Freitag, 17. Juli 2026

Musik als Widerstand, Sound Port Frankfurt Talk mit Xilin und Ying Wang (Komponisten) sowie Barbara Mittler (Moderation), Dachsaal der Deutschen Ensemble Akademie, 16.07.2026

vorne links: Delia Ramos Rodriguez (Dirigentin),
Mitglieder der Ensemble Modern

alle Fotos: H.boscaiolo

Heftigste Kritik – enge Verbundenheit

Musik als Widerstand lautete das Thema des Werkstattkonzerts der dritten Ausgabe des Sound Port Frankfurt Talks im gut besetzten Dachsaal der Deutschen Ensemble Akademie. 

China bildete dabei den Schwerpunkt des Konzerts vom Ensemble Modern, denn Vater und Tochter, Xilin (*1936) und Ying Wang (*1976), beide eng verbunden mit ihrer Heimat, aber zugleich ihre heftigsten Kritiker, hatten vier Kompositionen dabei, die in der Tat ein höchst interessantes Bild ihrer musikalischen Grundauffassung und deren musikalische Umsetzung widerspiegeln. Aber dazu später.

Moderiert wurde das Konzert von der Heidelberger Sinologin, Professor Dr. Barbara Mittler (* 1968), die von ihrem Sohn Thomas Mittler, seit 2024 Hornist im Ensemble Modern, vorgestellt wurde. Warum das? 

Sie ist bekannt für ihre Forschungen im Bereich der chinesischen Kulturpolitik mit Schwerpunkt transkultureller Perspektiven sowie Propaganda- und Protestkulturen. Das sollte genügen, ist doch ihre Vita im Heidelberger Sinologischen Institut ausgiebig dokumentiert.

vorne links: Delia Ramos Rodriguez (Dirigentin),
Mitglieder der Ensemble Modern

Ein einziger Schrei

Der erste Teil des Konzerts gehörte Xilin Wang. Sein erst 2021 fertiggestelltes Oktett für Klarinette, Fagott, Horn, zwei Violinen, Viola, Violoncello und Kontrabass war ein einziger Schrei eines geplagten, von der chinesischen Administration gedemütigten und misshandelten Künstlers.

Gleich zu Beginn eine lange Klage des Fagotts, die durch heftige Tutti Schläge der übrigen Musiker unterbrochen wird. Es folgen harte chromatische Abwärtspassagen, an den barocken Passus duriusculus, ein gängiges Leidenselement, erinnernd.

Dann wieder folgen martialische Marschrhythmen von extrem expressiver Strenge. Horn und Klarinette schreiten mit chaotischen Protestgesängen dazwischen, keine Melodien, sondern abrupte Ausbrüche und Klagegeschrei.

Das Werk geht tatsächlich unter die Haut. Vor allem die dreimalige Pause zum Ende des Stücks lässt tief blicken: Verleugnet nicht Petrus dreimal Jesus in der Nacht vor dessen Kreuzigung?

Ein 17-minütiges Werk von existentieller Ausdruckskraft, sinfonischer Dramaturgie und großen emotionalen Bögen. Hervorragend interpretiert vom Ensemble Modern unter der Leitung von Delia Ramos Rodriguez (IEMA Auszubildende)

Videoclip mit Xilin Wang 

1. Zwischenspiel

Xilin Wang hat alle Facetten der chinesischen Entwicklung bis heute im wahrsten Sinne am eigenen Leib miterlebt. Alle positiven wie negativen Erscheinungsformen einer sich vom Kolonialismus emanzipierenden Gesellschaft. 

Er wurde vom maoistischen System gefördert und verfolgt, rehabilitiert und beargwöhnt. Dazu gehörten Zwangsarbeit, Inhaftierung und Misshandlungen. Dennoch schaffte er es, rund 60 Werke zu komponieren, darunter Kammer- und Vokalmusik. Sein Hauptgewicht legte er allerdings auf die Orchestermusik. Er schuf 10 Sinfonien, zahlreiche Kantaten, Ouvertüren und Konzerte.


Kritische Musik – Propaganda Musik

Zu erwähnen sei noch seine abendfüllende Oper Casting Swords, nach der Erzählung: „Schmieden und Schwert“ von Lu Xun (1881-1936), die er 2023 vollendete. 

