39. Rheingau Musik Festival 2026
Tenebrae Choir, musikalische Leitung: Nigel Short, Orgel: George Herbert, Erlöserkirche Bad Homburg, 17.07.2026
| Nigel Short, Tenebrae Choir alle Fotos: Ansgar Klostermann |
Wieder einmal, zum sechsten Mal seit 2021, beglückte der gnadenreiche Tenebrae Choir (2001 gegründet) unter der Leitung ihres Gründers, Nigel Short (*1965), die Besucher und mittlerweile Liebhaber des Rheingau Musik Festivals mit einem Programm, das tief in die Seelen der Menschen einzudringen vermochte.
Mutter & Kind (Mother and Child) lautete das Thema, eine tief ergreifende Erkundung und zärtliche Beziehung zwischen Mutter und Kind, das von drei großen Komponisten allumfassend aufgegriffen und in einem dramaturgischen Rahmen von 10 Songs präsentiert wurde.
| Nigel Short, Tenebrae Choir |
Spiritualität – Aktualität – Vielfalt
Ein Este, Arvo Pärt (*1935), ein Brite, John Tavener (1944-2013), und ein Schotte, James MacMillan (1959), boten ein Kaleidoskop ganz unterschiedlicher musikalischer Herangehensweisen an die Thematik und dennoch waren ihre Werke von höchster Spiritualität, bewundernswerter Aktualität und stilistischer Vielfalt, die seinesgleichen sucht.
Der Raum ihrer klanglichen Realisierung, die majestätische historisierende Erlöserkirche Bad Homburg, ein Bau der deutschen Hochromantik aus dem Jahre 1901 mit starkem byzantinischen Bezug zur Hagia Sophia und der orthodoxen Tradition, vollbesetzt, konnte kaum geeigneter sein für diesen dramaturgisch aufbereiteten Vortragsabend.
Fünf Songs von Arvo Pärt, vier von John Tavener und eines von James MacMillan sollten das Publikum für gut zwei Stunden in eine meditative Welt christlicher Tradition versetzen, wobei der Chor unter der Leitung seines Begründers im Jahre 2001, Nigel Short (*1965), seinen besten klanglichen Rahmen bildete.
| Nigel Short, Tenebrae Choir |
„Mögen Engelscharen dich in deinen Schlaf singen“
Gleich zu Beginn der Song for Athene von John Tavener, auch bekannt als „Alleluia. May flights of Angels Sing thee to thy Rest“ (aus Shakespeares Hamlet), eine Komposition von 1993 als Hommage an eine Freundin der Familie, Athene Hariades, die bei einem Radunfall ums Leben gekommen ist. Taveners bekanntestes Werk, das 1997 auch die Trauerfeier für Prinzessin Diana rahmte.
Eine etwa siebenminütige Elegie, die in Form eines Antiphons vom zweigeteilten Chor einleitend präsentiert wurde. Ein Klangraum von überwältigender Wirkung. Allein sieben Mal erfolgte das Halleluja in byzantinischer Tradition, das heißt in einstimmigem Gesang mit durchgehendem Bordunton.
| Nigel Short, Tenebrae Choir |
Tintinnabuli Klangwelt
Arvo Pärt folgte mit drei Werken, dem Magnifikat (1989), mit The Woman with the Alabaster Box (1997) sowie dem Nunc Dimittis (2001). Das Magnifikat, ein gut siebenminütiger fünfstimmiger A-cappella Chor, ist in der Tintinnabuli-Technik geschrieben, eine Technik die nahezu das gesamte geistliche Werk Pärts umfasst. Sie bedeutet rein übersetzt „Glöckchen“, ist aber vom tiefen Wunsch des Komponisten nach einer „extrem reduzierten Klangwelt“ beseelt. Ein Stil, den Pärt seit den 1970er Jahren entwickelte.
In Magnifikat sind es vor allem die Zusammenklänge der einzelnen Stimmen, die die Aufmerksamkeit des Zuhörers vollkommen zu fokussieren vermögen. Man scheint den eigenen Atem, den Herzschlag, aber auch das Ambiente des wunderschönen Kirchenraumes in besonderer Weise wahrzunehmen.
| Nigel Short, Tenebrae Choir, Publikum in der Erlöserkirche |
Höchste Reinheit – innere Leere
Gleiches gilt für Die Frau mit dem Alabasterkästchen. Ebenfalls für gemischten A-cappella Chor geschrieben, enthält es einen Text aus dem Matthäus Evangelium, wobei ein langer Orgelpunkt aus dem Bass die dialogischen antithetischen Stimmen aus den übrigen Gruppen zusammenhält.
Dramaturgie pur, die dann in Nunc Dimittis (zu deutsch: nun lässt du scheiden) mit dem biblischen Lobgesang des Simeon, ihren Höhepunkt erreicht. Eine Klangmusik von höchster Reinheit, die sich bis zur inneren Leere ausbreitet. Hier glänzen wieder die Bässe, die dem ständigen Wechsel von Dur nach Moll, von Cis-Moll nach Dur im Sopran und Alt, eine Basis von archaischer Urgewalt verleihen. Keine klassischer Spannungsbogen, dafür aber eine herrliche sich entwickelnde Fortschreitung der Klangwelten.
Zwischen Hindu Tempel und christlicher Kathedrale
Den Abschluss des ersten Teils, dem Thema des Chorkonzerts folgend, bildete The Mother in Child (2002) von John Tavener. Hier tritt der Chor gemeinsam an den Rand des Altarraums, ganz in die Nähe des Publikums. Das Werk (ein Auftrag von Tenebrae) ist neben einem neunstimmigen Chor auch für Orgel und Tomtom (bzw. Tempelgong) besetzt. Der Text stammt von Brian Keeble (*1941), der zusätzlich Sanskrit-Passagen eingestreut hat.
