Montag, 24. August 2026

„Große Ensembliade“ zum Abschluss der 3. Young Ensemble Academy und zum 100. Naxos Hallenkonzert, Frankfurter Naxos Halle, 23.08.2026

3. Young Ensemble Academy 2026 (Foto: Stefanie Kösling) 

„Ensembliade“ mit langen Verzögerungen

Eine prall gefüllte Frankfurter Naxos Halle wie man es selten erlebt hat. Zuschauerandrang ohne Ende, was den Konzertbeginn mehr als eine halbe Stunde verzögerte, und dazu eine Redeaufwand von Christian Fausch (Geschäftsführer des EM) und Christiane Engelbrecht (sie hoben noch einmal den erfolgreichen Verlauf des achttägigen,15.-23.08., Workshops für junge Nachwuchsensembles hervor), und der neuen Geschäftsführerin des Kulturfonds RheinMain, Dr. Susanne Völker, die das 100. Konzertjubiläum des Naxos Produktionshauses lobend thematisierte (beide Unternehmungen werden bekanntlich mit nicht unbedeutenden Geldern unterstützt), was den Beginn des Konzert noch einmal für viele Minuten verzögerte.

Naxos Produktionshaus (Foto: Maksim Finogeev)

Zwischen Triathlon und Wagneroper

Endlich konnte das dreiteilige Konzert beginnen, die „Ensembliade“, wie Ellen Freyberg es so treffend formulierte. Im sportlichen Jargon könnte man auch von einem ausgewachsenen Triathlon, oder musikalisch von einer Wagneroper, sprechen, denn die folgenden mehr als vier Stunden gehörten elf mitgebrachten Kompositionen von fünf neu gegründeten internationalen Ensembles aus Italien, den Niederlanden, der Ukraine, Österreich und Deutschland.

Zwischen 7 und 20 Minuten dauerten ihre Vorstellungen und sie durften gleich zwei bzw. dreimal auftreten. Zum Abschluss folgte noch ein Auftragswerk des Ensemble Modern an den Chinesen Yuheng Chen (*1998), der als Alumne in den Jahren 2024/25 seine Ausbildung bei der IEMA mit Bravour absolvierte. Aber dazu später.

Ukrainisches Ensemble 24
(alle Fotos: H.boscaiolo)

Erinnerung – Gesang – Traum – Zeit

Zunächst versammelte sich das Publikum im hinteren Teil der riesigen Halle. Akustisch ist sie ein idealer Ort für jegliche musikalischen Ereignisse. Alle fünf Ensembles stellten sich vor. Zunächst das Ukrainische Ensemble 24, gegründet 2024 in Kiew, mit Ars Memoria (2019) von Mikel Urquiza (*1988). Ein fünfteiliges elf Minuten dauerndes Stückchen mit vielen Bezügen zu Mozart, Vivaldi, Bach und Beethoven. Alles zwischen Erinnerung und zeitgenössischer Betrachtung.

Dann folgte das italienische NEMA Ensemble (gegründet 2023) mit Salvatore Sciarrinos (*1947) Arioso a 5 (2018). Ein Art Sprechgesang zwischen Stille und Klang. Filigran konstruiert und vom NEMA Quintett und Dirigenten mit viel Liebe und Hingabe interpretiert.

Du bist mein Traum_a nennt sich das Duett von Yoona Hong (*1990), das das Holländische FES Ensemble mit herrlichem Sprachwitz und passender Gestik auf Sopransaxophon und Violoncello präsentierte. Ein siebenminütiger Aufheller mit Glanz.

Die drehende Zeitkette (2025) von Sung Tae Paek (*?) wiederum, überzeugend vom deutschen Trio Aether vorgetragen, führte das Publikum in eine Zeitreise diverser Melodien, Harmonien, Rhythmen und Motive. Ein perfektes Zusammenspiel bei schwierigen metrischen und rhythmischen Wechseln. Alle Zeit endet irgendwann, auch hier. Es kommt zur Schnappatmung, bis sie aussetzt.

Italienisches NEMA Ensemble

Dunkle Energie – kosmische Schwingungen

Den Abschluss des ersten Teils war dem österreichisch/deutschen Pod Collective vorbehalten. Völlig neu gegründet steht „Pod“ für Meeressäuger, die sich über Infraschall verständigen. Ein Quintett mit Streicher, Akkordeon und Querflöte sowie Dirigent, das aber auch zu einem veritablen Ensemble anwachsen kann.

Hier stellte es Energeia aphanés III – physes (2019) von Michael Quell (*1960) vor. Zu deutsch: dunkle Energie, dunkle Materie aus der raumzeitlichen Struktur des Universums.

Absolute energetisch spielten sie zunächst gemeinsam als Gruppe, um sich dann im Saal zu verteilen. Von ihren Standorten versetzten sie den riesigen Naxos Saal in kosmische Schwingungen.

Österreichisch/Deutsches Trio Aether

Abbruch und Selbstschau

Eine erste gute Stunde schien das Publikum ebenfalls in positive Schwingungen zu versetzen und man erwartete in der jetzt vorgesehen Theaterbox einen ebenso abwechslungsreichen zweiten Teil. Das aber mitnichten.

Der Filmraum war gerammelt voll und die Luft stand nach kurzer Zeit. Auch war die Akustik hier von mangelhafter Qualität, nicht vergleichbar mit dem großen Saal.

Darunter hatte gleich das deutsche Trio Aether zu leiden. Mit Simon Steen-Andersens (*1976) Next to Beside Besides #2,#3, #6 (2005/6), ursprünglich für Violoncello Solo gedacht, konnten sie kaum das Publikum erreichen, denn der Klang verschwand unmittelbar im Nichts. Nach nur wenigen Minuten brach das Trio ab, weil ganz plötzlich jemand im Publikum glaubte, klatschen zu müssen. Aber sei´s drum.

