39. Rheingau Musik Festival 2026
„Dichterliebe“ mit Jonas Müller (Bariton) und Aris Alexander Blettenberg (Klavier), Schloss Johannisberg, 12.08.2026
| Aris Alexander Blettenberg, Jonas Müller Foto: Ansgar Klostermann |
Heiß – dunkel – erwartungsvoll
Heiß war es, die Sonne verfinsterte (Stichwort: Sonnenfinsternis) sich langsam über dem Schloss Johannisberg und erwartungsvoll wurden im vollbesetzten Fürst-von-Metternich-Saal die beiden doch noch sehr jungen Künstler aufgenommen.
Sie hatten ein Programm dabei, dass mit einem gewissen Schmunzeln von Jonas Müller (*1999), Gewinner des Musikpreises der Deutschen Wirtschaft 2025, und Aris Alexander Blettenberg (*1994), Gewinner des internationalen Beethoven Klavierwettbewerbs Wien 2021, als Wechsel von Tod und Leben, von Liebe und Leid, von Erwartung und Enttäuschung vorgestellt wurde.
35 Lieder aus fünf Zyklen von vier Komponisten des 19. und 20. Jahrhunderts hatten sie dabei, darunter den berühmten Zyklus der Schumannschen (1810-1856) „Dichterliebe“ (1840), ein Liederquartett aus „Des Knaben Wunderhorn“ (1890) von Gustav Mahler (1860-1911), eine fünfer Auswahl den insgesamt 53 Mörike Liedern (1888) von Hugo Wolf (1860-1903) und last but not least vier der acht Brettl-Lieder (1901) von Arnold Schönberg (1874-1951).
| Aris Alexander Blettenberg, Jonas Müller Foto: Ansgar Klostermann |
Gleich als „Prolog“ von Robert Schumann Röselein, Röselein, der Schlussgesang aus Op. 89 (1850), innig, volksliedhaft voller Zartheit, Schönheit und Vergänglichkeit: Eine betörende Rose mit leider schmerzhaften Stacheln. Quasi die Themengebung des gut zweistündigen Gesangsabend mit dem vorweggenommen Fazit: „Lass du nur dein Träumen sein! Merk dir´s fein, merk dir´s fein. Dornröschen müssen sein“ (Text: Wilfried von der Neun).
Liebe – Drama – Wahnsinn
Dann der erste Höhepunkt. Die 20 Lieder der der Dichterliebe, im Jahre 1840 vom bis über beide Ohren verliebten Robert Schumann nach Gedichten aus Heinrich Heines Lyrischem Intermezzo (1827).
Eigentlich hatte er den dramatischen Vorgang von Liebe, Drama und Wahnsinn bei der Veröffentlichung und Uraufführung im Jahre 1844 bereits auf 16 Songs reduziert (im Interesse der Kompaktheit, und wohl auch, weil Clara, seine damals heiß Geliebte, bereits seine Frau geworden war), aber die beiden Künstler hatten sich auf die Urfassung kapriziert, was den kaum 25-minütigen Zyklus allerdings nur um vielleicht acht Minuten verlängerte, die Handlung dabei aber nicht unbedingt in die Länge zog.
Die vier ergänzenden Lieder Nr. 5 Dein Angesicht und Nr. 6 Lehn´ Deine Wang an meine Wang sowie Nr. 15 Es leuchtet meine Liebe und Nr. 16 Mein Wagen rollet langsam (alle separat veröffentlicht) sind von ausgesprochener Innigkeit und überschwänglicher Liebe, aber auch durchaus zu entbehren, weil in den anderen Liedern Ähnliches allerdings kompakter enthalten ist.
Vielleicht hat Schumann sie entfernt und separat gehalten, weil neben den tatsächlichen Wiederholungen auch durch die Heirat mit Clara eine leichte Ernüchterung eingetreten sein mag. Alles aber reine Spekulation.
| Aris Alexander Blettenberg, Jonas Müller Foto: H.boscaiolo |
Die beiden Gesangs- und Tastenkünstler scheinen allerdings die emotionalen Höhen und Tiefen des Komponisten nicht gänzlich verinnerlicht zu haben, sangen und spielten sie doch ein wenig distanziert, in leisen und nachdenklichen Tönen zwar, aber dennoch ohne die notwendigen aufbrausenden Kontraste und, weil dieser Zyklus die Erzählung eines an der Liebe Verzweifelten ist, weitgehend ohne den tief romantischen und typisch Schumannschen Zugang dazu.