Gerade dieses Spätwerk hebt die Moderatorin besonders hervor, scheint ihr doch das Thema geeignet, enge Bezüge zur gegenwärtigen Weltlage herstellen zu können. Ohne im Detail auf die komplizierte archaische Geschichte über Tyrannei, Rache und Selbstopfer einzugehen (allein dieser Vortrag dauerte mehr als 20 Minuten), lag es ihr doch am Herzen, die republikanische Trump Administration und die AfD in diesen Kontext mit einzubeziehen. Ein m. E. unerhörter Vorgang, der weit von der Absicht des Librettos wie auch der des Komponisten abwich. Ein echter Fauxpas und ein Bärendienst für beide Komponisten.

Allerdings sollte das Fazit durchaus für jede Art von Politik zu denken geben: Xilin Wang spricht sich klar gegen jegliche Ideologie aus und meint in einem wirklich erschütternden Videoclip, in dem er seine ganz persönliche Geschichte in nackten Zustand vor grauen abstoßenden Betonwänden erzählt: Der Kommunismus verspricht zu Anfang den Himmel auf Erden und endet im grauenhaften Chaos. Man könnte diese Aussage durchaus auf alle Ideologien, Parteiendogmen und religiöse Fundamentalismen übertragen.

rechts vorne: Mariacostanza D´Agostino (Dirigentin),
Mitglieder des Ensemble Modern

Kein Werkstattkonzert

Seine ganz persönliche Geschichte ist tief erschütternd. Höchst interessant ist allerdings, dass er, wie seine Tochter nach wie vor in engem Kontakt zu ihrer Heimat stehen. So konnte er seine 9. und 10. Sinfonie 2015 und 2019 in China uraufführen lassen. Und sie lehrt seit 2013 Komposition am Konservatorium in Shanghai.

An dieser Stelle sei bemerkt, dass beide im Saal anwesend, nicht etwa in einem üblichen Werkstattgespräch gefragt wurden, sondern die Moderatorin ausschließlich über beide sprach, aber nicht mit ihnen. Ein Novum und ein Makel zugleich für ein Werkstattkonzert.

vorne: Ying Wang, Mariacostanza D´Agostino (Dirigentin),
Mitglieder des Ensemble Modern

Suche nach dem klanglichen Nordpol

Drei Werke von Ying Wang folgten. Zunächst Compass für Klarinette, Horn, Violoncello und Piano (2009). Ein 11-minütiges Stück, das sie als Auftragswerk während ihres Stipendiats bei der IEMA (2009/2010) schrieb und das 2012 in Frankfurt uraufgeführt wurde.

Der Titel beschreibt die Suche nach einem vermeintlichen klanglichen „Nordpol“. Spannend dabei die extrem pointilistische Anordnung der musikalischen Zellen. Eine Art musique concrète, allerdings von herkömmlichen Instrumenten produziert. Die vier Instrumente agieren gleichberechtigt, wobei das Horn weitgehend als musikalisches Zentrum herauszuhören ist. Das Klavier wiederum setzt im Wesentlichen prägnante rhythmische Impulse.

Charakteristisch auch hier, und da ähnelt die Musik der ihres Vaters, die abrupten Kontraste und die energetischen Verdichtungen, die das Gefühl einer ständigen Suche nach Neuorientierung entstehen lässt.

vorne: Ying Wang, Mariacostanza D´Agostino (Dirigentin),
Mitglieder des Ensemble Modern

2. Zwischenspiel

Nach einem Zwischenspiel, hier analysiert die Moderatorin ausgedehnt und in einem belehrenden Gestus, die beiden folgenden Stücke Dis-A. (ppearence) für Ensemble und Video (2021) sowie Copyleft für Streichquartett und Speaker (2021), beides reife, sehr spannende Werke der Komponistin.


Erscheinen – Verschwinden

Zunächst Dis-A. (ppearence). Ein 11-minütiges Auftragswerk der Ernst von Siemens Musikstiftung, das im Oktober 2021 vom Ensemble Mosaik in der Berliner Villa Elisabeth uraufgeführt wurde. Die Besetzung umfasst Flöte, Oboe, Bassklarinette, Schlagzeug, E-Gitarre, Klavier, Violine, Violoncello sowie Video.

