Sonntag, 30. August 2026

39. Rheingau Musik Festival 2026

„Klassik meets Jazz“ mit Lucienne Renaudin Vary (Trompete) und Tim Allhoff (Klavier), Schloss Johannisberg, 29.08.2026

Tim Allhoff, Lucienne Renaudin Vary
(Foto: Ansgar Klostermann)
Fokus Finissimus

Es ist das letzte der fünf Fokus Konzerte der mittlerweile äußerst beliebten, charmant auftretenden und auf dem RMF absolut angekommenen Trompeterin, Lucienne Renaudin Vary, und ihrem kongenialen Begleiter am Flügel, Tim Allhoff.

Beide hatten zum Abschluss 12 Werke mitgebracht, die allermeisten arrangiert für Trompete von Tim Allhoff, darunter aber auch ein genuines Werk für Trompete und Klavier vom französischen Komponisten Jean Françaix.

 Lucienne Renaudin Vary (Foto: Ansgar Klostermann)

Barfuß – der reine Ton

Aber zum Detail: Lucienne Renaudin Vary tritt vorwiegend barfuß auf, da sie eigenen Aussagen zufolge, die Schwingungen ihres Trompetenklangs besser nachfühlen könne. Tatsächlich hat sie ihr Instrument zu ihrer ureigenen Stimme werden lassen, und das beweist sie ein fürs andere Mal bei ihren Interpretation. 

Ihr Partner, mit dem sie seit zwei Jahre zusammen musiziert, könnte ihr eineiiger Zwilling sein, denn jeder Ton, jede Phrase, jedes Thema scheint beiden wie auf den Leib geschnitten.

Tim Allhoff, Lucienne Renaudin Vary
(Foto: Ansgar Klostermann)

Temperamentvolle Tänze

Gleich zu Beginn ihres Auftritts spielen sie die Sieben Canciones populares españiolas (1914) von Manuel de Falla (1876- 1946). Ursprünglich für Singstimme und Klavier geschrieben, verwendet De Falla volksliedhafte Zitate, nennt seine kurzen Lieder beispielsweise Tanzlied aus Murcia (Nr.2), Asturiana, Lied aus Asturien (Nr. 3), oder auch Jota, ein temperamentvoller Tanz aus Aragon.

Das Schlusslied Polo, ein aufgewühltes, nahezu dramatisches Finale, setzt den ersten Höhepunkt dieses doch höchst vielseitigen wie amüsanten Konzertabends im vollbesetzten Fürst-von-Metternich Saal. Vary & Allhoff sind bereits mittendrin in ihrem Element und man bekommt nie den Eindruck, dass beide sich erst finden müssten.


Brillanter Neoklassizismus

Bereits im nächsten Stück von Jean Françaix (1912-1997) eine Sonatine für Trompete und Piano (1914) im neoklassizistischen Stil, beweisen beide ihre virtuose Brillanz. Das gut sieben minütige Werk besteht aus drei Sätzen mit barocker Namensgebung, wie Prélude, Sarabande und Gigue, hat aber wenig davon, denn Françaix behandelt die Tänze mit modernem Witz, elegant und ironisch.

Er orientiert sich dabei an der Ästhetik der damals herrschenden und beliebten französischen Groupe Les six (bekannt darunter: Poulenc, Milhaud sowie Honegger). Leichtigkeit und Agilität ist gefragt, die beide mit improvisatorischen Einlagen blendend beherrschen.

Tim Allhoff (Foto: Website)

Instrumentaler Gesang

Zwei Soli folgen, eines mit Tim Allhoff, der ein eigens arrangiertes Siciliano (der zweite Satz) aus Johann Sebastian Bachs (1685-1750) Sonate für Flöte und Cembalo in Es-Dur BWV 1031 vorträgt: tatsächlich in g-Moll und das mit ungewöhnlicher Klangfülle im Stil eines Cantus firmus. Allhoff zeigt hier seine barocke Ader, obwohl der Jazz eigentlich seine musikalische Heimat ist. 

Es folgt seine Partnerin mit der zweiten Etüde „Du Style“ (1926) von Théo Charlier (1868-1944). Charlier, selbst ein ausgezeichneter Trompeter seiner Zeit, nannte seine Sammlung 36 Études transcendantes für Trompete, Kornett und Flügelhorn (1926) und verstand darunter weniger bloße technische Übungen, sondern vielmehr musikalische Gestaltungen. 

So nannte er die einzelnen Übungen neben Du style (wie sie Vary interpretierte) auch „Scherzetto“, „Fantasie“, „Fantasie rhythmic“ oder auch „Les trilles“ (die Triller).

Lucienne Renaudin Vary brillierte hier durch ihre gesanglichen Fähigkeiten wie auch durch ihre außergewöhnliche Phrasierung, wie Rhythmik und Dynamik. Bemerkenswert ihre perfekten Registerwechsel und frappierend dabei ihre unglaubliche Musikalität. Nein, es war kein Etüdenspiel wie vielleicht erwartet, sondern vor allem ein musikalischer Gesang der Extraklasse.