Der Epilog, voller Schmerz und Resignation vorgetragen, konnte allerdings dennoch überzeugen. Da heißt es: „Wisst ihr, warum der Sarg wohl so groß und schwer mag sein? Ich senkt´ auch meine Liebe und meinen Schmerz hinein.“ Alles gesagt, nichts hinzuzufügen.
| Aris Alexander Blettenberg, Jonas Müller Foto: H.boscaiolo |
Ironie und Scharfzüngigkeit
Erst im zweiten Teil des Abends nahmen die Künstler das Publikum mit, vor allem, weil beide Akteure wohl erkannt hatten, dass Tod und Teufel, Liebe und Drama auch mit Ironie und einer gewissen Scharfzüngigkeit aufgefasst werden können.
Gleich die Lieder aus „Des Knaben Wunderhorn“ von Gustav Mahler, im Jahre 1890 in Szene gesetzt. Die Texte der insgesamt vier von 53 Liedern (Mahler vertonte 12 davon) stammen bekanntlich von den Gedichtesammlern Achim von Arnim (1781-1831) und Clemens Brentano (1778-1842), die sie zwischen 1805 und 1808 gesammelt hatten.
Schlicht, witzig, voller Lebenslust und mit einem Schuss Sarkasmus. Vor allem zu nennen, neben dem Bekanntesten Des Antonius von Padua Fischpredigt, zwei Songs von bitterböser Weltsicht: Ablösung im Sommer und Lob des hohen Verstandes.
Einmal hat sich der Kuckuck zu Tode gefallen und die Nachtigall übernimmt statt ihm die weltlichen Geschicke, um den Sommer zu retten. Das andere Mal streiten sich Nachtigall und Kuckuck wer der bessere Sänger ist. Der Esel soll´s entscheiden.
Die Moral von der Geschicht´: Der beschränkte Esel entscheidet sich für den Kuckuck, weil ihm die Musik der Nachtigall zu kompliziert erscheint. Eine bissige Satire auf selbstgefällige musikalische Autoritäten und Kunsturteile.
| Aris Alexander Blettenberg, Jonas Müller Foto: Ansgar Klostermann |
Jetzt waren beide in ihrem Element. Nicht allein bewegter Gesang und aufmerksame Klavierbegleitung, sondern vor allem auch Gestik und Kommunikation mit dem Publikum, schafften ein lockeres Klima, voller Zwischenapplaus und vielen Lachern.
Mit Humor und Klasse
Das wurde mit Hugo Wolfs Mörike Liedern, fünf von insgesamt 53, fortgesetzt. Wolf schuf diesen Zyklus während seines Aufenthaltes in Wien im Jahre 1888 und sie kommen entsprechend auch im Publikum an: Viel Heuriger, Walzer und Schmäh.
Herauszuheben der Abschied. Ein Rezensent besucht einen Dichter und kritisiert abschätzig dessen „Weltnase“. Der Dichter, nicht gerade amüsiert darüber, versetzt ihm einen Tritt, sodass er die Treppe hinabstürzt: „… da geb´ ich ihm, ganz froh gesinnt, einen kleinen Tritt nur so von hinten aufs Gesäße mit – alles Hagel! Ward das ein Gerumpel, eine Gepurzel ein Gehumpel. Dergleichen hab ich nie gesehen … einen Menschen so rasch die Trepp´ hinabgehn!“.
Das in Begleitung eines ätzenden Walzers und einer hämischen Stimmlage des Sängers. Einfach nur Klasse. Auch Hugo Wolf konnte, trotz extremer Armut, schwacher Gesundheit und nervösem Charakter durchaus die Welt mit Humor betrachten, was er mit diesen Liedern und ihren Interpreten absolut bewies.
Fremdes Genre für den Komponisten
Zum Abschluss eine Auswahl der Brettl-Lieder von Arnold Schönberg. Er hatte die insgesamt acht Songs im Jahre 1901 für das Wiener Kabarett „Überbrettl“ geschrieben, wo er auch als Kapellmeister fungierte.
