Freitag, 21. August 2026

39. Rheingau Musik Festival 2026

Jan Lisiecki (Klavier) und das Royal Scottish National Orchestra (RSNO) unter der musikalischen Leitung von Thomas Sondergård, Kurhaus Wiesbaden, 20.08.2026

Royal Scottish National Orchestra (RSNO)
Foto: Website
Spektakulär

Einfach nur spektakulär, dieser Konzertabend in dem leider nicht vollbesetzten Friedrich-von-Thiersch-Saal im Wiesbadener Kurhaus. 

Ein außergewöhnliches Orchester RSNO aus dem Norden des United Kingdom (so auch das Motto des Abends (Spot on: United Kingdom), eines der ältesten Großbritanniens, gegründet bereits 1891, mit einem kanadischen Pianisten der Sonderklasse, Jan Lisiecki (*1995), der seit 2017 regelmäßiger und beliebter Gast auf dem RMF ist.

Thomas Sondergård, Royal Scottish National Orchestra (RSNO)
Foto: Ansgar Klostermann

Schottisches Debüt – Highlands Highlight

Tatsächlich gastiert das Royal Scottish National Orchestra (RSNO) erstmals auf dem RMF, wobei sein musikalischer Direktor, Thomas Sondergård (*1969), doch schon einige Male mit unterschiedlichen Orchestern das Publikum begeistern konnte.

Natürlich hatten sie schottische Tänze in ihrem Repertoire, die bekanntesten von Sir Malcom Henry Arnold (1921-2006), Four Scottish Dances op. 59 (1957), nebst Felix Mendelssohn Bartholdys (1809-1847) Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1 g-Moll op.25 (1831) sowie von Peter Tschaikowsky (1841-1893) die Sinfonie Nr. 4 f-Moll op. 36 (1978). Allerdings durfte als abschließende Zugabe ein weiterer schottischer Tanz nicht fehlen, aber dazu später.


Traditionsbewusst – Kongenial

Gleich zu Beginn die vier schottischen Tänze, die Sir Malcolm Henry Arnold für das BBC Light Music Festival 1957 komponierte. Arnold gehört zu den bekanntesten britischen Komponisten, war auf dem europäischen Festland lediglich deshalb weniger bekannt, weil er sich dem Trend der zeitgenössischen Musik der 1950er und 60er Jahre entzog und der Romantik bzw. Spätromantik treu blieb.

Er komponierte neben weiteren diversen britischen Tanzzyklen noch neun Sinfonien, eine Unmenge Orchesterwerke und mehr als 130 Filmmusiken. Seine wohl bekannteste Filmmusik ist die aus: Die Brücke am Kwai (Oscargewinner 1958) oder auch Neun Stunden zur Ewigkeit (1963) mit Horst Buchholz in der Hauptrolle. Auch seine Orchesteraufnahmen mit den Deep Purple sind nicht zu verachten.

Seine Kompositionen sind vor allem wegen ihrer leichten Spielbarkeit bei vielen Orchestern und Gruppen äußerst beliebt, zumal sie klassische Musik mit dem Jazz, dem Pop und der Folklore kongenial verbinden.

Thomas Sondergård, Royal Scottish National Orchestra (RSNO)
Foto: Ansgar Klostermann


Eine schottische Demonstration

So auch die vier Tänze, kurze prägnante Sätze, mal im traditionellen Strathspey Stil, extrem punktierte Rhythmen im Scottish Snap mit dröhnenden Posaunen und vermeintlichen Dudelsäcken im Hintergrund. Oder im unbeschwerten Reel, meist im 4/4 Takt, federnd und leichtfüßig, hier beginnend mit einem Fagott, das immer mal wieder einen Hicks herauslässt. Dann ein sich chromatisch aufbauendes Durcheinander, was sich zum Tanz eines Trunkenbolds entwickelt. Selbst der Dirigent schwankt humorvoll auf seinem Podest.

Das Allegretto des dritten Tanzes besteht aus einer beschwingten Pastorale, einer liebevollen Sicht auf die herbe schottische Landschaft, vom Orchester, vor allem aber von der Harfe und der Flöte, mit unglaublicher Hingabe zelebriert, um dann im abschließendem Con brio, einem stürmischen Highland Fling, zu einem virtuosen wilden, dörflichen Tanz im rasenden 2/4 Takt, zu eskalieren.

Hier zeigt sich bereits die Brillanz und tiefe Verbundenheit des Orchesters mit der schottischen Kultur und Geographie. Die Berge, Seen, die Inseln der Hebriden, kurz: alle Facetten der schottischen Heimat werden hier musikalisch durchleuchtet und dem Publikum im besten Sinne schmackhaft und im Tanzschritt vorgestellt.