Die Komposition feiert die Mutterschaft Marias für Jesus, aber auch die aller Mütter, und wird durch einen psalmodierenden Refrain: Hail Mary, Hail Sophia, immer wieder gerahmt und schließlich in einer siebenmaligen Wiederholung, von der Orgel und von Tomtomschlägen begleitet, auf lichte Höhen versetzt und vom Sanskrit-Wort Atma (zu deutsch Atem, Hauch) geziert.
Orgel und Tomtom verleihen dem Gesang pulsierende Impulse wie aus einem Hindu Tempel, der im Schlussrefrain wieder zur besinnlichen westlichen Klangkultur zurückkehrt. Wie in einem Gebet verabschiedet sich der Chor mit einem „Gegrüßet seist du Maria …“. Ein wunderbarer Aufruf für eine ausgedehnte Pause.
| Nigel Short, Tenebrae Choir |
Seligpreisung – Gedenken – Hypnose
Gleich zu Beginn des zweiten Teils zweimal Arvo Pärt mit The Beatitudes (1991) und Da pacem Domine (2004). Zunächst eine Seligpreisung aus der Bergpredigt, mit abschließenden Amen und dann eine kurzes Gedenkkonzert für die Opfer des islamistischen Terroranschlags von Madrid im Jahre 2004, in Form eines gregorianischen Gebets.
Zwei Werke von größter Eindringlichkeit, mal in Form eines Antiphons vorgetragen, und dann im Tintinnabuli-Stil fortgeführt. Ein Orgelsolo von George Herbert, mit vollen Registern und einer betörenden Lautstärke vorgetragen, wenn auch in verschwommenen Akkordpassagen, konnte auch den letzten Ungläubigen aus seiner Beharrung lösen, während das Da Pacem Domine, ein Gebet um Frieden, mit geringer klanglicher Bewegung wie ein Echo auf die Ereignisse zu klingen schien und einen nahezu hypnotischer Zustand zu erreichen vermochte.
| Nigel Short |
Kosmische Kraft der Gottesmutter
Ein Zustand, der von Taveners Hymn the Mother of God (1985) und Funeral Ikos (1981) konterkariert wurde.
Der Chor verteilt sich auch hier im riesigen einschiffigen Kirchensaal, sogar hinter die sichtbaren Durchgänge der Apsis, ursprünglich für das Patriziat vorgesehen, und verkündet aus der Basilius Liturgie, die in der orthodoxen Kirche während der großen Fastenzeit gesungen wird, die kosmische Kraft und Reinheit der Gottesmutter.
Tavener liebt die langen dissonanten Linien, die sich erst spät auflösen und zugleich den ständigen Wechsel innerhalb der modalen Moll- und Dur-Tonarten. Es entsteht dadurch eine polyphone Struktur von freischwebenden Stimmen und kanonischen Effekten, in dem er die einzelnen Gruppen in kurzen Abständen, quasi zeitlich versetzt, einsetzen lässt.
Ein wunderbarer Übergang zu Funeral Ikos, einem orthodoxen Begräbnisgottesdienst entlehnt (Tavener ist damals zur Orthodoxie gewechselt), mit starker kontemplativer bis esoterischer Klangsprache.
Jetzt findet der Tenebrae Choir (nach einer kurzen Unterbrechung wegen eines krankheitsbedingten Vorfalls im Publikum) wieder auf der Altarbühne zusammen und lässt mit einem ausgedehnten aber prägnanten Halleluja das einfach gesetzte und mit vielen Unisono Passagen durchdrungene Werk enden.
| Nigel Short, Tenebrae Choir |
Modernster Katholizismus
Den Abschluss bildete das Miserere (2009) von James MacMillan. Seine Musik ist tatsächlich außergewöhnlich, wenngleich seine katholische Tradition durchaus zum Tragen kommt. Miserere, eine Vertonung des 51. Psalms („Erbarme dich meiner Gott“) hat er ursprünglich für den Westminster Cathedral Choir geschrieben und wurde vom Tenebrae Choir im Jahre 2022 in sein Programm aufgenommen.
Tatsächlich unterscheidet es sich von Pärt und Tavener vor allem durch seine Expressivität und freien modalen Umgang mit den Tonarten. Mitunter greift MacMillan auf die asiatische Pentatonik zurück und lässt Orientalismen mit langen melismatischen Verzierungen in den Gesang einfließen.
Ein Wechsel zwischen archaischer Materialverwendung und moderner zeitgenössischer Auslegung in Form kraftvoller Chor-Ausbrüche, leisem Dröhnen der Bässe und psalmodierenden syllabischen Zwischengesängen, die an opernhafte Rezitative erinnern.
Insgesamt eine Kontrast zu den beiden Vorgängern, Arvo Pärt und John Tavener, aber dennoch ein gewaltiger, fast befriedigender Gegenpol, der in einem erlösenden strahlendem C-Dur endet. Ein Abschluss, der die Zuhörer von den Sitzen reißt und sogar zu Jubelausbrüchen Anlass gibt.
| Nigel Short, Tenebrae Choir |
Alles vom Feinsten
Die Zugabe, ein gekürzter Schluss aus John Taveners Mother and Child (ganz im Sinne des Chorkonzertthemas), noch einmal drei Minuten gesangliche Qualität vom Feinsten und, wie sagte man es bereits vielfach, „Phänomenal“ und „umwerfend schön“ – welche weiteren Worte will man noch für diesen außergewöhnlichen Tenebrae Choir mit seinem kongenialen Leiter Nigel Short finden?
Guten Tag, da ich keine Mail-Adresse finde um Kontakt aufzunehmen Versuche ich es auf diese WEISE. GRÜSSE VON DER MOSEL. H.S.
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