39. Rheingau Musik Festival 2026
Hayato Sumino (Klavier), Marty Holoubek (E-Bass), Shun Ishiwaka (Schlagzeug), Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen (musikalische Leitung: David Danzmayr), Kurhaus Wiesbaden, 02.07.2026
| Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen Foto: Ansgar Klostermann |
Aufsehen erregend
Ein wirklich Aufsehen erregender Konzertabend sollte das Publikum in eine besondere Sommerstimmung versetzen. Wieder einmal saß Hayato Sumino (*1995), der Artist in Residence der diesjährigen Rheingau Musik Festivals (RMF) am Flügel und begeisterte mit seiner pianistischen Brillanz.
Dazu aber gesellten sich zwei international renommierte Superstars aus der japanischen Jazzszene, der in Adelaide geborene Marty Holoubek (*1991?) am E-Bass, und der Tokioter Shun Ishiwaka (*1992) am Schlagzeug.
Den perfekten Überbau bildete Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen mit ihren 47 Musikerinnen und Musikern unter der Leitung ihres Gastdirigenten und amerikanischen Überfliegers am Pult, David Danzmayr (*1980). Eine Kombination also, die alles das erfüllte, was sie auch versprach.
Eine Tragödie mit Verve
Gleich zu Beginn wurde der gut besetzte Friedrich-von-Thiersch-Saal mit der Coriolan Ouvertüre op.62 (1807) von Ludwig van Beethoven (1770-1827) empfangen.
Ein Glanzstück, das er aus Begeisterung für die fünfaktige Coriolan Tragödie von Heinrich Josef Collins (1771-1811) geschrieben hatte. Eine Tragödie, die in knappen neun Minuten den Freiheitsgeist des frühen 19. Jahrhunderts vollständig erfasste.
Dazu sei bemerkt, dass es darin um einen römischen Heerführer, namens Coriolanus, geht, der aus der Verbannung heraus sich mit den Feinden Roms, den Volskern verbündet, Rom belagert und eine künstliche Hungersnot provoziert. Damit nicht genug. Seine Mutter wie auch seine Frau versuchen ihn zum Rückzug zu bewegen und erreichen ihn über die Moral eines römischen Bürgers. Coriolan scheint zur Vernunft zu kommen, begeht aber aus Gewissensgründen Selbstmord.
All das findet sich in der Musik wieder. Sie beginnt gleich mit Coriolans Willenskraft, scharf, kantig, energetisch und entschlossen. Es folgt die Stimme der Mutter in Es-Dur. Ein weiches gesangliches Seitenthema. Der Schluss ist nicht triumphal, sondern verklingt in einem leisen Pizzikato, ein Sinnbild von Coriolans Zusammenbruch und Suizid.
| v. l. vorne: Hayato Sumino, Marty Holoubek, Shun Ishiwaka, David Danzmayr (Rückenansicht) Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen Foto: Ansgar Klostermann |
Großartig interpretiert vom Bremer Kammermusik Ensemble und eine wunderbare Einleitung zum ersten Höhepunkt des Konzertabends: Friedrich Guldas (1930-2000) Concerto for Myself (1988). Ein Meilenstein des Crossover, verbindet es doch Elemente der klassischen Musik, des Jazz, des R&B sowie der Improvisation und sprengt damit konsequent das klassische romantische Klavierkonzert, ohne es allerdings völlig aufzulösen.
Wanderer zwischen Jazz und Klassik
Aber gehen wir ins Detail. Die Uraufführung fand am 09. März 1988 im Wiener Konzerthaus mit dem Chamber Orchestra of Europe statt. Friedrich Gulda spielte den Solopart und dirigierte zugleich. Die Uraufführung wurde begeistert aufgenommen, aber danach nur noch selten wiederholt, da es für die meisten Pianisten gerade wegen ihres Crossover Charakters kaum spielbar schien. Aufgeteilt hat er es in vier Abschnitte, alle mit persönlichen wie auch allgemeinen Bezeichnungen: so zum Beispiel für den 1. Satz im Allegro: „The New in View – Then Old is New“, oder den dritten Satz: Free Cadenza mit dem Zusatz „Of me“.
Man könnte die einzelnen Abschnitte mit Fug und Recht auch als Suiten oder eine Art Zyklus bezeichnen, eine Folge unterschiedlichster Instrumentalsätze. Das Orchester wird ergänzt durch einen Schlagzeuger und einen E-Bassisten. Hier die beiden genannten Australo-Japaner.