Vier von den acht trugen die beiden vor. Galathea nach einem Text von Frank Wedekind, Gigerlette mit Text von Otto von Bierbaum, Der genügsame Liebhaber getextet von Hugo Salus sowie die Arie aus dem Spiegel von Arkadien nach Worten von Emanuel Schikaneder. Vier doch sehr kontrastreiche Songs eines aus einem völlig anderen Genre bekannten Komponisten.
| Jonas Müller, Aris Alexander Blettenberg, Foto: H.boscaiolo |
Zwischen Salon-, Kabarett- und Kunstlied
Schönberg befand sich kurz vor seiner Übersiedelung nach Berlin und komponierte noch einmal für das Überbrettl, eigentlich eine literarische Einrichtung, die nach dem Vorbild der Pariser Chat noir Unterhaltung, Satire, Lyrik und Musik miteinander verband.
Die einzelnen Songs stehen zwischen Salonlied, Kabarett, Operette und Kunstlied. Dazu nutzt er sein gesamtes Repertoire an schlagermäßigen Melodien, Walzer und Marschrhythmen, aber auch groteske Wendungen mit spezieller Anbindung der verschiedenen Texte an die Musik.
Herausgekommen sind reizvolle faszinierende und kontrastreiche Songs voller Esprit und, ja, man hört mitunter auch den innovativen, revolutionären Schönberg bereits heraus. Besonders bemerkenswert: Der genügsame Liebhaber (Text: Hugo Salus), leicht, kokett und voller kabarettistischer Finesse. Zwischen Operette und Schlager, aber auch schrägen Zwischenspielen angesiedelt und großartig von dem Duo infernale interpretiert.
Oder auch die abschließende Arie aus dem Spiegel von Arkadien (Text von Emanuel Schikaneder). Auch hier alles voller Leichtigkeit, geschmeidiger melodischer Linie und operettenhafter Arien. Das Herzklopfen eines Weiberhelden im Dreivierteltakt. Wienerisch auch hier und absolut „geküsst von der Fantasie“ (Schlusszeile aus der Galathea mit Text von Frank Wedekind).
Politische Satire – Freiheit – Humor
Ein wirklich abwechslungsreicher Abend, den die beiden Künstler boten. Dazu trug auch das von ihnen gut ausgedachte Programm bei: sehr vielseitig, mit allerlei Höhen und Tiefen des Lebens gespickt, und dabei noch von außerordentlichem Humor überdeckt.
Selten gehörte Lieder, aber von gewaltiger Aussagekraft mit Texten von großer literarischer Qualität. Zwei Zugaben sollten es noch sein.
Priem (1950) von Hanns Eisler (1898-1962), eine politische Satire nach einem Text von Kurt Tucholsky (1890-1935). Auch hier weinende Bräute beim Abschied der Matrosen und einem Päckchen Kautabak als pragmatisches Abschiedsgeschenk. Eine bissige Satire auf das Leben: „Wie dem Seemann mit den Frauen, uns geht’s genau wie ihm. Das Leben muss man kauen, das Dasein ist ein Priem.“ (K.T.)
| Jonas Müller, Aris Alexander Blettenberg Foto: H.boscaiolo |
Nachdenklicher Rausschmeißer
Dann noch ein kurzer Rausschmeißer mit „Niemand“ op. 25 (1840), aus dem Liederzyklus Myrthen von Robert Schumann nach einem Text von Robert Burns (1759-1796). Er schenkte ihn Clara zur Hochzeit.
In Niemand, die Nr. 22 von insgesamt 26, erzählt der Sänger mit Schmunzeln, dass er sein Leben und seine Liebe für sich behält und sich um die Meinung anderer nicht kümmert. Aus dem Text: „Ich hab mein eignes Weib, ich teile mit niemand sie … ich will ein freier Mann sein, ich will für mich ganz allein sein, und niemand kümmere sich“
Damit entließ das begeisternde Duo, Jonas Müller und Aris Alexander Blettenberg, das sichtbar zufriedene Publikum in die schwüle Nacht. Auch die Sonnenfinsternis war zu ihrem Ende gekommen. Alles gut, alles bestens.
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