Happy New Ears, Hommage an Hanns Eisler, Werkstattkonzert mit dem Ensemble Modern, HK Gruber (Dirigent und Gesang), Heiner Goebbels und Ueli Wiget (Moderation) Oper Frankfurt, 01.09.2026
| Hans Eisler Bronze-Statuette (Foto: Barbara Fahle) |
Werkstatt der Superlative
Ein Werkstattkonzert der Superlative: Hanns Eisler im Gedenken von zwei seiner ganz besonderen Liebhaber und Nachfolger, HK Gruber (*1943) und Heiner Goebbels (*1952).
Beide gemeinsam mit dem Ensemble Modern, das bereits vielfach Werke von Hanns Eisler aufführte und mit der Uraufführung von Eislermaterial (1998), einer von Goebbels rein subjektiven Zusammenstellung von 21 Liedern, kleinen Orchesterstücken, Balladen, zwei eingeblendeten Hörstücken mit Originalaufnahmen von Gesprächen zwischen Eisler und Hans Bunge (1919.1990) über Brecht, die dem Komponisten ein zeitloses Denkmal setzte.
HK Gruber sang seine Lieder vielfach und erwies sich als großer Kenner von Eislers Oeuvre.
Am gestrigen Abend standen sechs Werke auf dem Werkstatt Konzertprogramm: Vier aus Eislermaterial und zwei genuin eigene Werke des Meisters.
| Hanns Eisler (Foto: Nikolaus Schlierf) |
Spöttisch – ironisch – locker – streng
Gehen wir gleich in Medias res.
Alles begann mit dem berühmten „Kriegslied – Großvater Stöffel“ aus Eislermaterial.
Spöttisch und ironisch geht es hier zu. Weniger der Text ist entscheidend, sondern vielmehr die Art der Interpretation. Das große Ensemble (26 Musiker) spielt mit schrägen Tönen und singt dabei über Krieg und Gewalt, als ob es nichts weiter Besonderes wäre.
Und gleich fünf Minuten später folgt quasi auf dem Fuß das Septett Nr. 2 „Zirkus“ (1947). Eisler schrieb diese Fassung für Charlie Chaplins Film The Circus (1928), die aber abgelehnt wird, und später von Eisler zum Septett Nr.2 bearbeitet und neu gefasst wurde.
Er schrieb es für Streichquartett, Flöte, Klarinette und Fagott. Eine Kammermusik in sechs Teilen von einzigartigem Charakter.
Man ist in eine Zirkusmanege versetzt zwischen lockerer Atmosphäre und strenger Zwölftonmusik. Die Akteure sind achtzehn Minuten lang voll gefordert, da sich das Werk auf höchstem kontrapunktischen Niveau befindet und mit allerlei Spezialeffekten gespickt ist.
Spannung pur und gleichzeitig brillant gespielt, schließt es den Prolog des Konzertabends im nahezu vollbesetzten Opernsaal Frankfurt ab.
| Ensemble Modern am Flügel: Ueli Wiget, am Pult: HK Gruber, am Tisch: Heiner Goebbels Foto: H.boscaiolo |
Ein Dialog mit langen Monologen
Drei Koryphäen sitzen am Tisch und plaudern über Hanns Eisler. Ueli Wiget (*1957), der Pianist des Ensemble Modern, hat die Moderation übernommen und fragt seine beiden Interviewpartner nach ihrem besonderen Bezug zu Hanns Eisler.
HK Gruber beginnt und spricht von einem Telefonat seines Freundes Kurt Schwertsik (mit ihm gemeinsam gründete er das Ensemble MOB art & tone ART) aus den Ostertagen 1973, worin er ihn aufforderte, mal zu ihm zu kommen, er habe Lieder von einem Hanns Eisler gefunden, die ihn umwerfen. Und tatsächlich.
Seit dieser Zeit sei er ein Fan von ihm geworden, hätte gleichzeitig mit ihm den Sänger (er sang die Eisler Lieder) und Schauspieler, Ernst Busch (1900-1980), schätzen gelernt, und ihm gesanglich wie inhaltlich, als Vertreter der Neuen Einfachheit, nachgeeifert.
| am Gesprächstisch: v. l.: HK Gruber, Ueli Wiget, Heiner Goebbels Foto: H.boscaiolo |
Heiner Goebbels erklärt sich als aus der Sponti-Szene kommend (bekannt seine Gründung des Sogenannten Linksradikalen Blasorchester, das von 1976-1981 existierte), und habe in den frühen 1980er Jahren Kontakt zu Eisler über die Lektüre der Interviews von ihm mit dem Dramaturg, Hans Bunge (1919-1990), über Bert Brecht (1898-1956) bekommen (siehe auch Eislermaterial).
