39. Rheingau Musik Festival 2026
Hayato Sumino (Klavier) und das Tonhalle Orchester Zürich (musikalische Leitung: Paavo Järvi), Kurhaus Wiesbaden, 03.09.2026
| Tonhalle Orchester Zürich (Foto: Website) |
Höchst imposanter Festivalabschluss
Das 39. Rheingau Musik Festival (RMF) befindet sich bereits im Endspurt, nur noch drei von über 153 Konzerten stehen aus. Es ist das 150. mit dem „Artist in Residence“ Hayato Sumino (*1995) am Flügel (sein 7. und letztes Konzert), gemeinsam mit dem Tonhalle Orchester Zürich unter der Leitung seines musikalischen Direktors Paavo Järvi (*1962).
Ein Gespann, das sich durchaus als höchst imposanter Orchester- und Solistenabschluss beschreiben lässt.
| Hayato Sumino (Foto: Website) |
Großes musikalisches Kino
Der Friedrich-von-Thiersch-Saal des Wiesbadener Kurhauses war selbstverständlich ausverkauft (der Intendant und Geschäftsführer des RMF, Michael Herrmann sprach in der kurzen Begrüßung von mehr als 130.000 Gästen, die in diesem Jahr bereits die Veranstaltungen besucht hätten) und die Programmnummern versprachen natürlich großes musikalischen Kino, was denn auch voll erfüllt wurde.
Dabei hatte man von Sergej Prokofjew (1891-1953) das Konzert für Klavier und Orchester Nr. 3 C-Dur op.26 (1921) sowie die 5. Sinfonie e-Moll op. 64 (1888) von Peter Tschaikowsky (1840-1893).
Wettstreit zwischen Tutti und Solo
Kommen wir gleich zu Hayato Sumino. Er ist absolut auf dem RMF angekommen und wird frenetisch gefeiert. Der Liebling des Publikums setzt sich nach ausgiebigem Empfang an den Flügel und nach einer kurzen Tutti-Eröffnung des ersten Satzes des 3. Klavierkonzerts von Sergej Prokofjew, übrigens eine herrlich lyrische Klarinettenmelodie, beginnt er mit komplexen Staccatoläufen, grotesken Figurationen und unglaublicher Vitalität dem Orchester Paroli zu bieten.
| Hayato Sumino, Paavo Järvi, Tonhalle Orchester Zürich Foto: Ansgar Klostermann |
Kaleidoskop westöstlicher Musikstile
Der gesamte Kopfsatz wird zu einem Wettstreit zwischen Tutti und Solo, ein rhythmischer und stilistischer Mix aus dessen vielfältigen Eindrücken, die er seit seinem Verlassen der UdSSR im Jahre 1918, gewonnen hat. Amerikanischer Broadway ist ebenso herauszuhören wie französischer Impressionismus oder westeuropäische Neoklassik.
Prokofjew bietet mit diesem Konzert, für das er übrigens knapp vier Jahre brauchte, ehe es in Chicago am 16. Dezember 1921 mit ihm persönlich am Klavier uraufgeführt wurde, ein Kaleidoskop westöstlicher Musikstile, wobei er klassische Formen wie Sonatensatz, Variationen und Rondo verwendet.
Das Werk kam anfangs gar nicht so an, wie er es sich gewünscht hat, wurde aber im Laufe der Zeit immer beliebter und gehört heute zum Repertoire aller großen Musikwettbewerbe wie auch aller Größen am Klavier (zu nennen unter anderen: Jewgeni Kissin, Martha Argerich, oder auch Vladimir Ashkenazy).
| Hayato Sumino, Paavo Järvi, Tonhalle Orchester Zürich Foto: Ansgar Klostermann |
Leicht und kraftvoll
Hayato Sumino spielte, das sei festgehalten, unprätentiös und ohne Anstrengung zu zeigen.
Es perlte aus seinen Fingern. Bemerkenswert dabei, sein enger Kontakt zum Dirigenten, Paavo Järvi, und zum Tonhalle Orchester Zürich. Alle harmonierten prächtig, was auch für den zweiten Satz mit fünf Variationen absolut notwendig ist.
