Turandot (1926), Dramma lyrico in drei Akten von Giacomo Puccini (1858-1924), Libretto von Giuseppe Adami und Renato Simoni, nach dem gleichnamigen Theaterstück von Carlo Gozzi. Dazu die Uraufführung des Prologs Io tacerò von Lucia Ronchetti (*1963), Oper Frankfurt, 19.04.2026 (3. Vorstellung, Premiere am 02.04.2026)
| v.l.n.r. Inho Jeong (Timur), Guanqun Yu (Liú) und Alfred Kim (Calaf) Ensemble alle Foto von: Bernd Uhlig |
Seine beste und ergreifendste Oper
Turandot ist ein Märchen aus vergangenen Zeiten. Seinen Ursprung hat es tatsächlich in einer alten persischen Legende, wonach Turandocht (sic.) lediglich einen intellektuell gleichberechtigten Partner sucht, der ihr drei schwierige Rätselfragen zu beantworten hat.
Im 19. Jahrhundert wurde es von Carlo Gozzi wie auch von Friedrich Schiller für Theater bearbeitet und fand verschiedene Ausdeutungen. Turandot sowohl als schlichte Männerhasserin, wie auch als traumatisierte Frau, die mit den unlösbaren Rätseln ein Zeichen setzen möchte.
Puccini erlebte erstmals die Turandot in Berlin um 1920 unter der Regie von Max Reinhardt, verliebte sich sofort in das Schauspiel und machte daraus unter der Mithilfe von Giuseppe Adami und Renato Simoni eine seiner besten und ergreifendsten Opern überhaupt.
| Ensemble |
Nicht endende, brausende Ovationen
Leider wissen wir von seinem frühen Tod. Ohne die Oper zu Ende gebracht zu haben, hinterließ er also einen Torso, den einige Komponisten wie Franco Alfano (1875-1954) oder auch Luciano Berio (1925-2003) kongenial zu Ende brachten.
Aber auch die Unvollendete hatte und hat ihren Reiz, was nicht allein die Uraufführung in der Mailänder Skala, nahezu genau vor einhundert Jahren, am 25.04.1926, durchaus bewies. Arturo Toscanini, der Dirigent der Uraufführung unterbrach nach Liús Todesarie die Aufführung, wendete sich ans Publikum mit den Worten: „Hier endet das Werk des Meisters.“
Dann, heißt es weiter: „Das Publikum saß wie gebannt, um dann in nicht endende, brausende Ovationen für den dahingegangenen Maestro auszubrechen“ (nach Kurt Pahlen, 1981).
Eiskalte Mörderin
Ob für den Maestro oder das Werk sei dahingestellt, hat doch die Regisseurin dieser aktuellen Turandot, Andrea Breth, ebenfalls die Entscheidung getroffen, diese Oper als Torso, als Unvollendete aufzuführen. Dazu hat sie sich allerdings dezidiert festgelegt.
Für sie ist die Turandot schlicht die Gebieterin eines durchorganisierten terroristischen Staates, vergleichbar mit der nordkoreanischen Kim Yo Yong, der jüngeren Schwester des Diktators Kim Jong Un, deren Lust am Grauen sinnbildlich sei und der jeglicher Anflug von Empathie fehle.
Alle Versuche, so die Regisseurin, Turandot als traumatisierte Frau zu deuten, gingen ihr regelrecht auf die Nerven. Turandots Handlungen (bis zur Rätselprüfung Calafs hat sie bereits 26 Freier auf dem Gewissen) seien „nicht zu verzeihen“, sie sei schlicht eine eiskalte Mörderin und mit der Boshaftigkeit eines Eichmanns oder auch Putins zu vergleichen.
Banalität des Bösen
Hannah Arendts sprichwörtliche Banalität des Bösen, bezogen auf den Eichmann Prozess in Jerusalem im Jahre 1961, beweise zusätzlich das System repressiver, gewalttätiger Systeme, die unter Mithilfe von Mitläufern (z.B. Ping, Pang, Pong - Minister des Kaisers, von Puccini eigentlich ironisch angelegt) monströse Verbrechen begehen, ohne jegliches Mitgefühl. Ohne Gnade und ohne Rücksicht.
