39.Rheingau Musik Festival
Hyuk und Hyo Lee, Klavierduorezital, Schloss Johannisberg, 15.08.2026
| Hyuk und Hyo Lee (Foto: Ansgar Klostermann) |
Sprunghaft wie das Wetter
So sprunghaft wie das Wetter (Temperatursturz von 40 auf 20 Grad) so auch das Programm der beiden koreanischen Kometen am Klavier, Hyuk (*2000) und Hyo Lee (*2007), die auf dem Rheingau Musik Festival (RMF) ihr Debüt gaben und gleichzeitig den Lotto-Förderpreis 2026 im Rahmen von Ausgezeichnet, dotiert mit 15.000 EUR, entgegennehmen durften.
Technisch perfekt – jugendlicher Elan
Der gut besetzte Friedrich-von-Metternich-Saal wurde zunächst mit zwei solistischen Chopin-Werken beglückt, mit denen sich beide dem Publikum vorstellten.
Der ältere, Hyuk, spielte die einsätzige Fantasie in f-Moll, die Frédéric Chopin (1810-1849) als 31-jähriger im französischen Nohant, dem Sommersitz seiner Verehrten, George Sand, komponierte. Ein tief romantisches, von freier Inspiration und leidenschaftlicher Stimmung durchzogenes etwa 14 Minuten dauerndes Werk, das Hyuk zwar mit größter Emotionalität interpretierte, aber mitunter doch die Linie verlor und den Spannungsbogen zu weit ausdehnte.
Sein Bruder Hyo folgte dann mit dem eher selten gespielten Scherzo Nr. 4 in E-Dur, das Chopin ein Jahr später komponierte. Mit fast 1.000 Takten gehört es zu seinen ausgedehntesten Scherzi, dem allerdings die üblichen Kontraste weitgehend fehlen. Chopin bleibt hier weitgehend im Diatonischen, auch wenn die pianistischen Anforderungen extrem gefordert sind.
Hyo spielt perlend, hell, kann aber die herrliche, nahezu elegische Kantilene im Mittelteil nicht wirklich zur Geltung kommen lassen. Die Klangpoesie des Scherzos wird gerne mit Mendelssohns Sommernachtstraum-Ouvertüre verglichen. Davon konnte hier nicht die Rede sein. Eher spielte er es technisch perfekt mit jugendlichem Elan.
| Hyuk und Hyo Lee (Foto: Ansgar Klostermann) |
Harmonie ohne Swing
Angenehm kurz und knapp eingeleitet von der Moderatorin Karmen Mikovic, die die „Lee Brothers“ vorstellte, folgte dann ein Arrangement für zwei Klaviere von Percy Aldridge Grainger (1882-1961) über George Gershwins (1898.1937) Oper Porgy & Bess (1935) unter dem Titel: Fantasie über Themen aus der Oper Porgy and Bess (1951).
Ein gut 20-minütiges Medley mit zwölf bekannten Songs aus der typisch schwarzen Oper (Gershwin verlangte, dass nur schwarze Sänger die Oper gestalten durften), die damals zunächst kaum mit Erfolg rechnen konnte, heute aber zu den begehrtesten und bekanntesten überhaupt zählt: Darunter der Jasbo Brown Blues als Intro, A Woman is a Something Thing, Gone, Gone, Gone, natürlich Summertime, I got plenty o ´Nuttin, I love you Porgy und last but not least Oh Lord, i´m in My Way.
Beide harmonierten prächtig, konnten allerdings den Swing und typischen Gospel Rhythmus kaum realisieren. Alles ein wenig zu nüchtern. Und ohne wirkliche Fantasie. Die Schwierigkeit liegt vor allem in der Klangsprache, die zwischen Jazz, Spiritual, Charleston und klassischem Stil changiert.
Ein Arrangement zwischen Gershwin und Grainger, vielleicht auch zwischen Chopin und Liszt. Alles äußerst komplex, was aber vom Gebrüder Duo zwar technisch makellos, aber vom Charakter der Songs doch Einiges entfernt dargeboten wurde.
| Hyo und Hyuk Lee (Foto: H.boscaiolo) |
Allrounder zwischen Klassik und karibischer Folklore
Nach der Pause: die Moderatorin Karmen Mikovic stellte jetzt Arthur Benjamins (1893-1960) Leben und Wirken vor und dazu die Six Caribbean Dances (1938). Eine Sammlung von sechs Tänzen aus der Karibik, die der Allrounder zwischen seinen Filmmusiken, Opern, Sinfonien Streichquartetten und Chorwerken Ende der 1930er Jahre zusammenstellte, zunächst für Orchester und später für zwei Klaviere.
Tatsächlich aber stammt der Werktitel nicht von ihm, sondern von seinem Verlag, denn einzelne Tänze gibt es auch für Violine und Klavier, Quartette und einiges mehr.
Bekanntlich bereiste der Komponist Ende der 1930er Jahre die Westindischen Inseln, wo er sich für die dort spezielle Folklore interessierte und sie in eigener Manier zusammenstellte. Berühmt wurde sein Jamaikan Rumba (Nr. 1), der ihm aus Dankbarkeit der Regierung ein jährliches Fass Rum bescherte.