Eigentlich bewegt sich seine Musik zwischen Mozart und Jazzclub, genau so, wie er sich zeitlebens musikalisch bewegte. Er selbst sprach in einem Interview mit Joachim Kaiser (1928-2017) im Jahre 1986 davon, dass er sowohl das Leben der Jazzszene wie auch das der Klassik voll genoss, ohne allerdings großes Aufsehen dabei erregen zu wollen, denn niemand schien davon zu wissen. (Bekannt war er ja vor allem wegen seiner epochemachenden Beethoven-Klaviersonaten-Einspielungen).
Erst später ließ er in seine nahezu 200 Eigenkompositionen viele Jazzelemente einfließen (und trat mit bekannten Größen wie Chick Corea, Herbie Hancock oder auch Dizzy Gillespie auf). So auch hier.
| v. l. vorne: Hayato Sumino, Marty Holoubek, Shun Ishiwaka, Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen Foto: Ansgar Klostermann |
Würdiger Nachfolger
Achtet er im Eröffnungssatz noch auf die klare Sonatenhauptsatzform, allerdings bereits unterbrochen durch Bigband-Einspielungen und mit E-Bass und Schlagzeug erweitert (hier brilliert bereits das Orchester mit herrlichen Synkopen und verinnerlichten Bluesrhythmen), so folgt im zweiten Satz, ein „Lament for U. Aria con variazioni“, ein verinnerlichtes Adagio nach freiem Gusto an seine Geliebte und künstlerische Begleiterin, Ursula Anders (1938-2025), gerichtet, im Stil eines wirklich singenden Klaviers mit Chopinschen Rubati und typischer Jazzharmonik.
Diese Mischung macht den Satz wohl zum ernsthaftesten und intimsten des gesamten Konzerts. Hier ist auch die Rolle des Schlagzeugers bemerkenswert, der Klavier und ausgedünntes Orchester kongenial zusammenhält.
Die Free Cadenza des dritten Satzes gehört zum individuellsten des Konzerts überhaupt. Nicht von ungefähr nennt Gulda ihn: „Of Me – Free Cadenza“. Hier hat er nur sporadisch notiert und überlässt dem Interpreten weitgehend diesen Abschnitt.
Hayato Sumino interagiert hier weitgehend mit den beiden Mitstreitern, lässt Cluster mit freien atonalen Akkordballungen vermischen. Dazu jazzartige Improvisationsgesten und vor allem virtuose Skalen folgen, wozu auch Soloeinlagen von Schlagzeug und E-Bass gehören. Hier können die beiden Musiker Marty Holoubek und Shun Ishiwaka ebenso glänzen wie der Pianist, der sich mitunter in einen Rausch zu spielen scheint, der alles aber auch alles, was sein Tastenspiel hergibt präsentieren möchte. Hier ist nicht Friedrich Gulda, sondern sein würdiger Nachfolger am Werk.
| v. l. vorne: Hayato Sumino, Marty Holoubek, Shun Ishiwaka, Foto: Ansgar Klostermann |
Kommen wir zum Schluss, ein Rondo zwar, das allerdings den langen Titel: „For U and U and You and You – All of me for All of you“ trägt und als eine Art Liebeserklärung verstanden werden könnte.
Tatsächlich verknüpft es alle vorherigen Themen mit Humor und einem Schuss Ironie. Das Thema hat etwas Volkstümliches und stellt Beziehungen zu Mozart und Haydn (neben Beethoven die Lieblingskomponisten Guldas) her. Gleichzeitig ist es von lateinamerikanischem Grooves, alpenländischem Dreivierteltakt sowie R&R- und R&B-Elementen durchzogen. Alles in die Form einer Bigband gebunden, voller Humor, Leichtigkeit und bester Unterhaltung.
Auch hier zeigt sich Guldas Vielseitigkeit und Lust am Klang, dem Rhythmus und vor allem der Musik, was der Klangkörper auf der Bühne bestens zu intonieren versteht. Das Ganze gipfelt in einem theatralischen virtuosen Finale erster Sahne. Das Volk schreit vor Begeisterung, stehende Ovationen waren das Wenigste.
Liebling des Festivals
Hayato Sumino ist auf dem RMF angekommen und avanciert langsam aber sicher zum Liebling des Festivals. Ist ja auch eine Genuss, dem jungen Mann zuzuschauen und zuzuhören. Natürlich war auch eine Zugabe drin. Wie anders als Bachs II. c-Moll Präludium aus seinem Wohltemperierten Klavier arrangiert für Trio.
