Sonntag, 26. Juli 2026

39. Rheingau Musik Festival 2026

London Lights! West End Musical Hits mit dem Münchener Rundfunkorchester (musikalische Leitung: Joseph R. Olefirowicz), Sophie Evans (Sopran), Emma Hatton (Mezzosopran), Scott Davies (Bariton), Ryan Kopel (Tenor). Moderation: Annekatrin Hentschel, Kurpark Wiesbaden, 25.07.2026

v. l.: Emma Hutton, Ryan Kopel, Joseph R. Olefirowicz,
Sophie Evans, Scott Davies, Münchener Rundfunkorchester

alle Fotos: Ansgar Klostermann

Londoner West End im Kurpark Wiesbaden

Bei bestem Sommerwetter wurde das Londoner West End, bekanntlich das globale Zentrum der Musicalwelt, in den vollbesetzten Kurpark Wiesbaden transferiert. Ein auf den ersten Blick gewagtes Unterfangen, was aber voll aufgegangen ist. 

Gut 10.000 Besucher wurden mit den vier zurzeit bekanntesten Musicalsängern aus dem West End Londons beglückt, die noch von einem der erfahrensten Orchester in Sachen Musical, dem Münchener Rundfunkorchester (gegründet 1952), begleitet, und von einem der renommiertesten Dirigenten im Bereich des Musicals, Joseph R. Olefirowicz (*1972), durch das gut zweistündige Programm geleitet wurde.

Bühne und Publikum im Kurpark Wiesbaden

Höchste Qualität – mitreißende Intensität

Nicht zu vergessen die wunderbare Annekatrin Hentschel, die in erfrischend knappen Moderationen die insgesamt 20 Musicalnummern (aus 17 Musical, einschließlich der Zugabe) ansagte und das Geschehen im weitesten Sinne den Akteuren auf der Bühne überließ. 

Das sind vor allem das Gesangsquartett mit der Sopranistin Sophie Evans (*1993), die Mezzosopranistin Emma Hutton (*1983), das Bariton Scott Davies (*1975) sowie der Tenor Ryan Kopel (*1997). Alle vier singen seit Jahren im Londoner West End in unterschiedlichsten Musicals, haben sich bereits auf große Welthits spezialisiert und durften im Wiesbadener Kurpark vor allem ihre Lieblingsnummern aus den schönsten und bekanntesten Musicals vortragen.

Und, das sei vorweggenommen: Es waren alles Hits von höchster Qualität und mitreißender Intensität.

Bühne und Publikum im Kurpark Wiesbaden

Virtuos – jazzig – bombastisch

Gleich zu Beginn die gewaltige Suite aus dem Musical Miss Saigon, das seine Uraufführung 1989 im Londoner Royal Drury Lane erfuhr und eine dramatische Liebesgeschichte zwischen einem US-Soldaten und einer Vietnamesin beschreibt. Eine Ouvertüre in vier Abschnitten von gut 10 Minuten Dauer, mit rhythmisch markanter Eröffnung, lyrischer Fortsetzung aus Sun and Moon, ein Liebesgedicht zwischen Kim und Chris, einem folgenden hymnisch sinfonischem Aufbau, der in einem „American Dream“, virtuos, jazzig und bombastisch, kurz: in brillanter Orchestrierung endet.

Ein Auftakt, wie er besser nicht sein konnte. Auch der Dirigent Joseph Olefirowicz, von großer körperlicher Masse brillierte durch Swing und Leichtigkeit und schaffte damit gleich eine Atmosphäre von Unbekümmertheit und Lust am Spiel im Orchester. Ideale Voraussetzung für den doch langen Konzertabend.

aus der Sicht des Orchesters:
Bühne und Publikum im Kurpark Wiesbaden

Große Musik – Technische Dilemmata

Mit Lullaby of Broadway aus dem Musical 42nd Street (1980) stellten sich alle vier Künstler vor und zeigten gleich, in einem dialogischen Traum von großer Karriere im „Wiegenlied vom Broadway“, ihre gesanglichen und schauspielerischen Qualitäten.

Ein Song im jazzigen Ragtime aus Chicago (1975) mit All that Jazz mit einem Solo von der noch jungen Sophie Evans, ließ dennoch ein Problem aufscheinen, das mit den Handmikrophonen zu tun hatte. Mal hörte man die Stimmen zu laut, mal zu leise. Mal war das Orchester dominant, leider zu selten in unterstützender Funktion. Allein das lag, so der kompetente Toningenieur, darin begründet, dass die bühnengewandten und schauspielerisch tätigen Sänger die Mikros mal direkt am Mund, dann aber wieder weit weg vom Körper führten.

Die Tonmischung war also permanent im Dilemma, eine ausgewogene Mischung zu finden, die zwar die schrillen Töne filtern konnte, dafür aber vor allem in den Tuttis ein undefinierbares Klangfeld zurückließen. Sei´s drum. Im zweiten Teil des Konzertabends war dieses Problem tatsächlich weitgehend gelöst, auch wegen der dominierenden Solo Songs.

