39. Rheingau Musik Festival 2026
Liya Wang, Klavierrezital im Schloss Johannesberg, 28.07.2026
| Liya Wang (Foto: Ansgar Klostermann) |
Neuer Pianistenstern geboren
Ein neuer Pianistenstern ist zumindest auf dem Rheingau Musik Festival (RMF) geboren: Liya Wang (*2001).
Im vollbesetzten Fürst von Metternich Saal auf Schloss Johannisberg, übrigens bei bestem Sommerwetter, versetzte sie das Publikum in ihren Bann mit einer Auswahl von Werken, die alles, aber wirklich alles pianistisch abverlangten:
Angefangen bei Franz Schuberts (1797-1828) Impromptus Nr. 2 Es-Dur und Nr. 3 Ges-Dur D 899 (1822, beide aus der ersten Sammlung der insgesamt acht Impromptus, sechs davon posthum veröffentlicht) sowie zwei Klavierbearbeitungen von Franz Liszt (1811-1886) aus Schuberts Zyklus: Die schöne Müllerin „Der Müller und der Bach“ Nr. 19 D 795 sowie aus der Forelle D 550, beide von ihm Mitte der 1840er Jahre arrangiert.
Dann die Beethoven (1770-1827) Sonate Nr. 30 E-Dur op. 109 (1820) sowie Robert Schumanns (1810-1856) Fantasie Sonate C-Dur op.17 (1836/39) und zum Abschluss seine Arabeske op. 18 (1839).
Sechs Werke also von vier Komponisten der Romantik, die inspirativ und innovativ bereits weit in die Moderne reichen.
| Liya Wang (Foto: Ansgar Klostermann) |
Außergewöhnliche Hingabe
Aber gehen wir ins Detail.
Liya Wang begann mit dem wunderbaren Ges-Dur Impromptu von Franz Schubert. Ein an eine Nocturne erinnernder Gesang mit harfenartiger arpeggierender Begleitung.
Ruhig und gelassen spielte die ganz in Schwarz gekleidete sehr jugendlich erscheinende Künstlerin dieses doch oft zu leicht genommene Werk mit außergewöhnlicher Hingabe und tiefer Anteilnahme an den Komponisten, der leider dieses Werk nie selbst gehört hat, denn es wurde erst 1857 veröffentlicht.
Treue zum Original
Quasi attacca ging sie über zu den beiden Liszt Bearbeitungen aus Schuberts Müllerin Zyklus, den Schubert 1824, schon schwer erkrankt, beendete, und dessen Forellenlied von 1817.
Beide sind sattsam bekannt, aber aus der Hand von Franz Liszt, ein großer Verehrer Schuberts, die trotz ihres zeitweise gemeinsamen Wohnortes in Wien sich nie getroffen haben, bekommen sie noch einmal einen besonderen Glanz. Denn Liszt hält zwar die Treue zum Original, aber er erweitert die Klangfülle, indem er den gesamten Tonumfang des Klaviers nutzt.
Die überragende Virtuosität der Arrangements bei höchsten technischen Anforderungen stellt er allerdings immer in den Dienst der Gesangslinie, sodass die ursprüngliche Begleitung zwar erhalten bleibt, sie aber mit enormer Brillanz erweitert und somit dem Werk eine neue Farbigkeit wie eine neue Ausdruckskraft verleiht.
| Liya Wang (Foto: H.boscaiolo) |
Meisterhafter Vortrag
Liya Wang glänzte hier durch klare melodische Linienführung. Sie ließ die schwierigsten Passagen quasi als Nebenprodukt der Gesanglinie abperlen und erreichte so nicht allein eine auffallend transparente Interpretation, ja man war darüber hinaus verblüfft, immer noch mehr Schubert als Liszt zu hören. Ganz wohl im Sinne des Arrangeurs und vor allem auch der Interpretin des Konzertabends. Ein meisterhafter Vortrag.
Keine Etüde – triumphale Lebendigkeit
Wieder attacca wechselte Liya Wang zu Schuberts zweitem Impromptu in Es-Dur, eines, das schon zu seinen Lebzeiten in die Öffentlichkeit gelang. In schnellen, aber nicht allzu schnellen Triolen ließ sie das oft wie eine Etüde heruntergespielte Werk voller Lebendigkeit zur Wirkung kommen.
