39. Rheingau Musik Festival 2026
Klassik Marathon, die Entdeckung junger Talente, Schloss Johannisberg, 22.08,2026
| Alle Teilnehmer des Klassik Marathons aus Schloss Johannisberg Foto: H.boscaiolo |
Das große Entdecken
Drei außergewöhnlich zusammengesetzte Duos, ein Solo-Pianist und ein Doppelchor waren vom Festival Kuratorium geladen, Künstler, die jeweils an der Schwelle einer großen Laufbahn stehen, bereits diverse Preise gewonnen haben, aber nichtsdestotrotz noch viel Unterstützung und Förderung brauchen.
So gehört es bereits seit 1997 zur Tradition des RMF, „junge Musikerinnen und Musiker zu entdecken und sie in ihren ersten Schritten auf der großen Konzertbühne zu begleiten“. So heißt es in der Programmansage des RMF.
Durch den Marathonabend von über drei Stunden (alle hatten jeweils gut 20 Minuten Zeit für ihre Vorträge) führte die Moderatorin Karmen Mikovic, die in sehr kurzen und prägnanten Ansagen die einzelnen Künstler vorstellte und dem fünfteiligen Konzert mit langer Pause eine übersichtlichere Struktur verlieh.
| Josefa Schmidt, Emanuel Blumin-Sint Foto: Ansgar Klostermann |
Den Funken nicht entzündet
Gleich zu Beginn stellten sich Emanuel Blumin-Sint (*2004) am Fagott, und seine Begleiterin am Steinway Flügel, Josefa Schmidt (*1998), mit zwei Werken von Robert Schumann und Carl Maria von Weber vor.
Beide haben schon etliche Preise gewonnen, sind aber noch im Ausbildungsmodus. Bemerkenswert: Emanuel Blumin-Sint ist Mitglied der Jungen Deutschen Philharmonie, und Josefa Schmidt sorgt als Konzertdesignerin für neue Formate, was sich auch in dieser seltenen Kombination zeigt.
Denn Schumanns Fantasiestücke op.73 (1849) hat er eigentlich für Klarinette, Violine, Violoncello und Klavier geschrieben. In dieser vorgestellten Kombination wirkte dieser Dreiteiler allerdings eher brav und wenig erheiternd, zumal dem Bläser doch leicht die Luft ausging.
Das zweite Stück, Andante e Rondo ungarese op.35 (1809), hat C. M. von Weber tatsächlich auch in der Fassung für Fagott und Klavier „gänzlich umgeschmolzen“, aber auch hier überzeugten beide nur teilweise. Technisch durchaus ansprechend, konnten sie doch den Funken des brillanten Werkes nicht wirklich entzünden.
| Amiri Harewood (Foto: Ansgar Klostermann) |
Eigenwillige Interpretation
Der zweite Protagonist des Abends sollte der Brite Amiri Harewood am Piano sein. Erst 19 Jahre alt, ist er schon auf allen großen Bühnen vertreten, und hat sogar eine Gesangsausbildung als Kind genossen. Er hatte sich zwei kontrastierende Werke von Dmitri Schostakowitsch und Robert Schumann ausgewählt.
Zunächst aus Schostakowitsch 24 Präludien und Fugen op. 87 die Nr. 6 in h-Moll. Mit großer Leidenschaft spielte er das doch sehr düstere Stück aus dem Jahre 1950. Hervorragend die Fuge, die er in bester Transparenz, guter Pedalierung und klarer Durchdringung der einzelnen Abschnitte vorstellte.
Dagegen wurden Schumanns „Geistervariationen“ Es-Dur WoO 24 (1854), übrigens sein letztes geschriebenes Werk, unter den Händen des Solisten tatsächlich zu einer geisterhaften Interpretation. Unglaublich verinnerlicht präsentierte er das Eingangsthema, fortgesetzt von Variationen, die die melodische Linie nahezu ausfransen ließen. Ständige wechselnde Metrik und übertrieben eingebaute Synkopik wie verschwimmende Pedalarbeit ließen zwar eine gewisse Eigenwilligkeit des Interpreten erkennen, verfehlten jedoch den eigentlichen Charakter des Werks. Dennoch insgesamt ein gelungener und bemerkenswerter Auftritt des Solisten.
| Duo Klangwelt: Marlene Förstel, Michael Schwarzenbacher Foto: Ansgar Klostermann |
Das Duo Klangtreff sollte hier neue Akzente setzen. Zwei Österreicher, Marlene Förstel (*2000) am Violoncello, und Michael Schwarzenbacher (*1999), am Akkordeon, scheinen sich gesucht und gefunden zu haben. Seit 2024 treten sie gemeinsam auf und versuchen mit dieser sehr ungewöhnlichen Kombination neue Klangerlebnisse zu schaffen.