Karibische Discoteca
Das Brother Duo spielte diese kurzweiligen Tänze in weniger als 13 Minuten jetzt viel gelöster und konnte mehr ihre salonhafte Attitüde zur Geltung bringen. Tatsächlich fühlte man sich bisweilen in eine karibische Discoteca oder eine Salsa Bar versetzt.
| Hyo und Hyuk Lee (Foto: H.boscaiolo) |
„Letzter Funke“
Dann aber folgte das letzte vollendete Werk Sergej Rachmaninows (1873-1943), die Sinfonischen Tänze, die er 1940 in seinem amerikanischen Domizil auf Long Island fertigstellte. Ursprünglich als Ballett angedacht, machte er ein ganz persönliches Stück daraus, nannte es ursprünglich Fantastische Tänze und konzipierte es später für zwei Klaviere.
Sein „letzter Funke“ wie er es selbst nannte, eine 35-minütige Rückschau auf sein vergangenes Leben, voller stimmungsvoller Abschnitte, denen er den Untertitel Mittag, Abenddämmerung und Nacht gab. Tatsächlich ein Hinweis auf den sich verdüsternden Horizont der Epoche. Der 2. Weltkrieg war bereits auf Amerika übergeschwappt.
Purer Wahnsinn
Gleich im ersten Satz schlägt er eine Brücke zu Rimski-Korsakows Oper Das goldene Hähnchen, er ist aber auch eine Reminiszenz an seiner Erste Sinfonie, die so kläglich in die Hose ging, mit dem unvergessenen Alt Saxophon Solo.
Im zweiten Satz, einem Andante con moto, folgt ein „unheimlicher Walzer“. Wer denkt dabei nicht an Ravels La Valse von 1920. Hier scheint der Komponist die Abenddämmerung der sich langsam verabschiedenden alten Gesellschaft beschreiben zu wollen. Alles gerät aus dem Gleichgewicht, verbleibt aber doch zwischen Eleganz, Melancholie und rhythmischer Doppelbödigkeit.
Dann der Abschluss, die Nacht des Todes, hier als Lento assai und Allegro molto angesagt. Es ist ein sinfonischer Tanz, ein Totentanz. Das Dies irae taucht im Gewande einer Tarantella in Form eines Cantus firmus auf. Paganini, Bartók, Strawinsky, Prokofjew, Mussorgski die gesamte russische Komponistenelite seiner Zeit wird punktuell zitiert und in einem altrussischen Choral „Gelobt sei der Herr“ zum finalen „Halleluja“ geführt.
Die Symphonic Dances sind der Wahnsinn pur, der allerdings als orchestrale Uraufführung am 03. 01.1941 vom Philadelphia Orchestra unter der Leitung seines Freundes, Eugen Ormandy, zunächst wenig Erfolg verbuchen konnte, in der Fassung für zwei Klaviere (Rachmaninow spielte es gemeinsam mit Vladimir Horowitz 1940 erstmals auf seinem Sitz in Long Island) dann Weltruhm erlangte.
| Hyo und Hyuk Lee (Foto: Ansgar Klostermann) |
Gefällig ohne innere Seele
Irgendwie hatte sich das Klavierduo Hyuk & Hyo Lee mit dieser Interpretation etwas verhoben. Nichts vom letzten Funken, den Rachmaninow selbst für dieses Werk in Anspruch nahm. Sie spielten es eher gefällig, technisch brillant, aber ohne wirkliche Kenntnis der inneren Zusammenhänge dieses doch bahnbrechenden, weil Rachmaninows eigenwilligstem Werk überhaupt.
Vielleicht sollte man für diese Interpretation einfach lebenserfahrener sein, um tiefer in die Seele, hier in die Rachmaninows, einsteigen zu können: in dessen Reminiszenz an Russland, die Erinnerungen an seine Mit- und Leidensgenossen, den Tod und die Kriegsangst spürend, wie die gesellschaftlichen und politischen Umstände, die aus seiner Musik sprechen.
Ein letztlich doch sinfonisches Werk, ein Tanz auf des Messers Schneide, eine ,wie gesagt, ganz persönliche Rückschau und letztlich ein „letzter Funke“. Allein das fehlte dann doch ein wenig.
Wie auch die Programmzusammenstellung fragwürdig war. Vielleicht ihrem jugendlichen Übermut entsprechend, aber musikalisch, inhaltlich wie stilistisch doch ein wenig willkürlich und überfrachtet.
| v. l.: Martin Blach, Miriam Hannah, Hyuk Lee, Hyo Lee, Michael Herrmann Foto: Ansgar Klostermann |
"Vielversprechend – außergewöhnlich"
Dennoch haben die Lee Brothers großes Talent, sind sie doch bereits vielfach ausgezeichnet und können durch die weite Welt der Kulturszene ziehen. Sie bekamen am Ende des gut zweieinhalbstündigen Rezitals den LOTTO-Förderpreis 2026 als „vielversprechende und außergewöhnliche Nachwuchstalente“ zu recht verliehen. 15.000 EUR sind zumindest ein Anfang.
Ihr Debüt auf Schloss Johannisberg wurde mit großer Begeisterung aufgenommen. Sie bedankten sich sehr freundlich bei Michael Hermann, dem Intendanten und Geschäftsführer des RMF, sowie bei Martin Blach, dem Geschäftsführer von LOTTO-Hessen, der den Preis übergab. Sie wollen wiederkommen und spielten zum Abschluss noch einmal aus ihrem Repertoire Libertango von Astor Piazzolla.
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