Jan Lisiecki, Thomas Sondergård, Royal Scottish National Orchestra (RSNO)
Foto: Ansgar Klostermann


Ein Jugend Psychogramm

Kontrastierend auf den ersten Blick das Klavierkonzert Nr. 1 von Felix Mendelssohn Bartholdy. Dazu muss man allerdings bemerken, dass er erst wenige Monate vor der Fertigstellung dieser kaum zwanzig minütigen Meisterleitung Schottland besucht hatte, seine Schottische Sinfonie sowie die Hebriden Ouvertüre folgen ließ, aber nach Besuchsstationen in München und Italien bzw. Rom, als kaum 21-jähriger ein Klavierkonzert komponierte, das seine gesamte Jugend in weniger als 20 Minuten charakterisierte.

Einmal sind seine Eindrücke der Europareise darin enthalten, aber zum anderen auch seine erste Liebe mit einem gefeierten Wunderkind am Klavier, der Pianistin Delphine von Schauroth (1814-1887), der er auch dieses erste Klavierkonzert widmete.

Ein Ausbund an Emotionen, jugendlicher Begeisterung und vor allem pianistischer Spritzigkeit, die seinesgleichen sucht. Bekanntlich wurde es von Delphine von Schauroth, damals gerade 17 Jahre alt, im Beisein des Komponisten im Münchener Odeonsaal am 17.Oktober 1831 uraufgeführt und bekam gleich beste Noten, obwohl der Komponist dazu meinte: „ ... ein schnell dahingeworfenes Ding, das ich fast nachlässig zu Papier gebracht habe. Den Leuten scheint es am besten zu gefallen, obgleich mir selbst wenig.“ (aus der Kölner Manuskriptsammlung)

Jan Lisiecki, Royal Scottish National Orchestra (RSNO)
Foto: Ansgar Klostermann

Energiegeladen – ausufernde Dramaturgie

Jan Lisiecki jedenfalls war hier in seinem Element. Energiegeladen mit ausufernder Dramaturgie warf er sich in den Kopfsatz. Nahezu übergangslos folgte das Andante des zweiten Satzes, ein E-Dur Nocturne, begleitet von Hörnern und Trompeten. 

Ein wahrhaftiger Ruhepol, der vom einfühlsamen Orchester mit großer Anteilnahme unterfüttert wurde, wobei der Dirigent durchaus seine Anteil hatte. Wie auch die Kommunikation zwischen den einzelnen Akteuren blendend funktionierte. Sogar kleine Koketterien zwischen Pianist und Publikum waren hier erlaubt.

Jan Lisiecki, Thomas Sondergård, Royal Scottish National Orchestra (RSNO)
Foto: Ansgar Klostermann

Brillant brausendes Gewitter

Das Presto Finale, das in der Struktur an Johann Nepomuk Hummels (1778-1837) Klavierstil erinnert, wurde unter den Händen des Solisten zum Prestissimo furioso, ein molto allegro vivace, das sich in ein brillant brausendes Gewitter auswuchs. 

Mit seinen großen Händen spielte Lisiecki die doch schwierigen Martellato-Oktav Passagen und gebrochenen Akkorde sowie die schier endlosen Triolenketten mit einer Eleganz, Prägnanz und perlender Transparenz, die das Publikum atemlos auf ihren Sitzen festhielt


Virtuos – Technisch einfach – höchste Musikalität

Entsprechend war auch der Applaus. Jan Lisiecki, aber auch das RSNO mit ihrem musikalischen Direktor Thomas Sondergård konnten auf ganzer Linie überzeugen. Ein Orchester nach Maß für den überragenden Pianisten, der immer noch durch seine unglaubliche Begeisterung an den Tasten überzeugt. 

Kleine Anekdote: Franz Liszt spielte das Klavierkonzert 1831 in Paris vom Blatt, ohne es einmal gesehen zu haben, was Mendelssohns Bewunderung für dieses Tastengenie nur steigerte. Ja, dieses Werk ist zwar von hoher Virtuosität, allerdings von technischer Einfachheit. Gerade deshalb muss es höchst musikalisch gespielt werden, was Jan Lisiecki auch in bester Manier gelang. Chapeau.

Royal Scottish National Orchestra (RSNO)
Foto: H.boscaiolo

Zu ertragendes Schicksal

Kommen wir zum zweiten Teil des Konzertabends. Ausgerechnet die Vierte Sinfonie Tschaikowskys hatte sich das RSNO dafür ausgesucht, wo sich doch der Komponist während der Fertigstellung der Partitur von seiner frisch verheirateten Frau Antonina Miljukowa (1848-1917) trennte, gleichzeitig wieder tiefe Zuneigung zu seinem ehemaligen Schüler Josef Kotek (1855-1885) fand, und in einem Zustand tiefster Verzweiflung seiner Mäzenin Nadeschda von Meck (1831-1894) beichtete, diese Sinfonie sei das Produkt seines Schicksal, eines, das er leider ertragen müsse.


Unerbittlich – optimistisch

Tatsächlich handelt diese Musik von jener „verhängnisvollen Macht, die unser Streben nach Glück verhindert und eifersüchtig darüber wacht, dass Glück und Frieden nie vollkommen und wolkenlos sich verwirklichen lassen.“ (aus dem Brief an Nadeschda Meck).