Lucienne Renaudin Vary (Foto: Ansgar Klostermann)

Liebeslied mit coolen Elementen

Überspringen wir Fritz Kreislers (1875-1962) Marche miniature viennoise (1924/25), ein Ohrwurm im Stile des Wiener Schmäh (eigentlich für Klaviertrio geschrieben) und kommen zu Frederico Mompou (1893-1987).

Er schrieb seinen dreiteiligen Liederzyklus für Gesang und Klavier zwischen 1947 und 1951, woraus das Duo ein Arrangement aus dem ersten Gesang vortrug: Damunt de tu nomes les fleurs (Über dir nur die Blumen). 

Einer der schönsten und liebevollsten Schöpfungen des Komponisten, galt sie doch seiner neuen Geliebten nach dem Tod seiner Ehefrau. Es besteht aus kleinen Motivgruppen mit sprechender Vokallinie. Zwar keine katalanische Folklore (Mompou war Katalane), aber dafür mit bluesigen und Cool-Jazz Elementen, die der Arrangeur Allhoff geschickt eingestreut hat.

Tim Allhoff, Lucienne Renaudin Vary
(Foto: H.boscaiolo)
Jazz, Jazz, Jazz

Nach der Pause herrschte nur noch der Jazz vor.

Zunächst mit Jimmy Van Heusens (1913-1990) I thaught about you (1954). Ein perfektes Arrangement von Tim Allhoff wie auch von Lucienne Renaudin Vary.

Eigentlich wurde der Song bereits 1939 von Van Heusen (Musik) und Johnny Mercer (Text) als Jazzstandard entwickelt, erhielt aber erst durch die Interpretation von Billie Holyday (1954), Frank Sinatra (1956) und Miles Davies (1961) größere Aufmerksamkeit. 

Stichwort Miles Davies: Vary schien vor allem in diesem Song völlig in die Fußstapfen des Jahrhundert-Trompeters zu treten. Cool war diese Interpretation allemal und nicht zu vergessen das Klaviersolo von Allhoff, der nicht allein seine Variabilität, sondern vor allem auch seine rhythmischen wie musikalischen Qualitäten voll zur Geltung kommen ließ,


Fantastische fünf Minuten

Quasi attacca wechselten beide zu I love you Porgy, aus George Gershwins (1898-1937) berühmtester Oper Porgy and Bess (1935). Eine Liebesromanze mit viel Seele und herrlichen, nicht allzu langen Improvisationen der beiden.

Zwischendrin ein gelungenes Intermezzo, ein klavieristisches Gedankenspiel aus Paul McCartneys (*1942) Blackbird (1968). Eine zweistimmig gefasste, an Mozarts erste Sonaten erinnernde Hommage an die Beatles und die Zeit der amerikanischen Bürgerbewegung, der Studentenrevolten und des Kalten Krieges. Fantastische fünf Minuten vom Pianisten

Tim Allhoff, Lucienne Renaudin Vary
(Foto: Ansgar Klostermann)

Zwischen Schwarz und Weiß

Kommen wir zum Schluss. Bemerkenswert dabei ist das Retrato em Branco e Preto (Portrait in Schwarz und Weiß) vom Brasilianer Eduardo de Góes Lobo, genannt auch Edu Lobo (* 1943). Ein wunderschönes Bild für eine Liebe, die nur noch in der Erinnerung existiert. Tatsächlich stammt die Komposition von Antonio Carlos Jobin (1927-1994) aus den 1960er Jahren, wie es heißt. Aber egal.

Es ist ein klassischer Bossa Nova mit einfacher gesanglicher Linie, überraschenden Wendungen und typischer Synkopierung. Ein Gesang zwischen Hoffnung und Verzweiflung, den beide allerdings mit tänzerischer Bravour aufzulösen vermochten.

Lucienne Renaudin Vary, Tim Allhoff, 
(Foto: Simon Fowler / Maximilian König)

Swing pur – geniales „Zwillingspaar“

Das Abschlussstück von Louis Yule Brown (1912-2007) We´ve got the world that swing (bekannt seit den 1920er Jahren), ein Swing Standard mit unbeschwerter Energie, eingängiger Melodie und typischem Swingpuls war durchaus angemessen für den Rückzug von der Bühne. 

Nicht von ungefähr wurde der Song weltberühmt durch die Filmkomödie Der verrückte Professor (1963) mit Jerry Lewis. Ein echter Rausschmeißer. Alles swingte mit, aber man ließ die beiden, die vielmals auf die Bühne geklatscht wurden, nicht ohne eine Zugebe gehen, denn es war bekannt, dass ausgerechnet dieses Konzert mit den gehörten und erlebten zwölf Nummern zum letzten Mal in eben jener Konstellation auf die Bühne gekommen ist. Gleichzeitig wurde das gemeinsame Album für den Oktober 2026 angesagt.

Die Zugabe sollte Greensleeves (Herkunft wohl aus dem 16. Jahrhundert) sein, die Liebe zu einer Unbekannten. Man gab sich zufrieden, und entließ das wunderbare „Zwillingspaar“, Lucienne Renaudin Vary & Tim Allhoff, in den Rheingau-Nachthimmel


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