt das Werk kongenial zwischen extrem lyrischer Liebesszene und brutaler, rhythmischer Kampfmusik. Die üppige Orchestrierung tut ihr Übriges. Viel Blech, gewaltige Streicherklänge und farbige, ja cinematisch anmutende Passagen. Hier vor allem dominiert durch eine der bekanntesten Melodien des 20. Jahrhunderts, extrem wirkungsvoll präsentiert mit durchaus orientalischer Färbung. Nicht von Ungefähr ist man an Peter Tschaikowskys romantische Liedkunst und Rachmaninows Klangfülle erinnert.
Ein Einstieg des Abends, in dem bereits die große Empathie für diese Art Musik sowohl des Dirigenten (Altinoglu schwelgte förmlich am Pult) wie auch des Orchesters (man erfuhr gerade optisch die musikalische Freude an der Interpretation) sichtbar und hörbar wurde.
| Sergey Khatchatryan, Alain Altinoglu, hr-Sinfonieorchester Foto: Sebastian Reimaold |
„Lebendige Komposition“
Dann folgte das Violinkonzert d-Moll ebenfalls von Aram Chatschaturjan. Er schrieb es im Jahre 1940, also mitten im Vaterländischen Krieg, brauchte kaum 10 Wochen zur Fertigstellung und ließ es von seinem Freund und damals wohl weltweit besten Violinisten, David Oistrach (dem er es auch widmetet), am 16. November 1940 im Moskauer Tschaikowsky-Saal uraufführen.
Das Werk schlug sofort ein, bekam den Stalinpreis und zählte lange Zeit zu den meistgespielten Violinkonzerten überhaupt.
Oistrach, der von 'unvergesslichem Eindruck' sprach, schrieb dazu: „Es war klar, dass eine lebendige Komposition entstanden war, die dazu bestimmt war, lange auf der Konzertbühne zu bestehen.“
Atemberaubende Leichtigkeit und Eleganz
Allerdings ist es wegen seiner nahezu Unbespielbarkeit erst in den 1960er Jahren wieder auf die Programme gekommen. In Frankfurt am gestrigen Abend wurde es zum ersten Mal präsentiert und das von einem Violinisten, der bestens zu dieser Komposition passte. Es ist Sergey Khatchatryan (*1985).
In schlichtem schwarzen Hemd und schwarzer Hose, spielte er regelrecht in Trance das dreisätzige Werk mit unglaublicher Leichtigkeit und Strenge, mit tänzerischer und rhythmischer Lebendigkeit wie auch in lyrischer Versunkenheit.
Die umfangreiche Kadenz am Ende der Durchführung des ersten Satzes, sprengte gleichsam alle Regeln der Technik an und mit der Violine (eine „Kiesewetter“ Stradivari von 1724 und von Stretton Society freundlicherweise dem Künstler ausgeliehen).
Mit geschlossenen Augen und fast schon sparsamen körperlichen Bewegungen, meisterte der Violinist die kraftvolle, energetische, effektvolle und fast perkussive Passage mit einer Leichtigkeit und tänzerischen Eleganz, die atemberaubend schön wirkte.
| Sergey Khatchatryan, Alain Altinoglu, hr-Sinfonieorchester Foto: Sebastian Reimaold |
Im zweiten Satz, Andante sostenuto, einem kantablen Walzer, vom Fagott und der Klarinette eingeleitet, wird dem Hörer eine Serenade der Extraklasse vorgeführt.
Die Violine spielt lange, gesangliche Linien und man ist unweigerlich an die lyrischen Stücke von Edvard Grieg oder Jean Sibelius erinnert. Ist dieses Andante das lyrische Zentrum der Konzerts, dann besticht das tänzerische Finale im Allegro vivace durch gewaltigen folkloristischen Einschlag.
Ode an die Freude
In freier Rondo-Form geschrieben wirkt es wie die Ode an die Freude. Beginnt gleich mit festlichem Orchester Tutti und wird fortgesetzt durch einfache Tonfolgen, quasi Motivreihen mit extremen Figurationen aus den einzelnen Orchestergruppen.
Ein Volksfest zwischen absoluter Lebensfreude und Ektase. Chatschaturjan rekurriert ohne Umschweife auf die Themen des ersten Satzes, und lässt Reminiszenzen an Tschaikowsky und Prokofjew aufflammen. Ein gewaltiges Finale mit triumphalem Schluss, ein Wechsel vom d-Moll zum D-Dur.
Hat der Komponist nicht bereits früh betont, dass er dieses Violinkonzert in Erwartung der Geburt seines Sohnes schrieb und er sich überglücklich fühlte? Genau so ist es. Kein tief trauriges d-Moll eines Requiems, sondern ein gewaltiger Ritt durch die Geschichte armenischer Folklore, russischer Klassik, europäischer Moderne. Pure Lebensfreude charakterisiert dieses Violinkonzert.
Dazu äußerst sinnlich und publikumswirksam, um nicht zu sagen gefällig im positiven Sinne. Kein Gedanke an den bereits stattfindenden Weltkrieg und den Überfall der deutschen Wehrmacht auf Russland im Jahre 1941, der sich bereits im Jahre 1940 abzeichnete. Auch das ist möglich in Krisen- und Kriegszeiten.
| Sergey Khatchatryan, Alain Altinoglu, hr-Sinfonieorchester Foto: Sebastian Reimaold |
Charakter vs. Charakter
Sergey Khatchatryan gab natürlich noch ein Zugabe, die genau zu ihm passte. Ein armenischen Volkslied, die „Stimme der armenischen Seele“, wie er selbst zum Publikum sagte. Ursprünglich auf einer Oud zu spielen, präsentierte er es (er nannte es, akustisch zu vernehmen: „Bela ama“), für zwei Geigen.