Was aber macht das RSNO daraus. Gleich zu Beginn, das Wesen der ganzen Sinfonie: Fagotte und Hörner verkünden lautstark das unausweichliche Fatum, ein Donner im wahrsten Sinne, der sich viele Male im Kopfsatz wiederholt. 

Dazwischen lyrische Passagen mit Seufzermotiven von den Holzbläsern wirksam intoniert. Hin und her gerissen wird der Hörer durch die scharfen, durchdringenden Fanfaren-Passagen im drei bis vierfachen forte. Jeder Traum ein Albtraum. Kein Ausruhen, keine Entspannung – stattdessen rüttelt das Schicksal unerbittlich an den Pforten.

Tatsächlich verbleibt das Orchester in einem kernigen Ton, der eine Dramaturgie des Jetzt-erst-recht erzeugt. Keine Zeit zur Melancholie, kein Ort der Depression, keine Gelegenheit des Zurückziehens. Nein, immer verbleibt man im Dunst der Zuversicht. Ganz Schottisch, möchte man meinen, im Sinne des nie Verzagens und des immer im Optimismus verbleibend.

Thomas Sondergård, Royal Scottish National Orchestra (RSNO)
Foto: H.boscaiolo


Pragmatischer Realismus

So auch im zweiten Satz, ein eigentlich verträumter, weltabgewandter, tief wehmütiger Abschnitt. Hier beginnt die Oboe ihr sattes, schwergängiges Spiel, wieder einmal zutiefst schottisch, denn alles verbleibt in einem pragmatischen Realismus. 

Selbst das Zwischenspiel mit wechselndem Flöten-, Cello-, Bratschen- und Beckeneinsatz wirkt eher weltoffen, als weltabgewandt. Das Fagott beendet diese Canzone und lässt dem Scherzo freien Lauf.

Das allerdings strotzt nur so vor Lebendigkeit und Zuversicht. Es besteht aus einer Pizzikato-Polka der Streicher, die von einem Jahrmarktähnlichen Trio unterbrochen wird. 

Hier hat Tschaikowsky seiner Erkenntnis freien Lauf gegeben wenn er schreibt: „Wenn du in dir selbst keine Freude findest, so blick um dich, geh ins Volk.“ (aus dem Programm). Tatsächlich schreibt er hier einen Tanz für ein Volksfest, Lebensfreude pur, die das Orchester in typisch schottischer Manier umzusetzen versteht.


Menetekel des Fatums – triumphale Apotheose

Quasi attacca geht es ins Finale, ein Allegro con fuoco. Es gehört zum Gewaltigsten der Sinfonie. Volksfeststimmung pur ist angesagt. Tschaikowskys Affinität zum russischen „mächtigen Häuflein“ wird hier unverkennbar deutlich. Hat er doch unter anderem russische Themen von Balakirev, Borodin und Mussorgski darin verarbeitet. Nicht zu vergessen sein themenbildendes russisches Volkslied In der Wiese stand ein Birke, das den Rahmen des Rondos bildet.

Zwar schwebt abschließend noch einmal das Menetekel des Fatums über allem. Die Blechbläser schmettern immer wieder einmal die Fanfare des Schrecklichen in den Konzertraum. Aber alles in allem wird ihm vom RSNO doch ein Schnippchen geschlagen.

Perfekt spielt es unter entsprechendem Dirigat von Thomas Sondergård, auch die unvergessliche Coda, wo sich das Werk zur triumphalen Apotheose steigert. Ein rauschhaftes Fest geht zu Ende, in dem zwar die Verzweiflung vorherrscht, aber in der Interpretation des RSNO eher Zuversicht und Optimismus Raum gewinnt.

Thomas Sondergård, Royal Scottish National Orchestra (RSNO)
Foto: H.boscaiolo
Humor und Lebensfreude

Ja, die Schotten sind voller Humor und Lebensfreude, wie der Däne Thomas Sondergård in einer kurzen Ansprache betont, und so ist auch ihre Interpretation dieser Sinfonie zu verstehen. 

Eigenwillig zwar, aber selbst Tschaikowsky, so er sie denn von diesem Orchester gehört hätte, wäre wohl damit einverstanden gewesen. Ganz in seinem Sinne: „Freue dich an der Freude anderer – und das Leben ist doch zu ertragen!“

Thomas Sondergård, Royal Scottish National Orchestra (RSNO)
Foto: H.boscaiolo

Schmunzeln aus dem Äther

Der Applaus wollte kein Ende nehmen. Thomas Sondergård bedankte sich überschwänglich beim Publikum und den Organisatoren des RMF und bot mit seinem überragenden RSNO noch einmal eine typisch schottische Zugabe: Eightsome Reels 2.0 von Christopher Gough (*1992?). Es wurde geklatscht, gefeiert und sogar getanzt.

Ein Konzertabend voller Optimismus und schottischer Lebensphilosophie. Da musste wohl selbst ein verzweifelter Tschaikowsky aus dem Äther heraus schmunzeln.

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