Herbstkonzerte des IEMA-Ensemble 2026
Masterstudiengang „Internationale Ensemble Modern Akademie“ (IEMA) an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt (HfMDK), Erstes Prüfungskonzert „MANTRA“ im Produktionshaus NAXOS Frankfurt, 02.09.2026
| IEMA-Ensemble 2025/26 (Foto: Wonge Bergmann) |
MANTRA # 1
Wer denkt beim Titel Mantra nicht an Karlheinz Stockhausens berühmtes Klavierduo von 1970, das die Kontarsky Brüder, Alfons und Aloys, am 18.Oktober 1970 unter der Klangregie des Komponisten höchstselbst auf den Donaueschinger Musiktagen mit großem Erfolg uraufgeführt haben?
Tatsächlich ist es Bestandteil des Prüfungskonzertabends und wohl auch der Höhepunkt, wenngleich die anderen vorgetragenen Werke ebenso von nicht geringerer Bedeutung sind.
Neun Musikerinnen und Musiker und zwei Dirigentinnen stellten sich Werken von York Höller (*1944), Luca Francesconi (*1956) sowie Brigitte Muntendorf (*1982), wie auch vom besagten Karlheinz Stockhausen (1928-2007).
| IEMA-Ensemble für Fluchtpunkte Foto: Barbara Fahle |
Keine Flucht, stattdessen konzises musikalisches Denken
Gleich zu Beginn des durchaus spannungsgeladenen Konzertabends in der gut besuchten Naxos Halle wurden York Höllers Fluchtpunkte für Ensemble (2006) von einem Quintett mit Klarinette (Neus Molero Benelto), Flöte (Ingvild Ness), Englisch Horn (Luciano Maria Maricca), Schlagwerk (Keith Ng), Klavier (Li-Ting Tai) sowie der Dirigentin Mariacostanza D´Agostino vorgestellt.
Gute acht Minuten scheinbar freie Improvisation, mehr Klangfarben als melodische Linien, wobei Klavier und Schlagwerk eher Resonanzräume schafften, die übrigen Musiker dagegen variable Felder kreierten.
Zwischendrin allerdings wird es historisch, ein Fluchtpunkt zu Schönbergs Streichtrio (1945) lässt sich fragmentarisch heraushören. Plötzliche Zäsuren scheinen die gesamte Struktur aus der Bahn zu werfen, werden aber immer wieder durch straffe musikalische Gegenbewegungen zusammengehalten. Eine wirklich beeindruckende Komposition, die das Quintett meisterhaft umzusetzen verstand.
| IEMA-Ensemble für Da Capo II (Foto: H.boscaiolo) |
Rückkehr und Erinnerung
Es folgte Da Capo II für acht Instrumente (2007) von Luca Francesconi. Neben den bereits Genannten kamen hier noch Violine (Suzune Masumoto), Viola (Ynyr Nagahara) und Cello (Mari Nagahara) dazu. Das Englisch Horn wurde durch die Oboe ausgetauscht und die Dirigentin hieß jetzt Della Ramos Rodriguez.
Da Capo II ist ein ca.12-minütiges Werk, das allein durch den Titel doppeldeutig interpretiert werden kann. Denn hier geht es weniger um das ständige Wiederaufnehmen des bereits Gesagten, sondern vielmehr um Rückkehr und Erinnerung.
Musikalisch beginnt es mit einem heftigen Tutti Schlag, der energetisch durch flirrende Triller, fließende Klangstrukturen und heftige Repetitionen des Klaviers und Schlagwerks weitergetrieben wird. Die Klangfarbe dominiert auch in diesem Stück, wenngleich das Klavier mitunter einen dominanten Part erhält. Auch hier geht es um Ausbruch und plötzlichen Stillstand, ähnlich wie in Höllers zuvor gehörtem Werk.
Eine homogene Vorstellung des Oktetts, wobei vor allem die Pianistin und der Perkussionist hervorzuheben sind.
| IEMA-Ensemble für Weight and Load #1 vorne rechts: Yué Zou, Della Ramos Rodriquez, Federico Ambruosi Foto: H.boscaiolo |
Starke Formen lindern den Schmerz
Das dritte Werk von Brigitta Muntendorf nennt sie Weight and Load # 1 (2024) für Bassflöte, Klarinette, Fagott (Johanna Mayr), Klavier (Yué Zou), Violine und Cello sowie elektronische Einspielungen. Die Dirigentin bleibt die gleiche wie bei Da Capo II.
Muntendorf schreibt selbst, dass dieses Stück von Stockhausens Klavierstück IX sowie von Mantra inspiriert sei. Tatsächlich besteht es aus lediglich aus zwei Akkorden, die sich ständig verändern und zwischen Unbeweglichkeit, Stichwort Weight, und der dynamisch konnotierten Last bzw. Belastung changieren.
Zu hören ist ein extrem pochender Duktus, einer klassischen Lokomotive gleich, mit eingestreuten rhythmischen Verschiebungen und heftigen elektronischen Nebengeräuschen. Plötzliche Ausbrüche und lange Fermaten sind auch hier strukturbildend. Knappe 12 Minuten hört man teilweise schmerzhaft schrille Partien.