Dazu spielte der erste Geiger des hr-Sinfonieorchesters, Ulrich Edelmann, einen durchgehenden Orgelpunkt, während Khatchatryan eine Melodie von tiefer Traurigkeit mit großer Hingabe darbot.
Ein Charakterstück ganz im Seelenbereich des wirklich herausragenden Violin-Virtuosen. Ein Großmeister seines Faches und ein bescheidener dazu. In heutigen Zeiten eine Seltenheit.
Ballett ohne Tanz
Kommen wir doch zum eigentlichen Höhepunkt des Konzertabends, dem Le Sacre du Printemps (1913) von Igor Strawinsky. Im eigentlichen Sinne für Ballett geschrieben, wir wissen es alle, wird es tatsächlich als reines Orchesterstück gar nicht so häufig aufgeführt.
Am gestrigen Abend allerdings mit riesigem Orchesteraufgebot. Allein sechs Perkussionisten, Harfe, achtfachen Hörner, zwei Wagnertuben, Bassklarinette, fünffach besetzte Oboen und Fagotte und und und. Ein Spektakel, das durchaus auch zum ersten Teil des Abends passte.
War doch auch Strawinsky russischer Exilant, und vor allem auch Liebhaber des Tanzes, der rhythmischen Innovationen, der Bezüge zum archaischen Ritual und der selbstverständlichen Vereinnahmung bereits bestehender Musikstile.
| hr-Sinfonieorchester vorne Mitte: Alain Altinoglu und Sergey Khatchatryan Foto: H.boscaiolo |
„Style Barbare“
Strawinsky hat mit seinem Le Sacre in gewisser Weise die Musikwelt revolutioniert. Einmal durch den Schock des Rhythmus´, dann durch den der Harmonik, und schließlich durch das Denken in Blöcken statt wie bisher in Entwicklungen.
Nicht von ungefähr bezeichnet man sein Vorgehen als „style barbare“ und versteht darunter seine brutale akkordische Rhythmik, seine Umakzentuierungen und ostinaten stampfenden Wiederholungen, seine Materialentscheidungen (Instrumentierung) wie seine polytonalen und polyrhythmischen Kontexte.
Große Irritation
Das Stück dauert gut 40 Minuten und besteht aus zwei Teilen, die das Ballett Thema: Das Frühlingsopfer umschreiben. Bilder aus dem heidnischen Russland lautet der Untertitel, und wie man weiß, hat die Uraufführung nicht allein wegen der Musik, sondern vor allem wegen des Inhalts Furore gemacht. Möglicherweise trifft das auch auf Adorno zu, dem wohl fundamentalsten Kritiker des Werks.
Man war im Pariser Théatre des Champs Élysées eher vom Bühnenaufbau, den Kostümen und dem Balletttanz irritiert. Die Musik allein wäre vermutlich akzeptiert worden, schätzte man doch bereits die Kompositionen Strawinskys, dessen Le Sacre bereits sein drittes Werk für die Balletttruppe Diaghilew war.
Für westliche Gemüter kaum verständlich
Tatsächlich beginnt es mit der Anbetung der Erde, darunter acht Untergruppen, und nach einer langen Generalpause wird es fortgesetzt mit Das Opfer und sechs Untergruppen. Inhaltlich geht es um ein heidnisches Frühlingsritual aus dem vorchristlichen Russland. Um Stammesriten und Naturkult. Eine Jungfrau muss sich opfern, um den Frühling friedlich zu stimmen. Dabei tanzt sie sich zu Tode. Das Ganze wirkt archaisch, brutal und ist für westliche Gemüter kaum verständlich gewesen.
Die Musik allerdings ist ein Battle zwischen Harmonik, Quartschichtungen, Bitonalität und Akkordblöcken wie auch rhythmischer Schocktherapie. Ein ständige Wechsel und Verschiebungen von Pulsen, Akzenten und stoßweise aggressiven Ausfällen. Dazu das genannte Blockdenken. Das heißt es gibt keine Entwicklung einzelner Motive oder Themen, sondern nur reines Verschieben, schneiden oder schlichtes Wiederholen.
Vierzig Minuten Ausnahmezustand
Das Orchester ist absolut gefordert und changiert zwischen Naturerwachen, ritueller Musik und ekstatischem Tanz. Ein Auf und Ab der Gefühle, das im Todestanz der Jungfrau mit schrillen Sechs Ton Rufen der Blech- und Holzbläser sein schauriges Finale findet.
Kurz zusammengefasst: Das hr-Sinfonieorchester und sein Dirigent Alain Altinoglu haben hier großartiges geleistet und ein Wechselspiel der Emotionen von ungeheurer Wirkung auf das Publikum erzeugt. Man befand sich vierzig Minuten lang in einem Ausnahmezustand und konnte erst mit dem gewaltsamen Schlussakkord und dem sechsfachen perkussiven Hintergrund wieder Atem fassen.
Eine wirklich perfekte Vorstellung einer Musik, die heute noch nichts von ihrer Wirkung eingebüßt hat.
| Alain Altinoglu, hr-Sinfonieorchester beim Schlussapplaus Foto: H.boscaiolo |
Nachtkonzert
Das folgende Nachtkonzert mit Werken von Komitas Vardapet (1869- 1935) und Aram Chatschaturjan für Klavier und Violine (mit Alain Altinoglu und Sergey Khatchatryan) musste für den Autor dieser Zeilen wegen der langen Rückfahrt mit nur sporadisch fahrenden S-Bahnen leider ausfallen. Darüber werden andere Besucher berichten.


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