Über den Titel versucht die Komponistin das Spannungsfeld zwischen Erscheinen und Verschwinden, zwischen Wahrnehmung und Auflösung zu beschreiben. Dazu wird auch das Video (Titel: grey hair) eingesetzt. 

Auch hier dominieren scharfe Kontraste, plötzliche Brüche und fragmentierte Klanggesten. Dem Zuhörer erscheint die Musik wie das Atmen des Widerstands einer zutiefst Unzufriedenen. Cluster untermalen die heftige Geräuschkulisse, vom Video weitgehend ergänzt. 

Es blitzt heftig und Lichtkegel mit unlesbaren Wörtern und Zeichen lenken eher vom eigentlichen Geschehen ab, als dass es sich mit der Musik verzahnt, wie beabsichtigt. Lediglich „Wahrheit“ ist kurz erkennbar. Das Finale ist so verwirrend, dass niemand klatscht. Erst der Hinweis der Dirigentin, Mariacostanza D´Agostino (ebenfalls IEMA Auszubildende), dass das Stück beendet ist, löst die Spannung.

Streichquartett des Ensemble Modern

Musikalisch alles gesagt?

Copyleft für Streichquartett zählt, das sei vorweggenommen, zum Besten, was dieser Abend musikalisch zu bieten hatte. Ying Wang stellt in diesem Werk die Frage: Wem gehört eigentlich die musikalische Tradition? Kann man überhaupt neue musikalische Ideen entwickeln, wenn doch bereits alles gesagt bzw. vertont ist, wo doch die Komponisten seit Jahrhunderten zitieren, nachahmen, sich gegenseitig beeinflussen, ja auch voneinander lernen mögen?

vorne: Ying Wang, Streichquartett des Ensemble Modern

Kritischer Blick zurück

In diesem Sinne spielt sie in dem 17-minütiges Werk auf bekannte Gesten der Musikgeschichte an, man vermeint Beethoven, Schostakowitsch, Bartók, Strawinsky oder auch Lutoslawski herauszuhören, ohne aber auf wörtliche Zitierungen zurückgreifen zu können.

In Variationen geformt, unterstützt von elektronisch zugespielten Klängen, mäandert das Werk durch die neuere Musikgeschichte und lässt Erinnerungen wach werden. Dazu spielen die vier Streicher des EM ausgesprochen engagiert und sich tief in das Werk einfühlend.

Eine beeindruckende Auseinandersetzung mit der Geschichte des Streichquartetts, das durchaus Nachdenklichkeit hinterlässt und einen kritischen Blick auf die Musikgeschichte des Streichquartetts eröffnet.

v. l. : Barbara Mittler, Ying Wang, Xilin Wang, Mitglieder des Ensemble Modern

Konfuzianische Harmonie

Tatsächlich sind Xilin und Ying Wang zwei chinesische Ausnahmekomponisten. Dennoch gehen sie den klassischen Weg der europäischen kritischen Musik, die bereits von Adorno und der kritischen Theorie vorgedacht und von vielen Komponisten der 1950er Jahre und später praktiziert wurde. Zu nennen wären Helmut Lachenmann, Luigi Nono, Bern Alois Zimmermann, Paul Dessau oder auch Hans Werner Henze.

Beide arbeiten darüber hinaus ganz im Sinne der konfuzianischen Grundauffassung, dass Musik, Kunst und Kultur ein Einheit bilden sollen. Harmonie ist das politische und kulturelle Ziel dieser Grundauffassung. 

Eine schöne Utopie, die leider oder vielleicht glücklicherweise (sonst hätten wir die Musik der beiden nicht) von der Realität nicht erfasst wird, aber nichtsdestotrotz immer mit Nachdruck verfolgt werden sollte.

Ensemble Modern, rechts: Norbert Ommer (Klangregie)

 Die Moderatorin konnte oder wollte diesen Fokus nicht deutlich machen. Auch neigte die Sinologin dazu, die Werke in ihrem ganz persönlichen Sinne zu analysieren, sodass für eigene Gedanken der Zuhörer kein Raum mehr übrig blieb. 

Eine Vorgehensweise, die an betreutes Denken grenzte, und auch aktuell eines der Grundübel der „sozialistischen woken Szene“ ist. Schade. Aber ansonsten ein erkenntnisreicher und höchst interessanter Konzertabend.


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