In diesem Sinne ist diese Oper inszeniert. Dazu hat sich das Team um die Regisseurin, Thomas Guggeis als musikalischer Leiter, Johannes Leiacker, Bühne, Ursula Renzenbrink, Kostüme, Alexander Koppelmann, Licht und nicht zuletzt Manuel Pujol und Alvaro Corral Matute, für Chor und Kinderchor verantwortlich, eine entsprechende Dramaturgie und Ambiente geschaffen.
| Elza van den Heever (Turandot) und Alfred Kim (Calaf), Ensemble |
Zittern, Schreien, Weinen, Klagen, Zagen
Die Oper beginnt mit einem etwa siebenminütigen Prolog, geschaffen von der italienischen Komponistin und Renaissance Spezialistin Lucia Ronchetti (*1963). Angelehnt an Carlo Gesualdos (1566-1613) Viertes Madrigalbuch aus dem Jahre 1596, lässt sie Chor, Extrachor und Kinderchor der Oper Frankfurt unter das Publikum und auf die Ränge verteilen und ein gewaltiges Lamento (Titel: Io tacerò / ich schweige still) über den verdunkelten, voll besetzen Saal ziehen.
Begleitet von den Streichern aus dem Orchestergraben versetzt ein Zittern, Schreien, Weinen, Klagen, Zagen den vollbesetzten Opernsaal in bedrohliche Schwingungen. Sie selbst spricht von kreisförmigen Bewegungen, die Panik, Trauer und Entsetzen über die Todgeweihten zum Ausdruck bringen sollen.
Vor allem der Freitod der Sklavin Liú am Schluss der Oper wird hier im übertragenen Sinne vorweggenommen.
Ein wirklich beeindruckender musikalischer Einstieg in das Operngeschehen. Aber genau genommen entgegengesetzt zur Absicht der Regie, ein Terrorregime auf die Bühne zu bringen.
Musikalische Hinrichtung
Der attacca Übergang, repetitiv eingeleitet durch die Chöre und mit vier heftigen Tonfolgen des Orchesters und Fallbeilschlägen der Pauken und großen Trommel fortgesetzt, führt direkt zur grausamen Ankündigung der Hinrichtung eines jungen persischen Prinzen, der die drei Rätsel der Turandot nicht lösen konnte. Durch das Hinlegen eines Kindes realisiert.
Die Bühne, in schwarz weiß gehalten, besteht aus großen Gittern, bekannt aus Gerichtssälen mit gefährlichen Terroristen und Mördern auf der Anklagebank. Das Volk, zusammengehalten mit Seilen scheint unter der Knute der staatlichen Gewalt zu leiden, ist aber gleichzeitig fasziniert von der Mordzeremonie.
| v.l.n.r. Inho Jeong (Timur), Guanqun Yu (Liú) und Alfred Kim (Calaf), Ensemble |
Gewollte Reduktion
Auf der Bühne sind bereits die Hauptprotagonisten der Oper, Calaf (Alfred Kim, Tenor), Liú (Guanqun Yu, Sopran) und Timur, Vater von Calaf (Inho Jeung, Bass). Tatsächlich erscheint Turandot (Elza von den Heever, Sopran) im Hintergrund, ganz in weiß gekleidet und mit weißer Maske, majestätisch und das Volk direkt auf die Knie zwingend.
Auch die Minister Ping (Liviu Holender, Bariton), Pang (Michael Porter, Tenor) und Pong (Inho Jeong, Tenor) sind bereits vertreten. Wie an einem Richtertisch sitzen sie mit toten Hasen im Arm in erhöhter Position. Im Hintergrund ein Waschbecken (eine Metapher der selbst bezeugten Unschuld, siehe Eichmann Prozess).
Eigentlich passiert wenig. Alles ist ziemlich reduziert. Auch die Kleidung von Chor und Solisten ist an das moderne Outfit der Frankfurter Börsenvertreter angepasst.
Licht und Musik allerdings sorgen für ständige optische wie auch akustische Wechsel. Drei japanische Samurai runden die gewalttätige Szenerie mit prächtig gekonnten Schwert- und Stockfiguren ab. Sie verkörpern den eigentlichen Gewaltakt, obwohl ihre Kunst, dem Nô-Theater entlehnt, von höchster Präzision und Ästhetik geprägt ist. Eine glänzende dramaturgische Idee.