Es folgte das längste Stück des Marathonabends mit dem holländischen FES-Ensemble. Jetzt ein Trio mit Klangregie. Im abgedunkelten Raum zeigten sie mit Confessions (2026) von Massimiliano Vizzini (*?) ein selbst produziertes Video, das als eine Art Bekenntnis zum eigenen Ich avancierte. 

Ziemlich schnelle Wechsel und heftige Lichteffekte begleitete das Trio mit passender Geräuschmusik. Daraus wurde dann leider eine langatmige intime Dramaturgie von 20 Minuten, die ein wenig den Narzissmus der jungen Generation demonstrierte. 

Ein nicht enden wollender Selbstfindungsprozess, als Erkenntnis vorgestellt, aber eher ein „typisches“ Selbstportrait der Generation Z, nicht für jedermann.

Deutsches Pod Collective

Viele Farben – Spektrale Musik

In den folgenden vier Werken, die sich noch einmal mehr als 40 Minuten dahinzogen, kamen noch einmal das besagte Trio Aether, das deutsche Pod Collective, das ukrainische Ensemble 24 sowie das italienische NEMA Ensemble auf die Bühne.

Hervorzuheben vielleicht noch Treize couleurs du Soleil couchant für fünf Instrumente von Tristan Murail (*1947), vorgetragen vom Pod Collective. Bekanntlich 1978 für das französische Pierrot Ensemble komponiert, zählt es zu den Hauptwerken der Spektralmusik

Eine Musik also, die mit Klängen und Tonstrukturen experimentiert. In diesem 12-minütigen Stück geht es um die untergehende Sonne. In dreizehn Farben schildert Murail hier im wirklich impressionistischen Stil die diversen Schattenspiele des Abendhimmels. Eigentlich ein Ausbund an wunderbaren Klangfarben, was aber, wie gesagt in dieser Box nicht hörbar werden konnte.

Warum diese Bemerkung. Ja, es ist die Wiederkehr der Spektralmusik, die den langen Konzertabend prägte. Den zweiten Teil allerdings in die Box zu verdammen, war ein Fehler und zugleich eine Zumutung. Denn er dauerte ganze 70 Minuten.

Niederländisches FES Ensemble

Ein Raum der „Selbstbezichtigung“

Den Abschluss, die Hälfte des Publikums hatte sich bereits davon gemacht, bildete die Uraufführung von Yuheng Chens (*1998) Auftragsarbeit As Skin Retains an Ocean in the Air (2026).

Hierzu verteilten sich das Ensemble Modern mit 18 Musikern und die fünf Young Ensembles, 25 an der Zahl, im gesamten Raum der Naxos Halle. Eine Halle, die bereits für die Premiere der Selbstbezichtigung von Peter Handke kommende Woche mit Frankfurter Walderde belegt war, immerhin ein Hingucker.


Ausgesuchte Technik fürs Klangmeer

Zwischendrin das übrig gebliebene Publikum, das allerdings auf Stühlen und Hockern sitzen konnte, nicht, wie vorgesehen, durch die insgesamt acht weitläufig verteilten Gruppen flanieren sollte. Mittendrin der kongeniale Tontechniker Norbert Ommer, der die einzelnen Gruppen mit ausgesuchter Technik koordinierte.

Abschließende Uraufführung in der Naxos Halle

„Meereslandschaften“

Was aber beabsichtigt der Komponist mit diesem etwa 20-minütigen Werk?

Er will „Meereslandschaften“ bewegen, sagt er. Eigentlich möchte er, dass das Publikum sich während der Aufführung gemeinsam mit den Musikern als Teil des Klangmeeres bewegt. Wie gesagt, daraus wurde nichts. 

Und weiter meint er in einer eigenwilligen Philosophie: „Der Körper ist zwar irdisch, doch er bleibt materiell und emotional an das Meer als Ort gebunden, an dem innere Flüssigkeiten und äußere Atmosphäre in einem fragilen Gleichgewicht zueinander stehen.“ (aus dem Programm)

Abschließende Uraufführung in der Naxos Halle
Norbert Ommer am Regler 

Balsam für die strapazierten Ohren

Es war bereits nach 23 Uhr als sich der Ozean im Raum zu bewegen begann. Yuheng Chen könnte ebenfalls zu den Spektralmusikern der 1980er Jahre zählen, denn er beschäftigt sich überwiegend mit Ton, Geräusch, Resonanz und ebenfalls mit elektronisch veränderten Klängen. So auch hier.

Ein akustisches Hörerlebnis, das die bis dahin ziemlich strapazierten Ohren doch in einen Zustand der Ruhe und Gelassenheit zu versetzen vermochte.

Lange ausgedehnte Klänge, die metrisch und rhythmisch von drei Dirigenten zusammengehalten und vor allem vom Tonmeister in einen Meeresklang versetzt wurden, die wohl die Wale in den Ozeanen ebenfalls begrüßt hätten.

letzter Blick von der Box in den großen Saal

Maximale Erschöpfung

Scherz beiseite. Der Ausklang des musikalischen Ironman ließ denn doch das übriggebliebene Publikum in maximaler Erschöpfung zurück. Wie im Sport auch. Viele stiegen aus, und die wenigen, die zurück blieben, haben zwar das Ziel erreicht (Bravo), müssen aber erst wieder zu geistigen Kräften kommen.

Ein Erlebnis, das vor allem den Akteuren auf der Bühne nicht gerade zum Vorteil gereichte.


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