Vor allem im markanten Mittelteil ahnte sie schon Schumanns Hand voraus, denn triumphal und orchestral wurde es jetzt, um dann wieder in wunderbar fließendem Übergang zum Kernthema überzuwechseln. Jetzt erst brannte der erste Beifall auf.
Aber Liya Wang setzte nahezu ohne Pause ihr Spiel mit Beethovens drittletzter Sonate in E-Dur fort.
| Liya Wang (Foto: H.boscaiolo) |
Sonate – Fantasie – Arabeske?
Ja. Mit dieser Sonate hat sie unter anderem auch die Jury beim ARD-Wettbewerb im September 2025 überzeugt, den sie übrigens gewann, einschließlich des Publikumspreises.
Opus 109, die erste der Trilogie von Beethovens Sonaten-Spätwerk, unterscheidet sich von den beiden letzten vor allem durch seinen intimen Charakter, seine Gesanglichkeit seine harmonischen und melodischen Schönheiten, die bereits an Chopin denken lassen.
Man stellt sich zu recht die Frage, ist es noch eine Sonate, oder eine Fantasie, eine Arabeske? So weicht sie mehrfach vom Standard Modell der Sonatenform ab, trotz Dreisätzigkeit ähnelt sie mehr einer ausbalancierten Zweisätzigkeit, verbunden mit dem scherzhaften Prestissimo des zweiten Satzes.
Auch ist der erste Satz weniger vom üblichen Kontrastreichtum geprägt, trotz der mehrfachen Wechsel zwischen Vivace ma non troppo und Adagio espressivo, sondern eher von leidenschaftlichen Wechseln mit lyrischer, ja intimer Grundhaltung.
Nicht von ungefähr hat Beethoven diese Sonate seiner heimlichen Geliebten Maximiliane Brentano (Stichwort: Brief an die „Unsterbliche Geliebte“ von 1812, allerdings reine Spekulation) gewidmet.
| Liya Wang (Foto: H.boscaiolo) |
Ekstatischer Ausflug
Dann der dritte Satz. Eine Sarabande im Andante molto cantabile ed expressivo und der deutschen Ergänzung: „Gesangvoll, mit inniger Empfindung“.
Sechs Variationen, die eine Reise ins Innere des menschlichen Geistes zu sein scheinen. Zunächst das Thema wie ein Choral von großer Ruhe und Würde, dann die Veredelung des Themas in der ersten, eine kurze Reminiszenz auf das Thema des Kopfsatzes in der zweiten, rhythmisch und kontrapunktisch immer komplexer werdend in der dritten und vierten Variation.
In der fünften dann der dramatisch Höhepunkt mit rasenden Figurationen und langanhaltenden verwirrenden Trillern, eine Musik, die einem vor allem beim Spiel von Liya Wang förmlich den Boden unter den Füßen wegzieht, um dann nach diesem ekstatischen Ausflug zur vollkommenen Ruhe zurückzukehren - Jetzt allerdings in einen ganz neuen geistigen Zustand versetzt
Beethoven im neuen Licht
Eine Interpretation der Tastenkünstlerin, die sprachlos machte. Liya Wang, geborene Chinesin, in Peking zuhause, präsentierte einen Beethoven, der unter europäischen Pianisten seinesgleichen sucht. Sie könnte Beethovens Sonatenkunst in ein ganz neues Licht rücken. Mit dem op. 109 hat sie das bereits.
| Liya Wang (Foto: Ansgar Klostermann) |
Dichtung aus Verzweiflung
Nach der Pause war dann Robert Schumann dran. Seine Fantasie in C-Dur gehört ebenfalls zum Bedeutendsten seines kompositorischen Schaffens (sieht man einmal von der Kreisleriana und seinen Kinderszenen ab).
Eigentlich sollte sie seine „Große Sonate für das Pianoforte“ werden, dann widmete er das Werk, das er übrigens Franz Liszt widmete, in „Dichtungen“ um. Allerdings nannte man es bei Drucklegung im Jahre 1839 endgültig Fantasie in C-Dur. Es war sein Opus 17.