Nicht von ungefähr verweist sie auf den Dramaturgen und ihren geistigen Begleiter, Heiner Müller (1929-1995), der zur neuen Musik einmal sagte: „Nur starke Formen helfen gegen den Schmerz.“ Bekannt ist auch sein Bonmot: „Wenn Musik ihren Biss verliert, besetzen die Zahnärzte die Konzertsäle.“
Ein Abschluss nach Maß für den ersten Teil des Konzert, den das Sextett mit absoluter Bravour meisterte.
| IEMA-Ensemble des 1. Herbstkonzerts Foto: H.boscaiolo |
Kommen wir zum zweiten Teil des Konzert, das ausschließlich mit Stockhausen Mantra (1970) für zwei Klaviere, Ring-Modulatoren & Elektronik ausgefüllt war.
Es spielten die bereits genannten Pianistinnen aus China, Yué Zou, und Li-Ting Tai aus Taiwan. Die Klangregie hatte Federico Ambruosai übernommen.
Statt dem heute bereits antiken Ringmodulator, bevorzugte er Sampler, die von den beiden Pianistinnen bedient werden. Dazu hatten beide eine Ansammlung von Zimbeln und jeweils einen Holzblock auf ihre Pianos postiert.
| Yué Zou und Li-Ting Tai in Mantra Aktion Foto: Barbara Fahle |
Geistig-musikalische Brücke zwischen Ost und West
Was aber ist Mantra? Knapp zusammengefasst ein gut 70-minütiges Werk, das streng serielle Kompositionstechniken mit meditativ-fernöstlichen Denkweisen (Stockhausen spricht von tantrischer Philosophie) verbindet. Aber es ist natürlich viel mehr.
Nach Stockhausen besteht es aus einem ständigen Prozess zwischen mikro- und makrotonalen Strukturen, oder, wie er sagt, zwischen Kosmos und Chaos. Dabei hat er das monumentale Werk in dreizehn Abschnitte gegliedert. Jeder Zyklus von mehreren Minuten entspricht einem Ton der 13-tönigen Grundformel und wird von einer genau festgelegten Klangcharakteristik bestimmt.
Mantra beginnt demnach im Mikro-Format und weitet sich bis zum Makro-Format aus. Das ganze Stück besteht aus d e r Urformel, die periodisch immer wieder zu hören ist.
In der großen, rasend virtuosen abschließenden Coda des 13. Zyklus´ wird quasi noch einmal alles zusammengefasst. Hier werden, heißt es bei ihm, „alle Transformationen, Zeitzerrungen und Skalen im Zeitraffer übereinander geschichtet, bevor das Werk in einem Zustand kosmischer Ordnung verklingt“.
| Yué Zou, Li-Ting Tai (Foto: H.boscaiolo) |
Phantasmagorische Vorstellung
Die beiden Tastenkünstlerinnen verstanden es prächtig, den inneren Aufbau des doch komplexen Werkes transparent zu gestalten und brillierten zudem vor allem im klanglichen, rhythmischen wie auch virtuos-technischen Bereich.
Sie boten eine gute Stunde Musik vom anderen Stern mit synkopischen Elementen aus dem Jazz, Blue Notes und spannungsgeladenen Clustern, wie auch Ragtime mit anschließenden perkussiven Akkordfolgen, gemischt mit wellenförmigen grobkörnigen Einspielungen des perfekt eingespielten Trios. Denn die Klangregie hatte ihren großartigen Beitrag zum Gelingen dieser doch phantasmagorischen Vorstellung von Mantra beigetragen.
| Yué Zou, Federico Ambruosi, Li-Ting Tai Foto: H.boscaiolo |
Neuinterpretation fürs 21. Jahrhundert
Ein geistiger Hörgenuss wie auch eine Brücke zwischen westlicher und östlicher Philosophie. Stockhausens Absicht war es zu dieser Zeit, über das fernöstliche Mantra als meditative Konzentrationsübung dem rationalen westlichen musikalischen Denken einen Kontrapunkt zu setzen.
Er spricht zwar von einem Trancezustand, der durch die ständige Wiederholung der einzigen musikalischen Keimzelle erreicht werden solle. Aber am gestrigen Abend blieb davon eigentlich nichts. Es waren tatsächlich fast 75 Minuten der völligen Konzentration und Be- bzw. Verwunderung, wie aus einer winzigen mikrotonalen Zelle ein grenzenloser Kosmos entstehen kann.
Das Trio Yué Zou, Li-Ting Tai und Federico Ambruosai haben das leider selten aufgeführte Mantra quasi für das 21. Jahrhundert neu interpretiert. Eine Meisterleistung.
| IEMA-Ensemble des 1. Herbstkonzerts Foto: H.boscaiolo |
Das erste der drei Herbstkonzerte des IEMA war tatsächlich ein Erlebnis der besonderen Art, was für alle Teilnehmer gleich gilt, ein Erlebnis, das wirklich noch lange in Erinnerung bleibt. Prüfung mit Auszeichnung bestanden, mehr geht nicht.
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