Sinne auf Hochtouren
Die Musik haut regelrecht rein. Puccini ist offensichtlich auf der Höhe seiner Meisterschaft. Lange gesangliche Bögen, bitonale Akkordreibungen, pentatonische Melodien ergänzt durch einen gewaltigen Perkussionsapparat mit Tamtam, Glockenspiel, kleiner und großer Trommel, Xylophon, chinesischem Gong sowie Celesta, Harfen und Orgel, perfekt intoniert von einem wirklich bestens präparierten Opern- und Museumsorchester unter der Leitung von Thomas Guggeis, lässt alle Sinne auf Hochtouren laufen.
Eine Musik, die durch Mark und Bein geht, und dabei die vermeintliche Gewalt auf der Bühne in den Kopf eines jeglichen Hörers verlegt.
| v.l.n.r. Liviu Holender (Ping), Magnus Dietrich (Pang), Michael Porter (Pong) |
Totalitäre Langeweile
Dennoch. Die Anlage der Opernregie ist stark an totalitären Systemen orientiert. So befindet man sich im zweiten Akt wie auf einem Parteitag der KP Chinas oder auch Nordkoreas (?). Der jährlich stattfindende Volkskongress der Parteieliten. Alles im Gleichschritt-Marsch.
Auch die drei Figuren der Commedia Dell´Arte, Ping, Pang und Pong, die nahezu die erst Hälfte des Aktes besingen, fungieren als Schreibtischtäter à la Adolf Eichmann, schieben Todes- und Feierakten hin und her, träumen den Spießertraum von Haus, Hof, Frau und Hund, sind gleichzeitig durch und durch korrupt und für jeden Machthaber ein gefundenes Fressen. Nur, wie soll das auf der Bühne zum Ausdruck gebracht werden?
Hier wurde es grenzwertig. Waren doch deren Rollen – ihr Gesang ist eher rezitativisch angelegt und voller Witz, Ironie und Sarkasmus – eher statisch und bürokratisch angelegt. Eine gewisse Langeweile setzte sehr bald ein, im Publikum durch Husten und Papiergeraschel als Echo zurückgegeben.
Auch der dritte Akt spielte schlussendlich in einem Warteraum vor einem gewaltigen Gefängniseingang, mit Sicht in die Tiefe der Gittergänge. Davor wartende Besucher von den Samurai kontrolliert.
| Elza van den Heever (Turandot), Ensemble |
Glanzpunkte der Vorstellung
Die Sänger agierten durchweg großartig, sowohl stimmlich als auch schauspielerisch.
Turandot alias Elza von den Heever, glänzte durch Stimmgewalt, eine Brunhilde hätte ihre Freude an ihr gehabt, aber auch durch den glänzenden Wandel ihres Ausdrucks: Mal scharf, ja metallen in der Rätselszene, dann aber auch sinnlich verloren, wenn sie von ihrer Entscheidung erzählt, nie wieder von einem Mann angerührt zu werden (dabei muss die Vergewaltigung einer Urahnin herhalten) und fast schon kindlich verloren, als sie akzeptieren muss, dass Calaf ihre Fragen beantwortet hat, sie aber dann in verzweifeltem Ton ihrem Vater, Kaiser Altoum alias Michael McCown vor die Füße fällt, und verlangt, dass er sie nicht dem Fremden überlassen möchte.
Elza von den Heever war ein Glanzpunkt der Abendvorstellung, wozu auch ihre gekonnten Hand- und Armgesten aus dem Nô-Theater gehörten, selbst wenn sie natürlich als die Inkarnation des absolut Bösen kaum Sympathien erwerben konnte.
| Elza van den Heever (Turandot), Alfred Kim (Calaf) |
Charismatisches Flair
Dann Calaf alias Alfred Kim. Seine Rolle als Werber und Sieger der Rätselproben, wie auch als machtbewusster und durchaus auch auf seinen Vorteil heischender zukünftiger Herrscher eines Riesenreiches, konnte, als wenig von Sentimentalität und Empathie geleiteter Königssohn eines besiegten Volkes, auf der ganzen Linie überzeugen.
Sein kraftvoller Heldentenor bekam in der Nessun Dorma (keiner schlafe) Arie zu Beginn des dritten Aktes einen besonderen Glanz verliehen: "Liebe und Hoffnung erstrahlen in ihr ebenso wie der Siegesgedanke ...wenn die Sterne erblassen, wenn der Tag entsteht, wird der Sieg, wird Turandot mir gehören!" Ein Gesang voller Charisma und innerer Überzeugung. Überragend schön und Puccini-like.
| Elza van den Heever (Turandot) und Guanqun Yu (Liú), Ensemble |
Kein Auge bleibt trocken
Großer Liebling des Abends allerdings wurde Guanqun Yu als Liú. Sie ist die einzige Identitätsperson in dieser Oper. Wer will schon mit Turandot oder mit Calaf?