Emma Hutton, Joseph R. Olefirowicz (Rückenansicht), Münchener Rundfunkorchester

Soul – Blues – Improvisation

Herausragend die solistischen Nummern von Emma Hatton, die vor allem ihre Traumsongs aus Evita (1978) Don´t cry for me in der Rolle als Eva Perón, aus Cats (1981) Memory in der Rolle der Grizabella, aus Cabaret (1966), Maybe This Time in der Rolle der Sally (ein Song mit dem Liza Minelli berühmt wurde, und Emma Hutton in nichts nachstand), und nicht zuletzt aus Wicked (2003) Defying Gravity in der Rolle der Hexe Elpheba, die sie mit extrem variabler Stimme, einem Touch von Soul, Blues und Improvisation vortrug, der seinesgleichen sucht. 

Sie war neben ihrem männlichen Partner Scott Davies einer der Höhepunkte des Events überhaupt.

Scott Davies, Joseph Olefirowicz, Sophie Evans,
Münchener Rundfunkorchester

Bestechende Vielseitigkeit

Ja, auch Scott Davies könnte man, ohne despektierlich zu sein, als Rampensau bezeichnen, denn er belebt die Londoner Musical Scene seit vielen Jahren. Er glänzte in der Rolle des Phantom aus dem Musical Phantom der Oper (1986) und sang in bestechender Vielseitigkeit mit Kopfstimme und hauchendem Sprechen Music of the Night sowie die Titelmusik The Phantom of the Opera. 

Angeblich hat er diese Songs bereits 2.500 mal auf den West End Bühnen gesungen, haben gleichwohl nichts von ihrer Intensität und tiefer Innerlichkeit verloren. Einfach nur mitreißend schön. Ebenso seine Interpretation in der Doppelrolle Jekyll & Hyde (1990) und dem Song This is the Moment. Begleitet von Cello und Oboe war sie an Dramatik kaum zu überbieten.


Zwei zauberhafte junge Sänger

Aber auch die beiden jungen Begleiter sind nicht zu verachten. So sang Sophie Evans kokett, mit leichter Stimme, aus dem Musical My fair Lady (1956) den Doolittle Song I could have danced all Night und glänzte zudem als Christine im Song All I ask of You aus Phantom der Oper.

Ebenso bemerkenswert Ryan Kopel, ein noch sehr junger Sänger und Schauspieler, der ein wenig zurückhaltend, dafür aber mit klarem Tenor in Can you feed the Love tonight aus dem Musical The Lion King (1997) auf sich aufmerksam machte. Auch im Duett A whole New World aus Aladdin (2011) mit Sophie Evans, voller Humor und Lebensfreude aus der zauberhaften Welt von 1001 Nacht, dem Flaschengeist Dschinni und der Liebesgeschichte zwischen Aladdin und Jasmin, zeigte er, wie auch sie, die wunderbare Kraft ihrer Gesangs- und Schauspielkunst.

v. l.: Ryan Kopel, Sophie Evans, Emma Hutton, Scott Davies
Münchener Rundfunkorchester

Ein Quartett wie ABBA

Dreimal standen alle vier als Quartett auf der Bühne. Zu Anfang wie gesagt mit Lullaby und zum Abschluss des ersten Teils mit One Day more aus Les Miserables (1980) und schließlich im Finale des Events mit einem Medley aus dem Musical Mamma Mia (1999)

Eine witzige Mutter-Tochter Beziehung auf einer griechischen Insel, beide auf der Suche nach ihrer Identität, mit einer Adaption aus den bekanntesten Songs von ABBA, sollte noch einmal das Publikum aufputschen, bevor es nach Hause in die Sommernacht ging.

Acht Songs, darunter Mamma Mia, Dancing Queen, Super Trouper, Take a Chance on Me, The Winner takes it all und last but not least Thank you for the Music.

Brutal, wie das Publikum mitging, so als sei ABBA leibhaftig auf der Bühne. Oder standen sie doch in der Konzertmuschel?

Bühne und Publikum im Kurpark Wiesbaden

Gelungenes Musicalpotpourri

Keiner wollte gehen. Auch der Dirigent und das Orchester nicht. Man einigte sich auf eine Zugabe aus dem Musical Hairspray (2002), ein Broadway Knüller mit mehr als 1000 Aufführungen, hier in Deutschland allerdings weniger bekannt. Dennoch ist der Ohrwurm You can´t stop the Beat auch hier sehr geläufig.

Noch einmal großes Spektakel auf der Bühne wie im Publikum, bevor man, höchst amüsiert und angetan von der perfekten Darbietung der wohl bekanntesten Songs aus den berühmtesten und meistaufgeführten Musicals der vergangenen Jahre, endlich die Künstler entließ.

v. l.: Ryan Kopel, Annekatrin Hentschel, Sophie Evans, Joseph R. Olefirowicz,
Emma Hutton, Scott Davies, Münchener Rundfunkorchester

Foto: H.boscaiolo

Spot on: United Kingdom – London West End

Ein Kaleidoskop aus dem Londoner West End, mit den wohl namhaftesten und etabliertesten Künstlern der Londoner Musicalszene (Sophie Evans, Emma Hutton, Scott Davies, Ryan Kopel) und in der Begleitung eines versierten Münchener Rundfunkorchesters unter der brillanten Leitung von Joseph R. Olefirowicz, der seit 2017 mit dem Orchester zusammenarbeitet und sein Debüt auf dem RMF gab.

Man wünscht sich von ihm und seiner Mannschaft noch viele Auftritte, denn vor allem seiner Präsenz war das gelungene Musicalpotpourri entscheidend zu verdanken. 

Dank auch der wirklich erfrischenden, schnörkellosen Moderation von Annekatrin Hentschel vom Bayerischen Rundfunk.

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