Dabei habe sie sich neben dem Tango und der etwas leichteren Musik von Kurt Weill und Fritz Kreisler auch an Strawinskys Suite Italienne (1930) in einer Bearbeitung für ihre Instrumente herangetraut.
Leider nicht unbedingt der Knaller, biss sich doch das Register des Akkordeons extrem mit dem Celloklang: weich gegen Metall, oder warm gegen eisig kalt. Sei´s drum. Ihre Spielfreude machte vieles wett und mit Astor Piazzollas Le Grande Tango (1982) bewiesen beide ihr instrumentales Können, aber auch vor allem ihre große Musikalität und rhythmische Versiertheit. Ein echtes Erlebnis vor der Pause.
| Will Duerten, Amiri Harewood Foto: Ansgar Klostermann |
Preisverdächtig – das Beste vom Besten
Will Duerten (*2000), ein Brite am Kontrabass, ist weltweit kein Unbekannter mehr. Spielte er doch mit dem weltberühmten Scottish Chamber Orchestra (zurzeit ist er Solobassist der Royal Northern Sinfonia) und erreichte 2018 das Finale des BBC Young Musicians of the Year Wettbewerbs.
Zunächst wurde er von Amiri Harewood am Klavier begleitet und spielte von Maurice Ravel Deux Mélodies hébraiques für Singstimme und Klavier (1914), natürlich für Kontrabass bearbeitet. Eine Kaddisch ohne Worte und ein L´Énigma éternelle herzzerreißend schön. Will Duerten ist ohne Zweifel die Entdeckung des Konzertabends.
Er wechselte spontan sein Programm, spielte statt dem geplanten Capriccio di Bravuro von Giovanni Bottesini, eine eindrückliche Berceuse (1878), ursprünglich für Violine und Klavier, von Gabriel Fauré und anschließend Motivi für Kontrabass solo (1992) von Emil Tabakov (*1947). Ein rhythmischer und virtuoser Wahnsinn. Ein zeitgenössischer Leckerbissen, der auch das Publikum von den Sitzen riss. Allein dieser Künstler war die Reise nach Schloss Johannisberg wert. Er sollte den Preis des Marathon Abends gewinnen.
| Calens Vocalensemble: fünfter von rechts: Frederic Mattes (musikalischer Leiter) Foto: Ansgar Klostermann |
Viel sakrale Klangkultur
Der Doppelchor, das Calens Vocalensemble, sollte den Schlusspunkt setzen. Acht junge Sängerinnen und Sänger (Katariina Westhäußer-Kowalski, Franziska Bubeck (beide Sopran) Marlene Frisch, Maria Magdalena Wessel (beide Mezzo) Yannick Federmann, Jakob Frisch (beide Tenöre) sowie Florian Wolf, Frederic Mattes (beide Bassbaritone)) hatten fünf Chorwerke mitgebracht, die durchweg in den sakralen, kirchlichen Bereich gehören.
Seit 2022 sind sie in dieser Formation zusammen, bereits preisgekrönt (2024 gewannen sie den 14. Internationalen a-cappella Wettbewerb in Leipzig) und befinden sich bereits auf ähnlicher Stufe wie Voces8 oder auch Tenebrae.
Tatsächlich legten sie bei ihrer „Marathon“ Vorstellung vor allem Wert auf Klangkultur, Transparenz und vertikaler Dichte. Das gelang ihnen durchaus, wenn auch vielleicht etwas „Weltliches“ mehr Stimmung gebracht hätte. Sicher bewegen sie Themen wie „Liebe, Glaube, Zweifel und Hoffnung“, wie sie sich selbst beschreiben.
Aber in diesem Sinne wurde der bekannte amerikanische Ohrwurm aus dem 19. Jahrhundert Oh Shenandoah (Bezug zum gleichnamigen Fluss) zu einem sehnsüchtigen, melancholischen, ja trauernden Song. Nicht gerade glücklich für den Ausklang des doch sehr, sehr langen Konzertabends.
| Abschluss des Marathons: Preisverleihung Foto: Ansgar Klostermann |
In der Kürze liegt die Würze
Die Preisverleihung hat sich der Schreiber dieser Zeilen versagt. Es war ein sehr massiv gefüllter Abend mit unterschiedlichsten Besetzungen, unterschiedlichsten musikalischen Genres und unterschiedlichsten Charakteren auf der Bühne. Sicher gaben alle ihr Bestes, sind sie doch bereits vielfach preisgekrönt und tingeln durch die Musikwelt.
Aber muss man dann einen Marathon solchen Ausmaßes durchführen? Warum brauchen bereits vielfach preisgekrönte Künstler noch zusätzliche finanzielle Unterstützung? Wo bleiben die jungen Leute direkt aus den Unis und diversen Musikschulen, ohne Namen, aber mit perfekter Ausbildung und Musikalität? Fragen über Fragen.
Fazit: In der Kürze liegt die Würze! Die Auswahl macht´s.
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