Auch über diese Komposition gäbe es viel zu sagen. Sie entstand in einer Zeit, als die Liebe zu Clara Wieck Liebe am Widerstand ihres Vaters zu scheitern drohte, und spiegelt die schiere Verzweiflung des abgewiesenen Liebhabers wider.
„Im Legendenton“
Gleich der erste Satz, so gar nicht formal einzuordnen, ist das Herzstück der Fantasie. Das Hauptthema wirkt wie ein leidenschaftlicher Ausbruch, der immer wieder in zarte, träumerische Episoden überzugehen scheint. Besonders beeindruckend ist der Abschnitt Im Legendenton, wo die Musik einen märchenhafte Charakter bekommt, zu einer balladenhaften Erzählung wird.
Bemerkenswert auch das Ende des ersten Teils. Hier zitiert Schumann ein Lied aus dem Beethoven Zyklus An die ferne Geliebte: „Nimm sie denn hin, diese Lieder“. Ein klare Botschaft an seine Geliebte Clara und zugleich eine Huldigung an Beethoven.
Das Schönste aus der Feder des Komponisten
Der zweite Satz ist ein grandioser Marsch von rhythmischer Wucht. Liya Wang spielt hier in einem triumphalen Gestus und lässt den romantisch revolutionären Geist Schumanns aus der Flasche entweichen. Außergewöhnlich kühn changiert die Komposition zwischen Brahms, Schubert und Liszt, was vor allem im dritten, dem Schlusssatz mit der Bezeichnung: „Langsam getragen. Durchweg leise zu halten“ gänzlich heraussticht.
Das Schönste aus der Feder des Komponisten überhaupt. Hier kommuniziert Schumann mit seinen Freunden und Gönnern Brahms und Liszt. Aber auch der Geist Schuberts steht über allem.
Triumphal auch lässt die Pianistin das Werk enden, aber mit versöhnlicher Ruhe und tiefem inneren Frieden. Hier beweist sie ihr tiefes Gespür für die romantische europäische Seele und lässt die poetische Fantasie, das persönliche Bekenntnis des Komponisten wie auch die architektonische Größe dieser dichterischen Fantasie voll zur Geltung kommen.
Auch jetzt wechselt sie quasi attacca zur Schumannschen Arabeske op.18, die unter ihren Händen zwischen Rondo und Episodischen Einschlüssen zu einer lebendigen Pflanze wird, zu einem Rankenornament von außerordentlicher Schönheit.
| Liya Wang (Foto: H.boscaiolo) |
„Iberia“ in der Version Yvonne Loriod
Natürlich bot sie noch eine Zugabe, mit der sie wieder einmal für großes Staunen sorgte. Das Stück stammt aus Isaac Albéniz´(1860-1909) Iberia Zyklus, der zwischen 1906 und 1909 entstand und in vier Bücher gefasst ist.
Iberia wurde aber von der berühmten Pianistin und Lehrerin Yvonne Loriod (1924-2010) im Jahre 1957 neu interpretiert und ebenfalls von ihrem Ehemann Olivier Messiaen entsprechend kommentiert. Ihre Klavierversion wird bis heute aus vielerlei Gründen bevorzugt.
Liya Wang spielte aus dem ersten von Loriod neu interpretierten Buch Evocation (Beschwörung) im selten vertonten as-Moll, ein Fandaguillo, in der Tempoangabe eines Allegretto expressivo. Ein ganz neuer Charakter ihrer Spielweise, den sie mit tänzerischer Bravour zu meistern verstand. Albéniz, aber auch Loriod hätten mit Sicherheit ihre Freude daran gehabt.
| Liya Wang (Foto: chinadaily.com.cn) |
Tief bewegt
Es ist faszinierend, mit welcher Leichtigkeit sie selbst komplexeste Passagen meistert und dabei die melodische Linie stets brillant akzentuiert. Als Meisterin der Klangkunst und der farblichen Transparenz wurde sie zu recht bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.
Ihr Debüt auf dem RMF unter der Schirmherrschaft der Steinway Prizewinner Concert / Ausgezeichnet sowie der Unterstützung des Veranstalters wurde vom Hessischen Rundfunk mitgeschnitten und wird am 01. September im Rahmen des ARD Radiofestivals auf hr2-kultur zu hören sein.
Man wünscht Liya Wang, die mich tief bewegt hat, viel Erfolg für ihre pianistische Zukunft.
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