Hanns Eisler sei für ihn eine widersprüchliche, aber höchst interessante Figur. Er schätze vor allem seine Universalkenntnisse und seine Einstellung zur Kunst, die immer den Anspruch von gesellschaftlicher Relevanz habe. Er verweist in diesem Zusammenhang auf seine eigene Diplomarbeit, die sich in diesem Sinne mit dieser Frage beschäftigt.
Er lobt allerdings eher die Verletzlichkeit des Komponisten, die er vor allem in den Bezeichnungen seiner mehr als 500 Lieder zu sehen glaubt, wo er Anweisungen wie „freundlich vorzutragen“, oder auch „größte Zurückhaltung“ fordere, die leider, so Goebbels, bei Busch regelmäßig übergangen würden.
Dem widerspricht HK Gruber doch vehement. Er habe von Busch vor allem die Artikulation und genaue Aussprache gelernt. Bei ihm habe man auch als Hörer den Text verstanden, worauf es doch ankomme. Dagegen besteht Goebbels auf der Kraft des fortschrittlichen Materials im Sinne Adornos, wo doch der Text zweitrangig sei.
| Ensemble Modern, vorne HK Gruber Foto: H.boscaiolo |
Auflösung von Konzert- und Orchesterstrukturen
Na ja. Eine alte Diskussion, die spätestens seit Wagner zirkuliert, dafür aber eine gute Brücke zum Eislermaterial bot.
Hier beschreibt Goebbels noch einmal seine Absicht, Musik ohne Zentrum zu schaffen, also ohne Dirigent und Führung (im Sinne Eislers, der doch die gesamte bürgerliche Konzertwelt umkrempeln wollte), und die Orchesterstrukturen aufzulösen (in Eislermaterial sitzen die Musiker in einer Art Hufeisen Aufstellung; jeder isoliert für sich).
Bei der Uraufführung im Jahre 1998 in München habe das allerdings zu „Temposchwankungen und Missverständnissen“ geführt, die allgemein Unzufriedenheit und Unstimmigkeit unter dem Ensemble auslöste. Im Klartext: Man wollte die Veröffentlichung erst gar nicht wagen. Erst Jahre später ist das dann geschehen.
| Ensemble Modern, vorne HK Gruber Foto: H.boscaiolo |
Gut, ein langer Dialog, der noch zu einigen Beleidigungen aufseiten von Goebbels gegenüber seinem damaligen Kollegen und Liedermacher, Dieter Dehm (*1950), führte (er unterstellte ihm musikalische Unfähigkeit wie auch Stasi-Mitarbeit), worauf hier nicht weiter eingegangen wird.
Wiget schaffte dennoch einen guten Übergang zur dritten Musik aus Goebbels Eislermaterial: Anmut sparet nicht noch Mühe (1950), eine Persiflage auf die DDR-Hymne Auferstanden aus Ruinen. Eine Kinderhymne, von der damals der Frankfurter Philosoph und Politikwissenschaftler, Iring Fetscher (1922-2014), meinte, sie sei die beste für das Gesamtdeutschland überhaupt.
Tatsächlich ist sie ein Meisterwerk von großer Theatralik und lyrischem, ja romantischem Habitus. Die Ensemblemitglieder sangen in wunderbarem Chor und man war geneigt, einfach mitzusingen, hätte man doch den Text gekannt.
Es folgte dann aus Eislermaterial: „Und ich werde nicht mehr sehen“, ein unglaublich intimer Gesang, von HK Gruber mit fast brüchiger, ja zerbrechlicher Stimme vorgetragen. "Und", meinte er zu Goebbels nach diesem Auftritt, "zu viel Busch?“.
Nein, der Beifall war herzlich und lang.