Er wechselt zu e-Moll und ist quasi gerahmt von einer Gavotte im 2/2 Takt und von klarer Phrasierung und kraftvollem Rhythmus. Prokofjew hält sich allerdings nur bedingt an der Taktfolge. So wechselt er zwischendurch in den ¾ Takt, fügt swingende Glissandi ein, die durchaus an Gershwins Rhapsodie in Blue erinnern, stellt auch perkussive Bezüge zur spanischen Folklore her – herrlich dabei seine Kastagnetten und Tamburin Passagen – benutzt große Trommel, wie auch Pauken, um den bis zur klavieristischen Etüde auswachsenden Satz anwachsen und sich entwickeln zu lassen.
Nach einer langen Fermate (das Publikum beginnt bereits zu klatschen) folgt die Reminiszenz an die Gavotte des Eingangs, wird hier aber akkordisch erweitert und in einer Stretta Coda zu einem fulminanten Ende geführt.
| Hayato Sumino, Tonhalle Orchester Zürich Foto: Ansgar Klostermann |
Der dritte Satz, beginnend mit einem Andante maestoso und fortgeführt von einem Allegro vivace erweist sich dann als Ausbund brillanter Virtuosität. Nach einem kurzen romantischen Prolog folgt auf einem Ostinato Teppich in Sekund-, Terz- und Quartfolgen, in pochender Manier vorgetragen, ein Sammelsurium an melodischen und rhythmisch-effektvollen Episoden, die durchaus an George Gershwin, Aaron Copland und mitunter an Broadway Musicals erinnern.
Hier aber mit unglaublicher Virtuosität und technischen Finessen gespickt. Ein furioses Finale, das das Publikum von den Sitzen riss, ja man glaubte sich in ein Popkonzert der Rolling Stones oder gar Taylor Swift versetzt.
Toller Typ – Bereicherung der Musikszene
Ja, Hayato Sumino ist angekommen und gehört zu den beliebtesten seines Fachs, zumindest auf dem RMF. Zwei Zugaben mussten sein. Beide Male Eigen-Arrangements.
Zunächst ein Potpourri von Themen und Motiven, entwickelt aus einem Fugenthema und im Gestus der amerikanischen Jazz und Pop Szene.
Dann noch einmal seine Variationen aus Mozarts Ah! Vous dirai-je Maman KV 265 (bekannt als: Morgen kommt der Weihnachtsmann). Eine beliebte Zugabe, die er bereits zum Auftakt seines Artist in Residence am 22. Juni gegeben hat. Am gestrigen Abend aber irgendwie ausgereifter und mit einigen neuen Ideen ergänzt. Toller Typ und eine Bereicherung der aktuellen Musikszene.
| Paavo Järvi, Hayato Sumino, Tonhalle Orchester Zürich Foto: Ansgar Klostermann |
Kaleidoskop genialer Einfälle
Dann die 5. Sinfonie e-Moll op.64 (1888) von Peter Tschaikowsky, genannt auch die Schicksalssinfonie. In wenigen Wochen komponiert, hielt er sie für misslungen. Sie war ihm zu bunt, zu massiv, zu künstlich und nicht zuletzt zu lang. Kurzum: Sie war ihm „unsympathisch“.
Warum das? Gehört sie doch zu den meistgespielten und beliebtesten Sinfonien weltweit überhaupt. Bekanntlich litt der Komponist zeitlebens unter Depressionen, was aber durchaus seinen Werken förderlich war.
So besteht gerade diese Sinfonie aus einem Kaleidoskop genialer Einfälle, die die vier Sätze zu einer Meisterleitung werden lassen.
Poesie der Gefühle
Beginnen wir gleich mit dem Schicksalsmotiv des ersten Satzes im Andante und folgendem Allegro con anima: ein beeindruckender Trauermarsch, von einer Klarinette angeführt, der mit großer Leidenschaft und Hingebung präsentiert wird. Zum Weinen schön.