Ein im positiven Sinne „Trio Infernal“ mit gänzlich eigener Ausgestaltung, wobei von Johann Sebastian Bach wenig übrig blieb. Dennoch ein Rausschmeißer, wie er besser kaum gelingen kann.
| v. l. vorne: Hayato Sumino, Marty Holoubek, Shun Ishiwaka, David Danzmayr Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen Foto: Ansgar Klostermann |
Durch Leiden zum Glück
Nach einer langen Erholungspause dann Beethovens Sinfonie Nr. 5 c-Moll op.67 (1808), genannt auch die Schicksalssinfonie. Sie ist ein Meilenstein der sinfonischen Form und einer der
Gründe, warum sich die Nachfolger Beethovens so schwer getan haben, damit zu konkurrieren. Warum das? Vor allem deshalb, weil Beethoven besonders in dieser Sinfonie mit einem einzigen rhythmischen Motiv, bestehend aus drei kurzen und einer langen Note, ein Werk von gut 30 Minuten komponierte, das alle vier Sätze miteinander verbindet.
Zur Schicksalssinfonie wurde sie nicht aus Beethovens bewusster Absicht, sondern wegen ihrer musikalischen Anlage per aspera ad astra (zu deutsch: durch das Raue zu den Sternen, oder durch Mühsal und Leiden zum Glück), in den Tonarten von c-Moll über As-Dur zu C-Dur. In damaliger Zeit ein Schicksalsbegriff, der als Bestandteil der Aufklärung zum Leitbild der Selbstvervollkommnung geworden ist.
| Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen Foto: Julia Baier |
Freiheit – Selbstbestimmung – moralische Verantwortung
Beethovens Fünfte ist genialer Ausdruck dieses allgemeinen Empfindens: Im ersten Satz, als Kampf und Bedrohung, im zweiten Satz als Hoffnung und innere Sammlung, im dritten Satz als Konflikt und erneuten Zweifel und schließlich im Finale als Triumph und Befreiung in hellem C-Dur empfunden.
Beethovens angeblicher Ausspruch: So pocht das Schicksal an die Pforte, ist ihm zwar von seinem Biographen Anton Schindler in den Mund gelegt, drückt aber genau den Seelenzustand der Menschen im frühen 19. Jahrhundert aus. Man strebte nach Freiheit, Selbstbestimmung und moralischer Verantwortung. Begriffe, die noch heute brandaktuell sind.
Mit Verve und gewaltigem Espressivo
Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen und ihr Dirigent David Danzmayr verstanden es, trotz der doch relativ kleinen Orchesterbesetzung, mit Verve und gewaltigem Espressivo einen Spannungsbogen herzustellen, die niemals unterbrochen wurde.
Das Schicksalsklopfen zieht sich durch alle vier Sätze, immer stark kontrastierend, mal warm und gesanglich im Andante con moto, dann wieder geheimnisvoll und gespenstisch wie im Scherzo des dritten Satzes und schließlich triumphal mit Piccoloflöte, Kontrafagott und Posaunen im vierten Allegro-Satz, Instrumente die von Beethoven davor in seinen Sinfonien nicht benutzt wurden.
Im Marschrhythmus wird sich an den Schicksalskampf noch einmal erinnert, um dann ins endgültige helle und positive C-Dur zu wechseln. Eine riesige Coda folgt, die zum Eindrucksvollsten aus Beethovens Hand gehört.
Ein dramatischer Bogen, der vom Bremer Klangkörper und seinem Dirigenten mit unglaublicher Konsequenz eingehalten und somit dem Werk ein Dichte und Kompaktheit abverlangten, das es erklärbar wurde, warum Brahms, Bruckner, Schostakowitsch immer wieder Bezüge gerade zu dieser Sinfonie herstellten und die Fünfte quasi zum Vorbild ihrer eigenen Kompositionen erklärten.
| David Danzmayr, Die Deutscher Kammerphilharmonie Bremen Foto: H.boscaiolo |
Eine Fünfte, die besser kaum zu interpretieren ist. Dank an die absolut souveräne Deutsche Kammerphilharmonie Bremen und ihrem Dirigenten David Danzmayr. Keine Zugabe, dafür aber nur zufriedene Gesichter. Man sollte sich das Konzert noch einmal im Deutschlandfunk anhören, das es mitgeschnitten hat.
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