Gesamtschau der musikalischen Vielfalt
Kommen wir zum eigentlichen Höhepunkt des Werkstattkonzerts. Es sollte die Suite für Orchester Nr. 3 op. 26 (1932) von Eisler höchstselbst sein. Es ist eine vierteilige Gesamtschau seiner musikalischen Vielfalt. Eigentlich gehört sie zum berühmt berüchtigten Film „Kuhle Wampe oder Wem gehört die Welt“ aus den Jahren 1931/1932.
Ein Film über die grassierende Arbeitslosigkeit mit dem Drehbuch von Bert Brecht, der allerdings zunächst in der Weimarer Republik verboten, im Mai 1932 in Moskau uraufgeführt wurde.
| Ensemble Modern, vorne HK Gruber Foto: H.boscaiolo |
Die Suite allerdings mit verarbeiteten Motiven aus der Filmmusik, ist in vier Abschnitte aufgeteilt und von außerordentlicher Stilvielfalt gekennzeichnet.
Eisler, der die Epoche der Klassik gerne überspringt, verwendet hier vor allem barocke Stilelemente, gebraucht modale Tonreihen und Kirchentonarten. HK Gruber nennt es einen Trick, wenn sakrale Musik säkularisiert wird – in der damaligen Zeit des Widerstands, eine kompositorische Umgehung des Verbots – und betont gleichzeitig die bohrenden, drängenden Eislerbässe und plötzlichen Taktwechsel von rasant schnell zu langsam, fast schleichend.
Wichtig zu nennen auch die musikalische Zusammensetzung des 26-köpfigen Orchesters, darunter zwei Saxophone (Alt und Tenor), Banjo und Klavier. Dazu sechsfach besetzte Celli, Kontrabässe und ausgedehnte Perkussion.
Interessant ebenso die Bezeichnungen der Sätze: Es beginnt mit dem Präludium (im energischen Allegro). Das Intermezzo des zweiten Satzes wird als „sehr ruhig“ gefordert und im „Largo Tempo“ gespielt, dann folgt ein Rondo im molto Allegro und schließlich Die Fabriken, bekannt als das Solidaritätslied, ohne Satzbezeichnung versteht sich.
„Angewandte Musik“
Ein 10-minütiger Hammer, der noch einmal die gesamte musikalische Sprache des Komponisten offenlegt. Schönberg ist zwar mitzuhören, aber auch die Absicht des Komponisten, „angewandte Musik“ zu schreiben, was hier voll zur Geltung kommt.
HK Gruber singt zum Abschluss noch: „Und endlich stirbt die Sehnsucht doch“ aus Eislermaterial. Kein politisches Finale, kein Triumph, sondern vielmehr ein Beweis für den hoch empfindsamen Eisler.
Zum Weinen schön singt er diese knapp zweiminütige nachdenkliche Canzone nach einem Text von Peter Altenberg (1859-1919), mit einem ganz persönlichen Rückblick auf die eigene Vergangenheit: „Wie in verwehte Jugendtage blickst du zurück und irgendeiner sagt dir weise, `es ist dein Glück!´ Da denkt man, dass es vielleicht wirklich so ist, wundert sich still, dass man doch nicht froh ist.“ Ein Abschluss mach Maß.
| Schlussapplaus links am Flügel: Ueli Wiget, Mitte: HK Gruber, am Tisch: Heiner Goebbels Foto: H.boscaiolo |
Mitreißende Musik
Aber der lange herzliche Applaus sollte noch einmal das orchestrale Ensemble Modern unter HK Gruber motivieren, das ironisch sarkastische Kriegslied des Prologs in Sinne eines Epilogs zu wiederholen.
Ein Zeichen der Zeit? Wohl weniger. Mehr eine Lust am Gesang und an der Lebendigkeit einer Musik, die noch heute an Modernität und auch der Absicht des Komponisten, „man muss was Nützliches abliefern“, nichts eingebüßt hat.
O-Ton Eisler: „Man kann nicht immer optimistische Lieder schreiben, das wäre langweilig, man braucht Besinnung, Überlegung, Vision und Aufschwung“, all das ist wohl die Quintessenz aus dessen Schaffen.
Ein Werkstattabend voller unterschiedlichster Eindrücke der Gesprächspartner, Heiner Goebbels, HK Gruber und Ueli Wiget, aber mit einer Musik, die noch heute mitreißt.
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