Tschaikowsky spricht hierzu von „völliger Ergebung in das Schicksal“, was vom Tonhalle Orchester Zürich quasi verinnerlicht wurde. Auch das folgende Allegro, „voller Murren, Zweifel, Klagen und Vorwürfe“, von einem Walzerrhythmus im ¾ Takt unterbrochen und von den Blechbläsern fantastisch begleitet, wird unter dem umsichtigen und tiefen Tschaikowsky-Verständnis getragenen Dirigat von Paavo Järvi, zu einer Poesie der Gefühle, oder der Stimmungsschwankungen.
Das Fagott formt dabei die einleitende und abschließende Melodiegebung. Eine gewaltige Fanfare der Blechbläser scheint das Ende des Kopfsatzes einzuleiten, aber nein, die Hörner stimmen dagegen und beenden ihn in einem langandauernden pianissimo Morendo.
| Paavo Järvi (Foto: Website) |
Zwischen Hoffnung und Verzweiflung
Satz zwei beginnt mit einem Hornthema, ein himmlischer Gesang, ganz im Sinne Tschaikowskys, den die Frage beschäftigt: „Soll ich mich dem Glauben in die Arme werfen?“ Der Satz soll con alcuna licenca (mit einiger Freiheit) gespielt werden, was vom Orchester mit großem Ausdruck und farbenreichem Klang der Holz- und Blechbläser bestens erfüllt wird.
Man fühlt sich zuweilen wie von einem Lichtstrahl getroffen, der allerdings alsbald wieder vom düsteren Schicksalsmotiv aufgefangen wird. Ein Satz zwischen Hoffnung und Verzweiflung.
Aufblitzen mit Augenzwinkern
Das soll sich zwar im dritten Satz, genannt Valse-Allegro moderato, ändern. Etwas heiterer scheint hier die Stimmung des Komponisten, vom Orchester und seinem Dirigenten in eleganter Ironie gestaltet. Ein Aufblitzen mit Augenzwinkern. Großartig.
„Höchst tapfer gewehrt“
Das Finale wiederum folgt in einem strahlenden E-Dur. Die Reminiszenz zum Schicksalsthema wird hier im maestoso gestaltet. Der Trauermarsch wird zum Hoffnungsmarsch.
Das Allegro vivace dann zur Revolutionsouvertüre mit einigen vorweggenommen Sentenzen aus seiner Ouvertüre 1812 (1889). Alles in allem ein Finale ganz im Sinne Klaus Manns: „Sie hatte Schwermut und Glanz … und am Ende den stolzen und heftigen Überschwang dessen, der sich höchst tapfer gewehrt hat.“ Als ob sie diese Passage aus dessen Symphony Pathétique (1935) gelesen hätten.
Einmalig – Weltklasse
Jedenfalls war diese Vorstellung in jeder Beziehung einmalig: einmalig im Klang, einmalig in der Leidenschaft, einmalig in der Musikalität und last but not least, einmalig in der Präsenz. Ein Tonhalle Orchester Zürich von Weltklasse mit einem musikalischen Direktor, Paavo Järvi von großer Eleganz und exzellenter dirigistischer Kompetenz.
| Tonhalle Orchester Zürich (Foto: Website) |
Auch hier nahm der Beifall kein Ende. Paavo Järvi und das Tonhalle Orchester Zürich sind in Frankfurt und Rhein Main regelmäßiger Gast und entsprechend beliebt.
Die Zugabe, Fratres für Streichorchester (1977) von Arvo Pärt (*1935) sollte Augenblick und Ewigkeit thematisieren, für Publikum ein fast neunminütiger besinnlicher Abschluss eines wirklich aufregenden Konzertabends.
Für den Schreiber dieser Zeilen d e r perfekte Abschluss eines langen und erfolgreichen RMFs, verbunden mit Lob und Dank an alle Beteiligten, die wieder einmal ein perfekt organisiertes, erstklassiges und herausragendes Festival geboten haben.
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