Tatsächlich ist ihre Todesarie, die das Ende der Oper signalisiert, ein gesanglicher wie auch kompositorischer Höhepunkt. Da bleibt kein Auge trocken.
Wie sie sich der Folter von Ping, Pang Pong entzieht, dem Samurai das Messer entwendet und ihrem Leben mit den Worten an Turandot: „Du, eisgepanzerte Prinzessin, auch du wirst ihn lieben … ich schließe meine Augen, damit er nochmals siege“ ein Ende setzt. Chapeau Madame.
Dazu ein himmlischer Celesta Ton aus dem Orchestergraben. Absolut mitreißend und tief in die Seelen des Publikums reichend.
| Elza van den Heever (Turandot) und Inho Jeong (Timur; mit verbundenen Augen), Ensemble |
Nichts ändert sich
Schluss aus, möchte man meinen. Ja so ist es. Turandot scheint ungerührt, sie ersticht den Samurai, dem Liú das Messer entwendet hat. Calaf, den während des Suizidvorgangs ein Samurai in Schach hielt, steht sprachlos vor der für ihn bis dahin unerkannten Geliebten. Timur, sein Vater, möchte Liú in den Tod folgen, und Turandot verschwindet in Richtung Gefängnis. Möglicherweise ihr zukünftiges.
Dazu die Regisseurin Andrea Breth: „Ihr Tod verändert somit leider nichts im Verhalten Turandots … Ein Schluss, der in der Verweigerung einer Erlösung unglaublich radikal ist, weil er die Menschen eben nicht nach Hause schickt und an das Gute glauben lässt.“
| Michael McCown (Kaiser Altoum; gebeugt) und Elza van den Heever |
Den Zauber genommen
Tatsächlich ist die Regie konsequent diesen Weg gegangen, wenn auch ihre realen Bezüge durchaus diskussionswürdig sind. Haben sie doch das reduktionistische Geschehen auf der Bühne eher mit klaren politischen Hinweisen auf existente Staatsformen versehen und so dem Märchen, denn es ist nach wie eines, vollends den Zauber genommen.
Was spricht eigentlich gegen eine persönliche Transformation, wie es damals unter anderem auch von Luciano Berio betrachtet wurde? Turandot von der Mörderin zum Heiland gewandelt, all das bestimmt die Menschheitsgeschichte und lässt immer wieder, egal wie, an die Aufklärung und Menschlichkeit glauben.
| Elza van den Heever (Turandot) und rechts davon Alfred Kim (Calaf), Ensemble |
Keine Gnade (?) – Am Anfang ist das Wort
So betrachtet lautet das Fazit dieser Oper: Keine Gnade der Täterin. Was wäre, wenn wir sagen würden, keine Gnade den Corona Leugnern, keine Gnade den Kriegs Leugnern, oder keine Gnade den Klima Leugnern. Hm. Worte können zu tödlichen Taten führen.
Dennoch, großartige Musik aus den Reihen des Opern- und Museumsorchesters unter Thomas Guggeis, perfekte Chöre mit herausragenden Gesängen, dazu ein Gesangsensemble von größter Qualität und eine dichte wie logische, wenn auch extrem bürokratisierte, reduktionistische und viel zu pragmatisch auf totalitäre Regime hinweisende Dramaturgie.
Der Prolog von Lucia Ronchetti ist für sich genommen ein groß angelegtes Lamento mit herrlichen Gesängen wie aus dem Äther, aber im Rahmen dieser Oper eher ein intellektuelles Aushängeschild, um die tiefe Trauer und den Suizid einer Sklavin geistig wie mental vorwegzunehmen. Kann man machen. Aber auch ohne diesen Prolog hätte die Wirkung dieser Inszenierung keinen Makel erlitten.
Eine Turandot, die sich allemal lohnt. Ist sie doch geprägt von außerordentlicher Musik und bestem Gesang. All das trifft hier zu und das Publikum hat es auch durch langanhaltenden Beifall goutiert.
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